Rede zum Bremer Literaturpreis 2001

 Alexander Kluge (26.01.2001)

Sehr geehrter Herr Senator, mein lieber Verleger, Frau Müller, liebe Jury, lieber Herr Buchwald, lieber Laudator, liebe Anwesende!

Es ist eine große Ehre für meine Arbeit, dass die Jury einen sehr ungewöhnlichen Schritt getan hat und mir diesen großen Bremer Literaturpreis ein zweites Mal verleiht. Das ist etwas, was mich außerordentlich ehrt. Ich danke auch für die Worte, die der Laudator hier der Arbeit gewidmet hat; ich empfand sie als liebevoll. Als ich heute frühstückte, las ich im hiesigen Blatt andere Kommentare: Ich bin da zu einer "singenden Säge" ernannt. Ich war schon mal "Quotenkiller" - Herr Thoma hat mich mit meiner Fernsehsendung als solchen bezeichnet -, aber "singende Säge" hatte ich als Rang noch nie. Und da ich ja Jedes, was in der Welt ist, eigentlich naturgemäß auch in einen Dialog nehmen möchte, werde ich meine vorbereitete Rede vielleicht etwas variieren und versuchen, darauf ein paar Antworten zu geben, und zwar nach den Kategorien von Kontinuität, Zusammenhang und Buch oder Vernetzung. Ich möchte ein kurzes Wort zur Aufklärung sagen - es ist alles nicht lang -, und dann noch etwas zu Herrn Urweider, der mich sehr überrascht und sehr erfreut hat.

Kontinuität: dass ein Mensch sich gleich bleibt, dass bestimmte uns Menschen mitgegebene Konstanten (der Zuverlässigkeit, der Wahrnehmung, der Wehrhaftigkeit) gleich bleiben, ist etwas, das ich als Glücksfall empfinde, so dass ich in dem Wort semper idem keinen Vorwurf sehen kann. Charakterfragen sind eigentlich während eines Lebenslaufes gleichbleibend. Die sich das leisten können - und in unseren Zeiten kann man das gelegentlich, weil wir keinen Stalin haben, kein Drittes Reich, und viele andere Brüche, die Lebensläufe unterbrechen, ebenfalls abwesend sind -, kann man als recht glückliche Generationen bezeichnen. In diesem Ganzen, sich Gleichbleibenden gibt es aber sehr verblüffende Veränderungen. Wenn ich an das Jahr 1979 denke - es ist der Zeitpunkt, zu dem mein Vater stirbt; es ist der Zeitpunkt, zu dem ich das Buch Unheimlichkeit der Zeit schrieb; es ist zwei Jahre nach Schleyers Tod -, ein Zeitpunkt, zu dem die Verhältnisse in unserer Republik mir unheimlich schienen. Unheimlich war auch die Drohglocke der beiden Supermächte, von der heute, im Moment, nichts mehr vorhanden ist, auch wenn sich das durch ein SDI-Projekt in Alaska sehr schnell wieder ändern kann. Das alles hat mir das Schreiben in den 80er Jahren objektiv schwer gemacht. Ich hatte nichts mitzuteilen, was fröhlich stimmt; ich hatte keine Perspektive zu beschreiben für Lebensläufe, die jederzeit dadurch unterbrochen werden konnten, dass diese Abschreckungstheorie, die ja hoch abstrakt ist, vielleicht nicht eintritt, nicht funktioniert und dass es ein großes Unglück gibt. Wenn ich diese 21 Jahe nehme von 1979 (Sie könnten also sagen: von dem ersten Preis, den ich hier erhielt) bis zum heutigen Zeitpunkt, dann muss ich sagen, dass da nicht nur ein Jahrhundert nach dem Kalender anders zählt, sondern das ist länger als 100 Jahre her. Das ist eine andere Welt - und zwar zu unserem Glück eine andere Welt. Ich möchte mich jetzt nicht anheischig machen zu begründen, was daran etwas geändert hat. Zwar halte ich unsere Welt heute für nicht weniger gefährlich, aber die Horizonte der Hoffnung sind weiter gerückt. Man kann, wenn man in Odessa oder bei uns oder in den USA einen Lebenslauf konzipiert für die Kinder, den Eindruck haben, man hätte 100 neue Jahre, ein Riesen-Bankguthaben an Zeit: Die Welt erscheint aussichtsreich. Und selbst, wenn das eine Illusion ist, ist es eine Illusion, die Aktivität in die Lebensläufe hinein bringt. Das ist, unter anderen, einer der Gründe dafür gewesen, dass ich mich mich, an Heiner Müller entzündet, wieder dem Buch energisch zugewendet habe.

