2008 Von: Andreas Isenschmid

KLUGES KAPITAL

Die Zeit - Literatur

Der Film zur besten Krisenzeit: Alexander Kluge umkreist zehn kurze Stunden lang Marxens Hauptwerk auf DVD


MARX UND EISENSTEIN IM SELBEN HAUS
Aus der ersten DVD »Eisensteins Notate zum Kapital«

Es gibt Sternstunden der Kulturgeschichte, an die man nicht ohne Herzklopfen zurückdenkt. Am 30. November 1929 besuchte der sowjetische Filmregisseur Sergei Eisenstein in Paris den Romancier James Joyce – der Erneuerer der Filmsprache traf den Erneuerer der literarischen Prosa. Der Gesprächsstoff der beiden Großen war nicht eben klein. Sie sprachen über das Opus magnum eines Dritten: Das Kapital von Karl Marx. Eisenstein hatte den Plan, das Werk zu verfilmen, auch den Ulysses von Joyce, vielleicht sogar Das Kapital nach dem literarischen Verfahren des Ulysses – und das sechs Tage nach dem Börsenzusammenbruch des Black Friday.
Es Waren die Avanciertesten ästhetischen und soziologischen Erfindungen, um die es in diesem Pariser Dialog ging. Joyce hatte in seinem Roman nicht nur die homerischen Ursprungsgeschichte des europäischen Subjekts im unheroischen Alltag des irischen Angestellten Bloom neu erzählt. Er hatte auch in Schlussmonolog seines Buches das allmächtige Subjekt und seinen Erzähler entmachtet und alles dem freien Strom des Erzählens überlassen. Etwas ähnliches hatte Marx im Kapital, das man durchaus als eine Odyssee der Waren und des Geldes lesen kann, getan. Auch sein Buch entlarvte die vermeintlich geschichtsträchtigen Bourgeois und Proletarier als bloße Agenten ökonomischer Gesetze.
Beide Einsichten und Methoden wollte Eisenstein in seinem Kapital-Film kombinieren. Das ganze Marxsche Theoriegebäude sollte in einem einzigen Arbeiternachmittag Platz finden. Zu diesem Zweck wollte Eisenstein die Filmsprache, die er mit dem Montage-Prinzip ein erstes Mal revolutioniert hatte, ein zweites Mal umstürzen und es mit einem Film ohne lineare Handlung versuchen. Es ging ihm um nie Gesehenes, um – wie Alexander Kluge formuliert - »Filme wie Kugeln, also wie Sterne und Planeten, die sich in einem Raum frei bewegen und aus deren Gravitation 'kugelförmige Dramaturgien' entstehen«. Bald merkte er, »dass es dabei nicht um eine Abendvorstellung gehen könne, eher um vier Abende wie bei Richard Wagner«.
Alexander Kluge hat nun nichts Geringeres versucht, als dieses Projekt für die neu gegründete Filmedition des Suhrkamp Verlages fortzuführen. Herausgekommen sind beinahe vier durchaus wagnerianische Abende. Wagnerianisch nicht in den Bildern Eisensteins, denn den wollten weder die sowjetischen Kommunisten noch die westlichen Kaptalisten finanzieren, aber wagnerianisch in den Bildern Alexander Kluges. Nachrichten aus der idiologischen Antike. Marx – Eisenstein – das Kapital heißt das neueste, drei DVDs von zusammen fast zehn Stunden Länge verschlingende Werk des Universalkünstlers Kluge, eine kühne Komposition aus stehenden Bildern, dokumentarischen und inszenierten Filmsequenzen, Interviews und Schrifttafeln, alles umspült von einem das träumerische Denken fördernden und tragendem Strom von Musik. Zur Vielfalt der Genres kommt die der Tonarten: Die virtuose ernste Komik Helge Schneiders in der Rolle des Hartz-IV-Anwärters Atze Mückert steht neben der blitzenden Intelligenz Dietmar Draths. Darths und Sophie Rois' Diskurs über die Liebe schlägt um in Szenen aus Wagners Tristan, wie der (seinerseits mitsprechende) Regisseur Werner Schroeter ihn aus dem Geist von Eisensteins Panzerkreuzer Potemkin neu interpretierte.
Wie geht das? Was hält es zusammen? Wie steht es zu Eisensteins Projekt? Und wie zum Kapital?
