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Alexander Kluge: Kulturgeschichte im Dialog

Ein Gemeinschaftsprojekt von Cornell University, Universitt Bremen und Princeton University.


Glossen | German Literature and Culture after 1945

College-Website in den USA - mit Filmen & und Hinweisen auf "History & Obstinacy"


BER KLUGE:

Glass Shards: Echoes of a Message in a Bottle (Alexander Kluge-Jahrbuch)

Flaschenpost war Adornos resignative Metapher aus dem Jahr 1940 fr die eingebte Wirkungsmacht...


ZULETZT ERSCHIENEN:

Chronique des sentiments, Tome 1 : Histoires de base (Franzsisch)

"Ce dont les hommes ont besoin au cours de leurs vies, c'est d'orientation. Comme il en faut aux bateaux. Telle est la fonction d'un si gros livre : que l'on compare, se sente repouss ou attir. Un livre est comme un miroir. [...]


BUCHTIPP:

Lebenslufe

Lebenslufe

Gebundene Ausgabe: 276 Seiten Verlag:...


Alexander Kluge

Er hat in seinem Leben genug gesehen.

Auch blind htte dieser Mann noch geniale Filme dirigieren knnen

Er sa im hellen Licht Kaliforniens im Rollstuhl auf der Terrasse blicklos da. Seit einiger Zeit war er blind. Es hie, er habe bei seinen letzten Dreharbeiten bereits Schwierigkeiten mit den Augen gehabt. Andere sagten, er habe dies als Grund fr seinen Rckzug vorgeschoben, damit verdeckt blieb, da sich nach seiner Rckkehr aus der Bundesrepublik in die USA wenig neue Angebote ergaben. Da war es besser (mit der Wrde, wie er sie verstand, vereinbarer), wenn er aus physischen Grnden von sich aus auf weitere Filmarbeit verzichtete.
Vertraute von ihm sagten: Bei einem Meisterregisseur wie Fritz Lang ist es nicht wesentlich, da er etwas sieht er hat in seinem Leben genug gesehen. Er sieht jede Szene mit dem inneren Auge und mu sie nur den Darstellern, dem Kamerateam, den Beleuchtern und den Aufnahmeleitern farbig und mit hoher Bestimmtheit schildern.
Oft sa er da in der aufdringlichen Sonne des Landes, durch das physische Handicap gewissermaen gndig geschtzt. Er lie vor seinem inneren Auge die Filme ablaufen, die er nicht hatte drehen knnen. Er hatte viel Zeit verloren durch die Emigration aus Deutschland nach Frankreich und spter in die USA, danach durch die versuchte Rckkehr nach Deutschland. Und jetzt: Warten auf den Tod. Ohne Auftrag. Das waren entscheidende Zeitrume, die er gern mit Filmen, die schon geplant waren, ausgefllt htte. Er konnte sie Szene fr Szene beschreiben.
Mit Filmen wie Dr. Mabuse, der Spieler, M und Metropolis gehrt der Regisseur Fritz Lang zu den Sulen der Filmgeschichte. Lebenslang arbeitete er an seinem Mythos. Dazu gehrten das Monokel, die Reithosen, die er in den 1920er Jahren trug, und Fotos, die ihn zeigen, wie er in riesigen Ateliers in Babelsberg Menschenmassen wie Chre fhrt. Gleichzeitig war er ein empfindlicher, starkherziger Mensch. Freunde nannten ihn einen Mimosentank: eine Mischung aus Verletzlichkeit und panzerbrechender Gewalt, mit der er seine Filme durchsetzte. Ihn bewegte ein unbndiger Wille zur Kunst, zu einem Leben als Kunstwerk. Privat zhlten dazu auch Frauen, die ihn schtzten.
Mich erinnert Fritz Lang an einen Musiker, aber auch an einen Architekten. Fr seine Filme sind die Bauten, die er entwarf, ebenso wichtig wie die Handlung und die lebhafte Bewegung der Montage. Wie stark Knstler in der ersten Hlfte des 20. Jahrhunderts zugleich Ingenieure und Ingenieure Knstler sein knnen, das verbindet sich fr mich in seinem Charakter. Jean-Luc Godard hat ihm in seinem Film Die Verachtung ein Denkmal gesetzt.
Einen deutschsprachigen Regisseur dieses Kalibers gab es nur einmal. Ich mache mir Vorwrfe, da ich whrend der Zeit, in der ich fr Fritz Lang arbeitete (er drehte in Berlin den Tiger von Eschnapur), ihn weder gefilmt noch gengend befragt habe. Ich rannte den ganzen Tag in seinem Auftrag umher: Er wollte die Sperrholz- und Pappwnde, die das Atelier einmauerten, fr weite Kameraperspektiven ffnen. Das erforderte Verhandlung und scheiterte meist an den Kosten. Ich war reitender Bote fr seine Bannflche.
Fritz Lang war fr uns junge Autorenfilmer ein Idol. Anfang der 1960er Jahre haben wir versucht, an der neu gegrndeten Hochschule fr Gestaltung in Ulm, der Nachfolgerin des Bauhauses, eine Filmabteilung zu etablieren. Fritz Lang sollte unser Huptling sein. Nicht die Filme der 1930er Jahre, sondern seine Art, Filme zu machen, war die Tradition, an die wir anknpfen wollten. Ich fuhr mit Fritz Lngs Lebensgefhrtin Lily Latte nach Ulm. Das Projekt scheiterte daran, da den Ulmer Modernisten die Filme Fritz Lngs nicht quadratisch und dreieckig genug waren.
Noch der Schwung der Oberhausener Gruppe, den Initiatoren des Neuen Deutschen Films, verdankte sich 1962 seinem Selbstbewutsein. Da war er schon wieder in den USA. Mir scheint, da zu dieser Zeit sein Augenlicht schon nachlie. In seinem Kopf brannte jedoch das alte Feuer! Auch blind htte dieser Mann noch geniale Filme dirigieren knnen.