2004 Von: Oliver Jahn

Buchbesprechung

www.litrix.de - Januar 2004

Die Lücke, die der Teufel läßt. Im Umfeld des neuen Jahrhunderts


Als 1989 die Mauer fiel und die letzte große politische Ideologie des 20. Jahrhunderts, der Kommunismus, endgültig in Trümmern zu liegen schien, glaubten viele an die Möglichkeit einer neuen, blütenbekränzten Harmonie. Deutsche Politiker versprachen blühende Landschaften und berauschten sich an der Vorstellung riesiger Wachstumsraten; Wiedervereinigung, Aufbau Ost, Börsenboom und New Economy, all dies beherrschte hierzulande das Jahrzehnt seit 1989.

Ein ganz anderes Bild bietet sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts: Die Blütenträume sind fürs erste dahin, die weltpolitische und weltökonomische Lage hat sich spätestens seit dem 11.9.2001 dramatisch verändert. Besonders auf nationalstaatlicher Ebene bringt sie eine unübersehbare Zahl an politischen und ökonomischen Verzögerungen, Versäumnissen, Mißentwicklungen und Fehlentscheidungen ans Licht. Deren gesellschaftliche Auswirkungen und generationenübergreifende Reichweite sind uns heute erst in Umrissen deutlich. Unser Bild der Welt ist gesättigt mit Katastrophen vom Börsencrash bis zu Bomben über Bagdad, die wir uns jeden Abend ins heimische Wohnzimmer zoomen. Die Schrift an der Wand, die in einer berühmten Erzählung einst Tyrannen erbleichen ließ, erreicht heute jeden einzelnen von uns medial aufbereitet als Dauernachrichtensendung von allen Brennpunkten der Welt.

Dem Autor und Filmemacher Alexander Kluge, geboren 1932 in Halberstadt, gelingt es auf viele Weisen, diese Schrift an der Wand, diese überdimensionalen Menetekel in einen künstlerischen Ausdruck zu übersetzen. Weltpolitisch riesenhafte Horizonte - medial vereinfacht und entsinnlicht in immergleichen Bildern von händeschüttelnden Staatsmännern, Parlamentssälen und stereotypen Verlautbarungen - bricht Alexander Kluge in den Geschichten seiner Bücher herunter auf die Perspektive menschlicher Einzelschicksale. Dort begegnet dem Leser unsere Welt auf Augenhöhe.

Kluge, der Multimedia-Jongleur, gelernte Kirchenmusiker und Jurist, der jüngst mit dem Büchner-Preis ausgezeichnete Erzähler, Medientheoretiker und Hochschullehrer, Produzent und Fernsehunternehmer ist vielen auch durch seine mittlerweile 23 Filme und seine nächtlichen Interview-Sendungen im Fernsehen bekannt. Mit unstillbarer Entdeckungslust und Sammelleidenschaft sucht er in den Fugen und Zwischenräumen der politischen Großereignisse unserer Zeit und ihren Folgen nach dem erzählerisch verwertbaren Detail.

Zuletzt erzählte er in seiner dickleibigen zweibändigen Chronik der Gefühle (2000) in einzelnen Lebensläufen und Geschichten von den Erfahrungen und Gefühlen, mit denen wir auf Zeiten und Epochen und deren jeweilige Brüche reagieren. Auf 2000 Seiten versammelte Kluge in dieser Chronik seine bis dahin entstandenen erzählerischen Texte, fokussiert auf ein halbes Jahrhundert deutscher Geschichte zwischen 1945 und heute. Manchmal in lakonischer Kürze, manchmal weiter ausgreifend, beschäftigt sich Kluge dort vor allem mit den emotionalen Unterströmungen, mit den Gefühlsquanten, die im Tiefengrund der Geschichte operieren und nur an der Oberfläche einzelner, punktueller Ereignisse und Schicksale sichtbar gemacht werden können.

Was kopflastig klingen mag, überzeugt in der unmittelbaren Zugänglichkeit und dem Abwechslungsreichtum der teilweise erfundenen, teilweise wahren, faktensicheren Geschichten und Lebensläufe den Leser schon auf den ersten Blick. Lineare Lektüre ist ebensowenig nötig wie die Strecke von der ersten bis zur letzten Seite zu nehmen, Blättern und zufälliges Festlesen nach Lexikonart ist eine durchaus passende Art der Annäherung.

Jetzt hat Alexander Kluge sein großes Projekt einer "narrativen Quantenphysik" (so nannte es der Literaturkritiker Manfred Schneider) mit einer neuen Sammlung von ca. 500 Geschichten fortgesetzt, die allesamt in den letzten drei Jahren entstanden sind. In Format und Methode an die schicksals-katastrophischen Mini-Geschichten und Erzählungen der Chronik angelehnt, hat sich sein Erzählinteresse in Die Lücke, die der Teufel läßt von der subjektiven Seite auf die "Geisterwelt" der "objektiven Tatsachen" verschoben, wie Kluge im Vorwort erklärt.

Bei der von Kluge unternommenen "Suche nach Orientierung" rückt die Bedrohlichkeitsstruktur der Realität selbst in den Mittelpunkt, ist jedoch wie schon in der Chronik nur im Kaleidoskop unzähliger kleiner Geschichten in ein zumindest für den Augenblick stillhaltendes Panorama zu bringen. Wo sind die "Lücken in unseren Weltgebäuden, in den Kokons, in denen wir leben" zu finden, gibt Kluge die Route seiner Untersuchung "im Umfeld des neuen Jahrhunderts" (so der Untertitel) an. Auf den kommenden gut 1000 Seiten legt er dann die narrativ zugespitzten Ergebnisse vor - arrangiert zu einer gewaltigen und kolumnenreichen Synopse, die nicht leicht aufzureißen ist.