Zusammenhang: So viele Autoren haben schon geschrieben von Ovid bis heute; und vor Ovid gab es noch einmal lange Zeiten, in denen schon geschrieben wurde; und davor gibt es die Zeiten, wo erzählt wurde, als würde geschrieben. Das heißt, wir haben eine uralte Mitgift des Erzählens in der Menschheit, und das Gefäß, das es fest hält, ist das Buch. Dem stehen andere Medien gegenüber, die (ähnlich der Musik, aber weniger verantwortlich als die Musik) Zeit-Werke sind. Plötzlich entsteht aus einem einzelnen Bild vom Kettenhofweg in Frankfurt (einem Bild, das völlig bekannt ist, das in jedem Archiv abgerufen werden kann) eine Sensation in Neuauflage, eine selektive Diskussion der 68er Bewegung. Da ist jetzt die Kategorie des Zusammenhangs sehr wichtig, die ich in der Literatur am besten darlegen könnte. Wenn Sie etwa daran denken, dass im Kongo 1960 Lumumba, der gewählte Präsident, ermordet wird; dass wenig später der Generalsekretär der UNO, Hammarskjöld, in dem selben Land bei der Krisenbewältigung abgeschossen wird (man weiß nicht: War es ein Attentat? Wer war der Attentäter? Bei Lumumba weiß man, wer ihn tötete) - und noch heute ist der Kongo nicht beruhigt. Gerade vor wenigen Tagen hat es wieder ein Attentat gegeben. Das ist ein Land, das man sich von hier aus gar nicht vorstellen kann in seiner Größe: Es reicht von der Bretagne bis nach Moskau und wird behandelt wie ein Stück Kolonie - als wären wir auf der Berliner Konferenz 1888.
Nehmen Sie ein anderes Beispiel: den Vietnamkrieg. Ohne dass wir uns noch einmal besinnen und zurück erinnern, ist uns hier nicht gleich geläufig, dass in den USA, in Berkeley, eine Studentenrevolte statt fand, die der unsrigen nicht hinterher hinkt. Wir haben in Frankreich im Mai 1968 eine große Revolte, die die Hauptstadt besetzt; das sieht zeitweise so aus wie die Anfänge einer französischen Revolution. Der Staatspräsident muss sich verständigen über einen möglichen Angriff von Panzern aus Baden-Baden her, um das eventuell zu applanieren. Dies alles sind sehr komplexe Zusammenhänge, die mit dem Tod von Ohnesorg in Berlin beginnen, in einer Phase, die sehr viel Reflexion, sehr viel Anstrengung enthält und auch sehr viel Furcht enthält auf der Seite der Studenten. Es wird nach dem Attentat auf Dutschke eine Radikalisierung eintreten, diese Zeit endet aber damit, dass der SDS sich in hoher Verantwortung selber auflöst. Erst sehr lange danach kommen die "RK-Kämpfe", wie man das nach der Gruppe Revolutionärer Kampf nannte. Ich bin ein Vor-Achtundsechziger. Ich war hier als Chronist tätig, als Filmemacher, und wir haben sehr viel gefilmt - den Herrn Außenminister habe ich selten filmen können, er hatte keine überragende Bedeutung in diesen Gruppen -, aber man konnte Eines ganz sicher sagen: Wenn ein Gespann wie die Gebrüder Grimm aufgesammelt hätte, was an Impulsen, an Projekten in jener Zeit wöchentlich entwickelt und wöchentlich wieder fallen gelassen wurde, dann wäre das alles zusammen ein Parteiprogramm, an dem man 100 Jahre als ganzes Gemeinwesen gut arbeiten könnte. Und mit Arbeit verknüpft, wären die meisten dieser Ideen nach trial and error auch auflösbar gewesen. Man hätte aus den Irrtümern gelernt, und man hätte aus den Projekten Selbstbewusstsein gewonnen. Da ist die Schulreform-Bewegung, die seit der Reichsschulkonferenz von 1921 zum ersten Mal überhaupt diese Diskussion einer Veränderung des Bildungswesens, einer Investition in unsere Kinder und in Bildung zum Ausgangspunkt nimmt; da sind die multikulturellen Ansätze; da sind die Justiz-Kampagne, die Gefängnis-Kampagne, die Bundeswehr-Kampagne. Da ist eine Unruhe und eine Fülle von Projekten, von denen anschließend zwar nur Weniges ausgeführt wurde, aber das, was in Arbeit umgesetzt wurde, hat unser Gemeinwesen gestärkt. Die Krise hat in diesem Sinne dazu geführt, dass wir wie eine zweite Verfassung die Bundesrepublik konsolidieren konnten zu einem sehr festen Rechtsstaat, der dann auch in der Lage ist, neue Länder auf zu nehmen und dessen Stimme auch in Europa gehört wird.
Wir sollten so einen Friedensschluss, wie er in der Amnestie steckt, die 1969 von allen Parteien getragen wurde, als die Protestbewegung beendet wurde, nicht unterschätzen: Das gehört zum Gemeinwesen. Lassen Sie mich, wie schwer es ist, mit zusammenhängender Zeitgeschichte umzugehen, noch an einem anderen Beispiel erläutern. Hans Dieter Müller, mein langjähriger Lektor, ein Mann aus Bremen, der sich hier Verdienste um die Universität erworben hat, ein Literat hohen Grades, hat damals zusammen mit einem Juristen, Rechtsanwalt Kückelmann, der auch Filmemacher ist, und mir freiwillige Hilfsdienste im Bundestag geleistet. Wir haben die Abgeordneten der Koalition - wie Burkhard Hirsch, Peter Glotz, Heide Simonis -, die für die Amnestie votierten und Formulierungshilfe gebrauchen konnten, beraten, Botengänge gemacht. Auf der anderen Seite war ein Studiendirektor, der das Ganze unter den Gesichtspunkten einer Schulordnung sah und besondere Tätergruppen aus der Amnestie heraus zu nehmen versuchte - das war der Abgeordnete Dichgans. Diese Fraktionierung quer durch die Parteien kämpfte sehr hart mit Bildern. Da fuhren Autos auf der Autobahn heran von Frankfurt nach Bonn und brachten Filme. Das ging durch's Haus im Bundestag, dass jetzt wieder die Polizisten ganz deutlich verprügelt worden waren. Dann kam der Gegenschub - daran haben wir auch mit gearbeitet, das Material zu besorgen -, der zeigte wie die Studenten drei Stunden lang verdroschen wurden. Diese Materialschlacht an Information - Film, Fotos, Angaben; Zeugenaussagen, wahre und unwahre Aussagen - kann man nur einmal im Leben einer Nation wirklich schlagen, und sie muss mit einer Entscheidung enden. Das kann man nicht leichter Hand zu jedem Zeitpunkt wieder aufgreifen: Entweder gilt eine Amnestie, oder sie gilt nicht; die Amnestie ist eine sehr reale Form, etwas, das Gott sei Dank kein Bürgerkrieg wurde, eine Polarisierung, die überwunden worden ist. Sie zu bereinigen, das ist ein wertvolles Gut, das wir schützen müssen; das ist ein anvertrautes Gut, der Rechtsfrieden.