Kluge hat, um diese Hauptfrage gleich zu beantworten, weder Marxens Kapital verfilmt noch einen Film über das Kapital gedreht – er ist ja, wie bekannt, kein Guido Knopp der gebildeten Stände. Er hat auch Eisensteins Idee, alles anhand eines Arbeiternachmittags zu erzählen, nicht übernommen. Er startet seine Bilderreise bei Eisensteins Projekt, wir lesen - auf Tafeln mit sprechend variabler Schrift – Auszüge aus Eisensteins Arbeitsheften, wir hören seiner klugen Biografin zu und gewöhnen uns durch wundersame videoakustisch-dialogische Assoziazionsschleifen allmählich an die Leitfrage dieser zehn Stunden: in welchen Bildern ist Das Kapital wiederzugeben?
»Die 'Börse' darf nicht durch eine Börse wiedergeben werden«, heißt es bei Eisenstein, »sondern durch viele Tausende von kleinen Details«. Daran hat sich Kluge gehalten. Er probiert dem Kapital Szene für Szene immer neue begriffliche und bildliche Kleider an, umstellt es mit immer neuen Spiegeln, in denen es sich, zusammen mit Antworten aus unserer Zeit – etwa von Enzensberger oder Sloterdijk -, spiegelt. Wir sehen in Bildern industrialisierter Landschaften, in raffiniert zusammengestellten Archivbildern, in Türmen von Waren und Maschinen, wie das Kapital west und wirkt. Noch anregender als die überraschende Bildergalerie dieser DVDs sind nur die von Kluge nervös hüpfenden »Ja? Ja?« interpunktierten Gespräche, in denen alles durchdacht ist.
So bestehe an Höhepunkten und verblüffenden Einzelheiten kein Mangel. Eine Offenbarung sind die 43 Minuten mit Dietmar Dath. Er ist der Einzige in diesem Film, der Marx, ohne Ihm aufzusitzen, in seinem umfassenden theoretischen und ethischen Anspruch versteht und ernst nimmt und der zugleich mit allen intellektuellen Wassern der Gegenwart gewaschen ist. Souverän sind Durs Grünbeins Gedanken zu Brechts Übersetzung des Kommunistischen Manifests in Hexameter. Und erstaunlich Boris Gruys‘ Erzählungen von biopolitischen Utopisten in Russland, die die Toten erwecken wollten, damit auch sie der Segnungen des Kommunismus teilhaftig würden.
Wenn man so weit ist, hat man sich längst und freudig daran gewöhnt, dass diese Filmreise DAS Kapital in größter Ferne umkreist. Sie redet über Marx in Schillers und Hölderlins Sprache, reflektiert ihn in Opern von Wagner und Nono bis Brand und kommt bei alldem doch kaum in den Verdacht leer laufender Vielwisserei. Sie denkt mit Wagner und Nono die Liebe und den Tod weiter, die in Marx stecken. Und Kluge geht dabei mit den Klassikern und den großen Fragen der Tradition so vital wie mit alltäglichen Grundnahrungsmitteln um.
Was halt die 55 Kapitel dieser DVDs zusammen? Die ziellos schweifende Neugierde. Die Klaviere, die immer wieder ins Bild kommen und musikalisch so viel Unverbundenes verbinden. Die Mimik der aus nächster Nähe gesehenen Gesprächspartner - Helge Schneider kann sogar mit einem Hautabschnitt links von der Nase Aussagen machen. Ein goethisches Ganzes, von dem man nichts wegnehmen und zu dem man nichts hinzufügen dürfte, ohne es zu zerstören, wird man dieses schöne Spiel einer freien Willkür nicht nennen wollen. Aber wie tot wäre der Film geworden, hätte er die so strenge systematische Geschlossenheit des Kapitals imitieren wollen! Und wie unaushaltbar, hätte er mit Marxens Wahrheitswahn nicht nur aus Abstand gespielt, sondern an ihn geglaubt. Dass erst mit dem Kommunismus die Naturgeschichte zu Ende gehe und die wahre menschliche Geschichte beginne - derlei Aussagen genießt man am besten als Metapher. Fehlt etwas? »Ich finde Marx als Dichter hoch interessant. Als Ökonom interessiert er mich weniger«, hat Kluge einmal bemerkt. Das scheint leider ernst gemeint. Im Film werden jedenfalls keine Ökonomen und schon gar keine Kapitalisten in Gespräche verwickelt. Die Krise von heute bleibt bei Kluge so sehr draußen wir bei Eisenstein die von 1929. Das mag klug sein, denn das Kapital ist ein Theorietraum, keine Gebrauchsanweisung. Aber ein paar Ökonomen hätten der Sache etwas von der Blässe des kulturwissenschaftlichen Gedankens genommen, von der sie manchmal angekränkelt ist.

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