2013 Von: Silke Janßen

„Nachricht von ruhigen Momenten“ ist unser Buchtipp im Oktober | Städel Blog

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Der Filmemacher Alexander Kluge und der Maler Gerhard Richter sind nicht nur durch ihr gemeinsames Geburtsjahr 1932 miteinander verbunden, sie haben in diesem Jahr auch zusammen ein zauberhaftes Buch geschrieben und gestaltet, das sich jedweder Genreeingrenzung verweigert. Allein schon der elegante Titel macht „Nachricht von ruhigen Momenten“ zu unserem Buchtipp im Oktober.


Großartig sind die „Kürzestgeschichten“ und Momentaufnahmen in diesem schmalen Büchlein, die etwa von zwei Tauben in der Großstadt beim Nestbau berichten (neben der Fahrstuhltür, eine tragische Geschichte) oder von John Cage erzählen, der 1987 die Geräusche des brennenden Frankfurter Opernhauses aufnahm (eine Geschichte, die ebenfalls tragisch endet, nicht nur für das Opernhaus). Neben 89 Prosa-Miniaturen von Alexander Kluge stehen 64 sorgsam ausgewählte, scheinbar zufällig platzierte Fotografien Gerhard Richters. Unmittelbar und bezugslos, doch auch vertraut wirkt etwa das Foto, das Menschen in einer womöglich US-amerikanischen „Sportsbar“ zeigt, dazu einige Gedanken zum 27-jährigen Versace-Mörder Andrew Cunanan, auf dessen Hausboot in Miami Beach 51 Gegenstände vom FBI beschlagnahmt wurden. Dass für dieses Gemeinschaftswerk des Filmemachers und Schriftstellers Alexander Kluge und des Malers Gerhard Richter zwei kongeniale Geister aufeinandertreffen, spürt der Leser und Betrachter von der ersten Zeile an: „Das wollte er sich merken: die Pflanzen mit strikt gelben Blüten, die roten südlichen Farben zwischen den Sträuchern.“ Gleichsam Richters Fotografien ist dieser Satz sowohl konkret, als auch nicht greifbar.

 

Meisterhaft festgehaltene Augenblicke
Es sind Geschichten und Fotografien, die das Beiläufige und Zufällige im rätselhaften Licht zeigen. Dabei gibt der schlicht in Grautönen gestaltete Umschlag des Buchs „Nachricht von ruhigen Momenten“ auf den ersten Blick kaum einen sichtbaren Hinweis auf die Fülle an Poesie und  meisterhaft festgehaltenen Augenblicken, die dieses Buch bietet. Ob und wie sich Text und Bild aufeinander beziehen bleibt unklar – manchmal scheint ein Phänomen scharf umrissen, im nächsten Moment rückt es in die Ferne. Es sind private Gedanken, die Weltereignis und -deutung verknüpfen. Der Leser wird zum Zwiegespräch mit den Künstlern eingeladen.

Kluge und Richter realisierten mit diesem Werk bereits das zweite gemeinsame Buchprojekt. So ist 2010 die Publikation „Dezember“ erschienen, in der sich der Schriftsteller und der Maler dem titelgebenden Monat in Texten und Farbfotografien nähern. Der neue Band nimmt diesen Faden der Gegenüberstellung von Fotografie und Text wieder auf, ohne sich jedoch einem klar definierten Thema zu widmen. Das auch dies wunderbar funktioniert, verdeutlicht umso mehr, wie sehr sich die beiden Künstler ergänzen.

Übrigens: Wer weitere Werke von Gerhard Richter sehen möchte, kann in den Gartenhallen des Städel Museums unter anderem sein Gemälde „Kahnfahrt“ aus dem Jahr 1967 entdecken, das seit Kurzem gemeinsam mit Fotografien von Hiroshi Sugimoto im neuen „Seeraum“ gehängt  ist.

Alexander Kluge/Gerhard Richter, Nachricht von ruhigen Momenten Suhrkamp Verlag, Berlin 2013 Bibliothek Suhrkamp 1477 Gebunden, 135 Seiten ISBN 978-3-518-22477-9 19,95 Euro

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