Aufklärung: Adorno wurde vorhin zitiert. Er ist ein Mann, der an manchen rhetorischen Elementen der Aufklärung verzweifelt ist und der mit Horkheimer das Buch Dialektik der Aufklärung schrieb, ein sehr skeptisches, ein sehr dunkles Buch. Obwohl ich mir eigentlich alles innerlich zu eigen machen kann, was Adorno je schrieb, muss ich sagen - es gibt mehr Auswege in der Welt, als er annahm. Es gilt eben nicht nur sein Satz: "Es gibt kein richtiges Leben im falschen," sondern es gilt auch der andere Satz, der von ihm stammt: "Man darf sich weder von der Macht der anderen noch von der eigenen Ohnmacht dumm machen lassen." Das ist eine Aufforderung zum Handeln, aber vor allen Dingen eine zum Schreiben, zum Forschen, zum Recherchieren, und in diesem Sinne kann ich als meine persönliche Meinung (und die kommt in meinem Buch sehr deutlich zum Ausdruck) sagen, dass alle Impulse der Aufklärung, je früher sie angesetzt waren, noch einmal auf genommen werden sollten. Eine Aufklärung entsteht eigentlich im 17. Jahrhundert - also 100 Jahre vor der französischen Revolution finden wir in Frankreich und in Deutschland und in anderen europäischen Ländern, in den USA dann auch bald eine Aufklärung, die von einem Eigentumsbegriff ausgeht, der die subjektive Seite des Meschen einbezieht. Das wichtigste Eigentum, das ich lebenslänglich mit mir trage, sind meine Empfindungen, mein Unterscheidungsvermögen, die Fähigkeit, freiwillig etwas zu tun - etwas zu tun, das dem Gemeinwesen dient. Dann kommt erst mein Grundstück und mein Geschäft.
Das heißt: Es ist keine Börse der Gefühle, sondern eine Produktionsstätte des Gefühls. An diese Form der Aufklärung unser 21. Jahrhundert anzukoppeln und eine Eröffnungsbilanz zum 21. Jahrhundert neu zu schreiben - unter Anknüpfung an Montaigne, an alle diese Philosophen, Projektemacher, Dichter, die nach den blutigen Bürgerkriegen und Religionskriegen, die die frühe Neuzeit kennzeichnen (die Hugenottenkriege in Frankreich, der 30jährige Krieg bei uns), einen Neuanfang setzen - und alle Gefühle, auch die Irrtümer, wenn sie nützlich sind dafür, dass Menschen zu einander kommen und sich vertragen, noch einmal abzuklopfen und auf den Prüfstand zu stellen, das ist etwas, was uns zu Beginn des 21. Jahrhunderts auch im Interesse unserer Kinder und der Solidität unseres Gemeinwesens gut ansteht.

