2001 Von: Markus Bauer

Auf der Suche nach der wirklichen Geschichte

www.literaturkritik.de - Nr.9/2001 3. Jahrgang

Alexander Kluge im Gespräch mit Christian Schulte und Rainer Stollmann


Alexander Kluges Gespräche in seiner listig zu Beginn des privatrechtlichen TV-Wahns okkupierten Sendezeit bei den kommenden Mega-Konzernen sind längst legendär: der feste Blick der Kamera auf den Gast, dazu die sich mit kalter Ekstase einmischende Stimme aus dem Off, die dem Befragten immer neue Denkrichtungen aufdrängt. Nicht zu verkennen ist die völlig ungewohnte Konzentration der Gespräche auf spezialistische Diskurse mit Highlights wie Heiner Müllers Geniestreichen zwischen Davidoff-Zigarre und Whiskyglas, Durs Grünbeins blitzschneller Neuro-Poetik oder Josef Vogls Ergründungen des Amoklaufs. Die Grenzen des Althergebrachten überschritt Kluge auch ganz natürlich, als das Gegenüber erfundene Rollen schauspielerte und als russischer Geheimdienstmann, Filmregisseur oder Opernsänger die Besonderheiten dieser Milieus erkundete. Die Möglichkeiten und Grenzen dieser drängenden und dennoch offenen Frageweise dokumentieren im vorliegenden Merve-Titel zwei Gespräche mit dem House-Musiker DJ Paul Johnsson aus Detroit und dem Godfather des Techno, Jeff Mills.

Aber Anlass des Bändchen ist ein vierstündiges Gespräch, das Christian Schulte und Rainer Stollmann mit Kluge über dessen neuestes literarisches Opus führten - der zweibändigen vorläufigen Summa poetica mit dem Kluge-typischen Titel "Chronik der Gefühle", die letztes Jahr erschien. Kluges Texte und Filme entstehen aus einem - die gewohnten Denkschemata verlassenden - strengen Fantasieren, das der gelernte Jurist und Musikwissenschaftler in den Dienst einer hartnäckigen Suche nach den alternativen Wahrheiten der Moderne stellt. Die Herausgeber knüpfen klugerweise an diese Texte an, indem sie kürzere Beispiele in den Band aufnahmen und diese so auf Kluges Antworten direkt beziehbar machen. Von Musils moderner Poetik ausgehend entwickeln sich so ungeahnte Perspektiven auf das vergangene Jahrhundert: "Plötzlich ist alles möglich." Und die Geschichten, die der Autor hierzu erfindet, führen die parallelen Welten des Konjunktivs als zweite und dritte Realität vor. Folge sind alternative Justierungen der Scharniere zwischen den Epochen und daraus resultierend neue Abläufe der Historie. Die von Heiner Müller gelernte strikte Autonomie der Texte lässt aus dem Zusammentreffen von Marx und Musil, Nietzsche und Nono, Benjamin und Gorbatschow in Collagen des Sinns neue Welten entspringen, die in Gesprächen über die Akasha-Chronik, die russiche Revolution, das Unterscheidungsvermögen und den Ernstfall, freiwillige Taten und Urvertrauen, Oper und Kritik, Wahrnehmung und Eigensinn ihre subversiven Erkenntnisstimulantien ausschütten. Kluges Geschichten werden von ihm selbst als formale Antwort auf die Krise der Moderne im Roman entworfen: Möglichkeiten auslotend, nicht abschliessen wollend: "Erdumreisung das ist die Form des Romans. Umreisung einer Geschichte, Reisebericht, das sind die Romane."

Ob Heidegger auf der Krim, die Hinrichtung eines Elefanten, das Zögern der Soldaten auf Pferde ohne Reiter zu schiessen, das Projekt zur Erschliessung jener Seen unter der libyschen Wüste, die aus dem ersten Wasser des Planeten bestehen - der Leser glaubt seine eigene Zeit in diesen Geschichten wiederzuerkennen, obwohl sie äusserst "verdreht" sind. Ihr eigenes Pathos stammt von jener Novalisschen Haltung des Forschers, dessen ewiger Trieb ausserhalb des Gebildes der Lebenszeit liegt. Einem emphatischen Begriff von den Möglichkeiten des Denkens und der Kritik verpflichtet, sieht Kluge sich noch als Schüler von Karl Marx, nur mit sehr viel mehr Urvertrauen in Gefühle und Phantasien versehen. Mit dieser solitären Mischung führt Kluge auf faszinierende Weise eine selten gewordene Eigenständigkeit des Denkens vor.