2008 Von: Marli Feldvoss

Karl Marx und große Oper

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Am Montag stellt der Suhrkamp Verlag seine neue Film-Edition vor. Sie sieht mehr nach Literatur als nach Kino aus


War Karl Marx in Wirklichkeit ein Dichter? Schon der große Sergej Eisenstein ließ sich von der Vorstellung beflügeln, dass sich hinter dem Marxschen "Kapital" ein Libretto verstecke, das von ihm nur noch "kinofiziert" zu werden brauche. Bertolt Brecht besaß die Chuzpe, "Das Kommunistische Manifest" ins schaukelnde Versmaß der Hexameter zu gießen, und er trotzt dem Text auf diese Weise neue lyrische Qualitäten ab. Alexander Kluge hantiert mit Opernmusiken von Bellini und Verdi, um die "Marx-Literatur" mit einem Flair von Wärme und Klima zu umgeben. Ganz neue Töne und ungewöhnliche Lesarten wehen dem Leser und Zuschauer aus der neuen "filmedition suhrkamp" entgegen, die im angemessenen Abstand zur Frankfurter Buchmesse und wohl auch zu Ehren ihres Protagonisten Alexander Kluge am Montag in München Premiere feiert (lieferbar ab 3. Dezember). Und das, obwohl das erste Programm mit seinen sechs Titeln "nur" mit einem repräsentativen Querschnitt durch die Hausautoren aufwartet - aber so viel anders wird es in Zukunft auch nicht aussehen.

Grund genug, an den stolzen Satz des verstorbenen Hausherrn Siegfried Unseld zu erinnern, dass der Suhrkamp Verlag keine Bücher, sondern Autoren verlege. Die dürfen sich jetzt, wie Thomas Bernhard auf Mallorca, vor der Kamera räkeln oder mit ihren kinematographischen Arbeiten aufwarten. Dazu gehören Samuel Beckett, der eine Serie von "crazy inventions" für das deutsche Fernsehen schrieb und inszenierte oder Bertolt Brecht mit seinem Filmklassiker "Kuhle Wampe oder Wem gehört die Welt" von 1934, der bisher nur als VHS verfügbar war. Chantal Akerman, Pierre Bourdieu, Ödön von Horváth, Romuald Karmakar und Christa Wolf stehen schon in der Warteschleife. Auch Hausautorin Marguerite Duras dürfte mit ihrem Filmrenommee bald mit von der Partie sein. Dennoch: Für eingefleischte Cineasten klingt das - zumindest auf den ersten Blick - mehr nach Literatur und Theater, weniger nach genuinem Kino. Das Programm der "filmedition suhrkamp" schmiegt sich mit seiner Potenz ans Konzept des Filmverlags "absolut Medien" an, dem Kooperationspartner aus Berlin.

Eine Filmedition war im Hause Suhrkamp schon seit Jahren im Gespräch, nun hat Alexander Kluge und sein Projekt, "Das Kapital" zu verfilmen, die Entwicklung beschleunigt. Kluge hatte vor einiger Zeit Eisensteins "Notate" entdeckt, in denen der russische Filmgenius seine Ideen zur Verfilmung des Marxschen Opus magnum festgehalten hatte. "Der Entschluss steht fest", notierte dieser am 12. Oktober 1927, "das KAPITAL nach dem Szenarium von Karl Marx zu verfilmen." Eisenstein schwebte einen Tag nach dem Abschluss der Dreharbeiten zu seinem Mammutprojekt "Oktober" (Budget 800 000 Rubel) schon der nächste, noch gigantischere Wurf vor den sehgestörten Augen, die der am Rande der Erschöpfung stehende Eisenstein exzessivem Drogenkonsum und Aufputschmitteln zu verdanken hatte. Tatsächlich saß Eisenstein am 30. November 1929 in Paris dem fast blinden James Joyce gegenüber, um ihm gleich zwei Projekte vorzustellen: die Verfilmung des "Ulysses" oder aber des "Kapitals". Das hat er sich so vorgestellt, dass der Film einen einzigen Tag im Leben zweier Menschen begleiten solle, während in Assoziationsketten und Subtexten die ganze Menschheitsgeschichte von Troja bis heute Revue zu passieren hätte. Ein Jahrhundertprojekt, für das Eisenstein jedoch keine Geldgeber fand, weder beim Zentralkomitee in Moskau, noch bei Gaumont in Paris oder in Hollywood.

"Nachrichten aus der ideologischen Antike" nennt Alexander Kluge sein beinahe zehn Stunden langes, auf drei DVDs untergebrachtes Nachfolgeprojekt aus Miniaturfilmen und Essays und tritt direkt in die Fußstapfen seines Vorgängers, indem er dessen Notate als eine Art "imaginären Steinbruch" benutzt. Kluge hat sich (wie vermutlich auch Vorgänger Eisenstein) befleißigt, Marx nicht nur als Gelehrten, sondern eben auch als Dichter zu lesen und dabei zwei "Bewegungsgesetze" entdeckt, die objektive und die subjektive Geschichte, also die Geschichte in uns Menschen und die unserer Außenwelt. Seine montierten Beiträge handeln also ganz einfach von Dingen und Menschen und von Menschen und Dingen. Zu Hilfe eilen ihm dabei Zuträger wie Oksana Bulgakowa, Dietmar Dath, Hans Magnus Enzensberger, Durs Grünbein, Hannelore Hoger, Oskar Negt, Sophie Rois, Helge Schneider und Peter Sloterdijk, der die traumhafte Formulierung gefunden hat, dass alle Dinge nur verzauberte Menschen seien. Tom Tykwer steuert mit dem Titel "Der Mensch im Ding" hingegen einen eigenen auf 35-Millimeter gedrehten Filmessay zum Thema "Warenfetisch" bei.

So ganz ohne ideologische Hintergedanken spielt sich das Ganze allerdings nicht ab. Mit seinen "Nachrichten aus der ideologischen Antike" bekennt sich Kluge zwar ausdrücklich dazu, dass Marx einer fernen Zeit angehöre und deshalb einen "unbefangenen" Umgang erlaube. Aber nur, um durch die Hintertür über dessen Aktualität zu philosophieren. Dass die von Eisenstein weitgehend übergangene desaströse Weltwirtschaftskrise von 1929 nicht nur bei Brecht, sondern nun auch bei Kluge erhöhte Aufmerksamkeit erfährt, verleiht dem Vorzeigeprogramm der neuen filmedition Suhrkamp rein zufällig die der Aktualität geschuldete, aber auch sonst unbedingt verdiente erhöhte Aufmerksamkeit.

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