Ich führe den Entschluss der Jury, mir diesen Preis ein zweites Mal zu geben, auch auf die Freude über die Heimkehr eines verlorenen Sohnes zurück. Sie glaubten schon, ich wäre endgültig im Fernsehen verschwunden, und hier mit einer Menge Texten bußfällig anzukommen, zu Hause sozusagen, das ist etwas Wichtiges, und wenn ich sage "zu Hause", dann meine ich eine vertrauenswürdige Beziehung, wie es sie nur unter Büchern, unter Autoren gibt. "Autor" heißt ja nichts anderes, als dass einer selbständig arbeitet und denkt, "Autor" ist eine Form des Selbstbewusstseins. Ovid, selbst ans Schwarze Meer verbannt, hat dieses Selbstbewusstsein gehabt und beschreibt den Weg von Troja bis Rom und wieder zurück, mit allen Göttern und allen Menschen, die leiden. Metamorphosen, sich wandeln, Pflanzen, Götter, Menschen - das heißt die Leidkultur aushalten. Das sind sozusagen Nachbarn unserer Zeit. Es ist zwar 2000 und einige Jahre her, aber für uns ist Ovid ein gegenwärtiger Autor. Heiner Müller hat mich 1987 sehr entzündet, wieder zu schreiben, indem er mich darauf hinwies, wie verwandt Autoren untereinander sind. Wir mögen qualitativ verschieden sein - ich bin ein Zwerg, und da ist ein Großer, ein literarischer Riese -, aber vertrauenswürdig sind wir beide, weil wir uns gleicherweise Mühe geben. Es gibt ein Projekt, an das ich innerlich glaube: es gab einmal die wunderbare Bibliothek in Alexandria, die enthielt allle Bücher der Antike. Ein fanatischer Christenbischof im 4. Jahrhundert ließ sie abbrennen, weil man eigentlich bloß die Heilige Schrift braucht und auch die nichtmal. Und hier glaube ich, dass alle Autoren zusammen, so wie sie arbeiten, diese Bibliothek von Alexandria, auch die verlorenen Bücher darin, im Herzen tragen. Das ist mir eine Utopie: dass wir - durch praktisches Tun und dadurch, dass wir sie innerlich lebenslänglich weiter tragen - diese Bibliothek wiederherstellen.

Ich möchte zum Schluss noch etwas erwähnen, das mich sehr überrascht hat gestern, nämlich die Begegnung mit Raphael Urweider. Darüber bin ich sehr froh und möchte der Jury ganz herzlich dafür danken, dass sie uns zusammengebracht hat. Wir haben vor, aus dieser Begegnung heraus zusammenzuarbeiten - hier sind offenkundig Verwandtschaften und Ergänzungen, die quer zu den Generationen verlaufen. Ich habe vor, daß, was ich hier auf's Konto bezahlt bekomme, sofort in diese Zusammenarbeit zu investieren, weil es einfach naheliegt. Zusammenarbeit unter Autoren, das ist etwas, das mich ganz besonders erfreut!