Eine Laudatio von Tom Tykwer anlässlich der Verleihung des Ehrenpreis der Deutschen Filmakademie am 25.4.2008 in Berlin

Tom Tywker

Das wird ihm gefallen, dass hier nun einer in ein paar Spalten ein ganzes Leben umreißen soll. Eine Lebensleistung. Eine Persönlichkeit. Oder zumindest ein Bild davon. Oder die Idee eines Bilds, wenigstens aber eine Skizze. Denn die Skizze, die gedankliche, die ästhetische, die theoretische, das ist eine gewisse Leidenschaft von Alexander Kluge, von dem in dieser Skizze also nun die Rede sein soll.

Wer sich mit Kluges Werk, vor allem mit seinen Texten beschäftigt, weiß, was damit gemeint ist - wenn hier von einer Liebe zum Fragment die Rede sein kann, dann geht es dabei weniger um das Verweilen in der Andeutung, sondern eher um die Vertiefung in der Vielfalt einer Denkfigur. Kluge ist ein Sammler - aber keiner, der wild stapelt, sondern ein systematischer, analytischer Sammler, der zielgerichtet nach Umwegen und Spuren sucht, in welchen sich das Geheimherz einer Idee verstecken mag.

Geistesblitz der Kinematographie

Das Kino hat in Skizzenform begonnen, mit einminütigen Filmen; solche dreht Kluge unter anderem gerade wieder, und er bezieht sich damit auf die Anfänge des Mediums ebenso wie auf seine ganz aktuelle Gegenwart. Gestern war der Abschied vom Kino eine futuristische, unwahrscheinlich anmutende Vision. Heute findet er statt. Wir verabschieden das Kino. Und begrüßen es gleich wieder, multimedial, allgegenwärtig, alltäglich.

Schon lange lebt der Film nicht mehr nur im Dunkel des Kinosaals allein, er findet ebenso gut auf dem Fernseh-, dem Computerbildschirm, bei Youtube, im Download und auf dem iPod sein illudierendes Zuhause. Das bewegte Bild ist gelenkiger als früher, es fährt mit uns U-Bahn, es fliegt im Airbus, es läuft unter der Schulbank, auf der Schulbank, im Restaurant, im Supermarkt, im Hotel, am Bahnsteig, überall. Die Kinematographie ist flügge geworden über die Jahre, und Alexander Kluge war stets einer ihrer Testpiloten. Denn bevor die Idee des filmischen Fragments die Welt zurückeroberte - heute werden mehr Clips, Trailer und Kurzfilme im Internet gesehen als irgendeine andere, längere Erzählform -, war Kluge immer schon einer derjenigen, die in der cineastischen Kondensierung Geistesblitzhaftes aufzuspüren vermochten. Unerwartete Zusammenhänge entdecken und herstellen, das liegt genuin in der Natur des Kinos, der Vorgang ist seinen technischen Abläufen sozusagen immanent.

Eine Art dritte Zeit

In Kluges Bild- und Textkosmos ist die Filmgeschichte allgegenwärtig. Der kinematographische Apparat und wie er das letzte Jahrhundert formte, wie er nicht nur Geschichten, sondern auch Geschichte aufzeichnen, beeinflussen, umschreiben und neudenken konnte - das hat Kluge in seinen Spiel- und Essayfilmen, seinen Fernsehkondensaten, Kulturmagazinen und Texten konstant beschäftigt. Die Frage, wie sehr der Mensch im Austausch mit dem Medium seine Bedürfnisse wandelte, neue Interessen entwickelte und für fremde Ideologien warm gemacht wurde, steht in Kluges Werk ebenso im Zentrum wie die Frage, warum das Phänomen der eingefangenen, aber nicht angehaltenen Zeit (Tarkowski nennt sie die "versiegelte Zeit"), welche nur das Kino hervorbringt, einen Großteil der Menschheit seit einem guten Jahrhundert in ihren Bann schlägt.

Um es mit Kluges Worten zu sagen: In der Montage eines Films, wenn mehrere monadische, also autonome Bilder (Einstellungen) zusammengefügt werden, schafft ein "konzentrierter Moment Gegenwart im Kampf mit einem zweiten konzentrierten Moment Gegenwart eine dritte Zeit und damit ein virtuelles Bild. Und über diese dritte Zeit lassen sich alle übrigen Zeiten erreichen. Die Entsprechung zu dieser Arbeitsweise ist in den Zuschauern längst vorhanden. Jeder Mensch besitzt Erinnerung und stammt aus einer Vergangenheit; ohne Horizonte, das heißt Zukunft, wäre er nicht lebendig. Seine Phantasie, die kein Befehl anzuhalten vermag, verbindet ihn mit dem Konjunktiv und dem Optativ, also mit der Möglichkeitsform und der Wunschform."

Das Deutschland von Gestern

"Der Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit": ein paradigmatischer, ein typischer Kluge-Titel. Auch: "Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos". "Die Macht der Gefühle". "Abschied von gestern". "Gelegenheitsarbeit einer Sklavin". Und: "In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod." Für Kluge stellt ein junges Medium wie der Film "ein natürliches Experimentierfeld für die Erneuerung des Poetischen" dar. Mit Jean-Luc Godard: "den Gang der Gedanken filmen und schreiben".

