2002 Von: Jan Engelmann

Medienkritik

Literaturen 10 / 2002 Medienkritik

Kluges Fernsehen. Alexander Kluges Kulturmagazine


"Von allen Gedanken schätze ich doch am meisten die interessanten", betitelte die Hamburger Diskurspop-Band "Die Sterne" eine ihrer Platten, und es könnte sein, dass sie dabei auch an Alexander Kluge dachte. Schließlich hat dieser ein mutig-määnderndes Denken, freche Sinn-Kompostiererei und die unablässige Suche nach dem ultimativen Geistesblitz zu Signets einer äußerst eigenwilligen Frensehunterhaltung gemacht. Dabei agiert Kluge nur mit seiner Stimme bewaffnet, die aus dem Off säuselnd die Denkbewegungen der Gesprächspartner skandiert, zum JaJaJa einer sich fast erotisch gebenden Übereinstimmung. Kritiker nennen seinen erratischen Interviewstil ("Äh"), den er in seinen Magazinen wie eine Art sprachliches Squashspiel unter Fünfarmigen pflegt, schlicht ergeblislos; erklärte Fans loben ihn hingegen als "grotesken Realismus" oder staunen mit Georg Seeßlein:" Man sieht einem Gespräch zu, das Intelligenz entfaltet." Der vorliegende Band ist überfällig in seinem Anliegen, die Fernseh-arbeit Kluges einem vorläufigen Resümee zu unterziehen. So wird nochmals gebührend dessen Cleverness gerühmt, als es Ende der Achtziger darum ging, jene Nischen zu besetzen, die man damals schön spezial-demokratisch "Kulturfenster" nannte. Mit ihnen konnte das in die Tat umgesetzt werden, was zuvor mit Oskar Negt als gesellschaftliche "Gegenproduktion" und "Phantasie-tätigkeit" begrifflich erarbeitet worden war. Die meisten der hier versammelten Autoren erklären Kluges Sonderweg vor allem damit, dass er die Grenzen des Mediums Fernsehen selbst zum Thema macht. Statt den gängigen formalen Standards zu gehorchen, liebäugele Kluge mit offenen, fragmentarischen Konstellationen, mit nicht ausgemerzten Fehlern und assoziativen Bebilderungen, um die Subjektivität der Zuschauer zu kitzeln. Richtig ist aber auch, dass eine emphatische Begrüßung der Klugeschen Differenzformen schnell unter den Verdacht des Elitären gerät, wenn sie dabei immer nur auf Adorno, Benjamin oder Musil zurückgreift. Die meisten Couch Potatoes werten schlicht nach dem Grad der Langeweile, und eine solche darf es - dem eigenen Selbstverständnis nach - gerade auch bei Kluges Fernsehen nicht geben. Deshalb ist Andrea Gnams hier zart geäußerte Kritik ernst zu nehemen, wonach Kluge sich mit seinem ostentativen Interesse für die geiastigen Wurzeln seiner Gesprächs-partner ungewollt dem Ritual des Fernsehpfarrers Fliege annähere, der jede Sendung mit dem gleichen Satz beschließt: "Und passen Sie gut auf sich auf!"