Orientiert an Stichworten wie "Revolution", "Weltkrieg", "Tschernobyl", "11. September", "Weltall", "Macht" und vielen anderen, die nur einige der uneinheitlichen, aber nachdrücklich wirksamen Komplexe einer scheinbar undurchdringlichen Wirklichkeit bezeichnen, gehen Kluges Erzählungen diesen und anderen Menetekeln des 20. Jahrhunderts nach. Die Aufmerksamkeit der pointierten Geschichten gilt dabei vor allem der geheimnisvollen Mechanik der Ereignisse, der ihnen innewohnenden Zweckrationalität.
Das erste Kapitel, überschrieben mit "Zwischen lebendig und tot / Was heißt lebendig?", bildet ganz offensichtlich den Gravitationskern dieses gewaltigen Kosmos, um den alle Erzählungen der anderen acht Großkapitel zusammenschießen. Die Assoziationskraft Kluges wie auch sein (Er-)Findungsreichtum und das thematisch in alle Richtungen ausholende Interesse scheinen auf den ersten Blick keinem System zu folgen. Untergründige Zusammenhänge etwa zwischen dem Sinn von Perlenglanz, einem Nachmittag mit Maria Callas, dem Hündchen Laika, Hitlers glücklichster Reise, dem Bau einer Bahn in Bagdad im Jahr 1941, unerklärlichen Reaktionen im Sandgestein, bestimmten astrophysikalischen Effekten, dem Untergang des U-Bootes Kursk, Walter Benjamins Lieblingsfilmen oder Heinrich von Kleists Würzburg-Reise enthüllen sich im Lauf der Lektüre eher langsam.

Was wie ein Kompendium beliebiger Geschichten von Gott und der Welt, oder besser: Gott und dem Wirken des Teufels in der Welt erscheinen mag, mal erfunden, mal wahr, mal beides gemischt, verdeutlicht sich zunehmend als die unermüdliche Vermessungsarbeit eines Geographen: eines Geographen, der eine unübersehbare Erfahrungswelt quasi zu Fuß abzuschreiten versucht, immer bereit, jede außergewöhnliche Bodenwelle, jede landschaftliche Besonderheit in seiner Karte skizzenhaft festzuhalten. Das mit einem solchen Verfahren nicht die ganze Welt Eins zu Eins abbildbar ist, versteht sich, verlöre man sich doch nach wenigen Schritten unumkehrbar im Dickicht der Details. Und trotzdem entsteht aus all den hier zusammengetragenen Geschichten das Bild einer Welt, die reich an Lücken ist. Es scheint, als möge Kluge am Käse am liebsten die Löcher.

Als Frontispiz des Buches wählt Kluge eine Fotografie, die fünf Maultiere zeigt, zusammengedrängt auf einer kleinen Insel, umspült und eingeschlossen vom Wasser des Missouri. Sie warten auf Befreiung und kommen nicht vom Fleck. Natürlich entpuppt sich der zeitgenössische Mensch im Lauf des Buches in immer neuen Einzelgeschichten als einer dieser Insulaner, irgendwie feststeckend, unbehaust und unsicher, was die Zukunft wohl bringen mag.

Die Lücke, die der Teufel läßt, wo ist sie zu finden? Vielleicht bei der Frau aus Odessa, von der Kluge erzählt, die sich aus Enttäuschung über das Leben im Westen in den Tod stürzen wollte, dabei auf das Dach eines schrottreifen Autos stürzte, überlebte und später den Mann ihres Lebens kennen lernte. Oder in jenem Waldbrand in der Lüneburger Heide, den irgendwann in den 50er Jahren ein gewisses Ehepaar Pfeiffer überraschte, als dieses sich gerade auf dem Weg nach Lüneburg befand, um sich scheiden zu lassen? Der Weg war versperrt, die Eheleute hingen fest, kamen wieder ins Gespräch und versöhnten sich.
Sollte der Teufel hier plötzlich die Kraft sein, die mitunter auch das Gute schafft? Letzte Erklärungen sind hier nicht zu finden, sie sind in den Geschichten Kluges auch gar nicht vorgesehen. Sein erzählerischer Gestus enthält sich jeder Didaktik, rechnet vielmehr mit den imaginären Operationen des Lesers, der sich seinen Reim schon selbst machen muß. Ein anspruchsvolles Projekt, schwergewichtig in den Dimensionen, aber leichtfüßig und gelungen in der Durchführung.

Eine der schönsten Geschichten heißt "Lesbarkeit von Zeichen" und handelt von Philemon Berdjew, einem Grafiker im ukrainischen Lemberg, der sich seit 1986 mit der Frage beschäftigt, auf welche Weise noch in 6000 Jahren mittels eines symbolischen Zeichens einem Intelligenzwesen "Tödliche Gefahr" signalisiert werden könnte. Berücksichtigt werden müßte dabei, daß zu diesem Zeitpunkt der Adressat keine der heute gesprochenen Sprachen mehr beherrscht. Ob man es hier noch zu ikonografischer Eindeutigkeit wird bringen können, steht dahin. Die Lesbarmachung und Deutung der Zeichen unserer gegenwärtigen Welt dagegen, soviel scheint gewiß, gelingt derzeit kaum einem so lakonisch zugespitzt wie Alexander Kluge und seinen Geschichten aus der Wirklichkeit.