In Venedig läuft im Jahre 1966 sein Debütfilm mit dem Titel "Abschied von gestern". Darin sieht Deutschland aus, wie (West-)Deutschland 1966 tatsächlich aussah: ein spröder, unfreundlicher, schmuckloser, uns Deutschen dennoch seltsam vertrauter Ort, streng, von enthaltsamer Geste, mit aller Sinnlichkeit fremdelnd. Eine Frau, die ganz und gar nicht unsinnlich aussieht, aber kaum einen Ort findet, an dem sie dies aus- oder erleben könnte, durchschreitet dieses Land, das, von strenger juristischer Hand geführt, der Abweichung, dem Ausfall und der Nebenspur keine Chance lässt. Das Deutschland von "Abschied von gestern" hat vieles wieder gut- und richtig zu machen, und da die Repräsentanten zu wissen glauben, was erwartet wird von Deutschland, nämlich eben dass es keine Fehler mehr macht, duldet Deutschland in "Abschied von gestern"? auch niemanden, der dieses Dogma gefährden könnte, am wenigsten eine Frau.

Archäologe des Augenblicks

Wie in "Abschied von gestern" Alexandra Kluge oder in "Die Patriotin" und vielen anderen Kluge-Filmen Hannelore Hoger ist es oft eine Frau, die Deutschland und den Deutschen staunend, beobachtend, mitunter leicht irritiert begegnet - ein Land, seine Menschen und seine Orte als Bühne für die politischen, sozialen und alltäglichen Missverständnisse und Widersprüche, die sich zu unserer Geschichte zusammensetzen zu dem, was wir Heimat nennen.

Man könnte den Filmemacher Kluge also als einen filmischen Seismographen, einen Kartographen des Zustands unseres Landes begreifen, der auf der Suche nach den Zusammenhängen zwischen sehr unterschiedlichen Ereignissen, angeblich bedeutenden und scheinbar bedeutungslosen, so etwas wie emotionale und kulturelle Archäologie betreibt.

Widerborstiger Giftmischer

Dann gibt es den Fernsehmacher Kluge. Das Fernsehen, insbesondere das sogenannte private, ist ein inzwischen beinahe uferloses visuell-akustisches Sammelbecken, in ihm stapeln sich unzählige Bilder und Worte, die zunehmend zwanghaft an ihrer Vergänglichkeit rackern. Sie sind heftig darum bemüht, so schnell wie möglich vergessen zu werden, um das Interesse an ihrem Nachfolgebild hochzuhalten. Diese optischen und akustischen Einheiten verfolgen eine quasi suizidale, eine antinarrative Strategie gegen jedes Verknüpfen, die das Verhältnis von Bildern und Tönen zueinander, wie Kluge es sieht, auf den Kopf stellt. Das einzige und oberste Gelübde ist, den Zuschauer vom Um- oder Abschalten abzuhalten, ihn festzuhalten wie einen Ewigdurstigen durch rares, aber ständiges Beträufeln von Wassertröpfchen.

So gesehen, vergiftet Kluge das flaue, karge, eigentlich ungenießbare Trinkwasser der quotenhysterischen Privatfernsehwelt, oder sagen wir besser: er mischt etwas unter, das plötzlich die Erinnerung an Geschmack und Belebung weckt. Er kommt zu nächtlicher Stunde und kippt in dieses Sammelbecken der geschmacksneutralen Bilder und Töne einen Haufen visueller und akustischer Fragmente, die gar nicht anders können, als hängenzubleiben, weil sie auf die Borsten des Widerstands reduziert in der Brühe umherschwimmen, widerborstig eben, und zwangsläufig zu Ideen führen, weil sie selbst Ideen sind. Ideeninseln, aus denen die restliche Welt strahlt, die Welt jenseits der Ideenlosigkeit, wie ein assoziatives Kaleidoskop des geistig Möglichen. Kluges Gift ist also mediales Gegengift: Gedanke gegen Narkose, Vermutung gegen Setzung, Hinterfragung gegen Behauptung.

Die Träume weiter weben

Alexander Kluge ist aber auch eine Stimme. Eine Stimme aus dem Hintergrund, ein leises, sanftes, insistierendes Drängen - dahinter steckt freundliche, unbändige Neugier, manchmal fast stoisch, vor allem aber suchend, verknüpfend, den endlosen Flickenteppich der Aufklärung, der Kritik, der Vernunft und der Träume weiterwebend.

Kein Filmemacher in Deutschland dreht zurzeit an ähnlich vielen Projekten und ist ähnlich vielstimmig allerorts zu sehen und zu hören wie Kluge. Wir haben uns, unfassbar eigentlich, sogar daran gewöhnt - vom Luxus seiner ständigen Spiel-, Assoziations- und Auseinandersetzungswut in den Alltagsmedien, auf Festivals, in Museen, Büchern und Zeitungen zu profitieren. Und nicht nur dafür erhält Alexander Kluge - ich würde sagen zwischendurch - ein weiteres schönes Fragment einer erstaunlichen Erlebniskette, den Ehrenpreis der Deutschen Filmakademie 2008.