2011 Von: Sven Hanuschek

Homo homini homo | Alexander Kluges politische Geschichten

Frankfurter Rundschau Kultur Literatur

Harte Bretter bohren: Alexander Kluges Wundertte ber Politik und ihre Metaphern zeigt: Er ist der Meister des erfundenen Dokuments in der deutschen Literatur.


Nach den Geschichten vom Kino (2007) und den Liebesgeschichten Labyrinth der zrtlichen Kraft (2009) hat Alexander Kluge eine neue thematisch sortierte Wundertte publiziert, diesmal zur Politik: Das Bohren harter Bretter. 133 politische Geschichten.

Auch auf diesem Feld interessiert Kluge vor allem die Frage nach dem Glck, nach dem alle Gefhle streben, gegen alle Widerstnde. Es ist schon ein bisschen vom Erwartbaren die Rede, von Macht und Eitelkeit, von der politischen Frage, wem man zutraut, dass er seine Autoritt nicht missbraucht.

Vor allem bieten diese Geschichten aber die vertraute Kluge-Mischung, komponiert mit brsken Schnitten, assoziativen Sprngen, Untergrund-Verknpfungen, die sich nicht immer gleich erschlieen; philosophische Abstraktionen stehen neben ganz konkret-sinnlichen Geschichten von Leidenschaften mal authentischer, mal erfundener Figuren Kluge ist der Meister des erfundenen Dokuments in der deutschen Literatur.

Nach seinem so beweglichen Gegenstand sucht Kluge auch in Zusammenhngen, die auf den ersten Blick skurril oder abwegig erscheinen mgen: Als Auftakt beschreibt er die erfolgreiche Politik eines Jack-Russell-Terriers, dem alle im Haushalt dienen, die letzte Geschichte beschreibt die gewaltige friedensstiftende Kompetenz von Suglingen.
Es gibt schon eine Reihe starker Thesen in diesem Buch, allerdings kommen sie meist als Zitate anderer daher, oft mit leisem Spott. So wird gefragt, wer denn nun die Hegelschen Geschftsfhrer des Weltgeistes seien. Immanuel Kant wird beim Anrhren seines Senfs gezeigt und mit den Worten zitiert, die Emanzipation wolle nicht warten.

Viele Kuriosa, viel entlegenes Wissen wird geboten: Aus der Hirse ist erst Bier gebraut und spter dann entdeckt worden, dass sich aus den Krnchen auch Brot backen lsst; die neu entdeckte wahrscheinliche Todesursache Alexanders des Groen war ein bakterielles Zellgift im Flusswasser, und so fort.

Politische Prozesse werden oft auf die Krperlichkeit der Beteiligten zurckgefhrt; ber Mussolini, Mends-France, Merkel wird einiges mitgeteilt, ebenso ber Napoleon und Stanley Kubricks nicht realisiertes Projekt ber ihn. Reinhard Jirgl erzhlt als Gastautor vom Treffen zwischen Chruschtschow und Kennedy 1961 aus der Sicht eines russischen bersetzers und Spions.

Kluges Sprecher sind meistens nicht die Groen Namen selbst, sondern Menschen wie Gertrud Reinicke, ein Frulein Runde oder namenlose Ichs und Ers, die die Ereignisse kommentieren. Wie sehr die eigenen Erfahrungen die Grundlage all unserer Bewertungen sind, fhrt Kluge an sich selbst, in knappen Episoden aus der eigenen Kindheit in Halberstadt vor jeder sitzt im Mittelpunkt der Welt.

Lebenslufe sind wie ein Fenster in einem Haus mit zahlreichen Bewohnern, heit es einmal, Tr an Tr mit einem anderen Leben wird erzhlt, das es ohne das Politische gar nicht gibt. Bei aller frhlichen Neugier und Leichtigkeit, die Kluges Geschichten ausstrahlen, gibt es doch eine Linie, die hartnckig verfolgt wird: Gngige politische Metaphern werden mal sarkastisch, mal freundlich bespttelt.

Das beginnt mit Max Webers titelgebendem Satz, Politik sei das Bohren harter Bretter mit Leidenschaft und Augenma; hier bleibt kein Stein auf dem anderen: Das Bohren an etwas Hartem sei doch unkommunikativ, oft gehe es um die weiche Stelle neben der harten, die dann den Kompromiss mglich mache. Das Bild des allein in der Werkstatt herumbohrenden Tischlers ist abwegig fr eine kommunikative Angelegenheit.

Die neuen Medien schlielich erzeugen einen Informationsfluss, ein strmendes Gewsser, in das man auch keinen Bohrer hineinhalten wrde. Am ehesten bleiben Leidenschaft und Augenmaߓ brig, wieder die menschlichen Gefhle.

Eine Vielzahl mehr oder weniger unsinniger politischer Metaphern wird so entschieden kritisiert, Begriffe wie Instinkt, Augenma, Vollblutpolitiker. Es gibt auch eine Polemik gegen Hobbes Satz, dass der Mensch des Menschen Wolf sei, homo homini lupus. Wlfe tun sich gegenseitig weit weniger an als Menschen.

Die vielleicht wichtigsten Stze stehen in Kluges Totenrede fr Peter Glotz; der habe gewusst, dass man aussichtslose Kmpfe beenden sollte. Und hier findet sich dann eine Hymne auf die Qualitten des brgerlichen Menschen, oder was Kluge darunter versteht der sei die einzige Erneuerung der Menschheit whrend der landwirtschaftlichen Revolution, die seit 6000 Jahren anhalte. Brgerlichkeit soll hier heien, nicht der Zuschauer meines Lebens zu sein, sondern dessen Produzent, der verantwortlich ist fr meinen Lebenstext, der unbestechlich sei und nicht alles in der Welt fr verkuflich halte.

Deshalb geht es Kluge nicht um ein paar charismatische Politiker, sondern um das Groe Ganze; der Einzelne, so der Hirnforscher Eric Kandel, sei entgegen dem Augenschein kaum fr Befehle empfnglich. Gegen die exzessive Komplexitt des Einzelnen und seines Hirns seien die staatlichen Gebilde, die politischen Institutionen, eigentlich dumm. Kluges Wundertte ist mit diesem Credo auch eine Trost-Fibel, voller Optimismus ber die Widerstandskraft menschlichen Eigensinns.

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