1970 Von: Helmut Heißenbüttel

Die Kolumne

film, 5. Jg., H. 5, Mai 1967. S. 7

Diesmal Helmut Heißenbüttel: Antwort an Alexander Kluge


Helmut Heißenbüttel

Helmut Heißenbüttel

Alexander Kluge hat am Schluß seiner Beschwörungen im letzten Heft dieser Zeitschrift eine reizende kleine Fabel erzählt. Sie handelt von einem Kameltreiber, dessen Tiere "alle krumm und bresthaft" blieben, weil er sich allzusehr auf den Segen seiner gottesfürchtigen Mutter verließ, und der Rat, den der Imam ihm gibt, lautet: misch etwas Salbe und Kräuter in das Gebet, und es wird den Kamelen besser gehn. Das klingt tatsächlich hübsch. Jeder, der die vorangehenden Ausführungen Kluges gelesen hat, weiß natürlich, daß diese Kamele den jungen deutschen Film darstellen, und daß der ganz allein von gottesfürchtigen Gebeten (sprich künstlerischen Ambitionen) nur "krumm und bresthaft" existieren kann. Darum sollte dem künstlerischen Ehrgeiz etwas Salbe (sprich Bundesmittel, sprich Gelder aus einem zu schaffenden Etatposten des Innen- oder, wenns sein muß, irgendeines Bundesministeriums) beigemischt werden, damit der junge deutsche Film endlich gesund und munter durch die Wüste der von Kluge zitierten Fabel galoppieren kann.

Kluges Zweideutigkeiten
Habe ich nun alles verdreht, indem ich es allzu wörtlich genommen habe? Muß ich denn nicht, wenn ich über Argumente von der Art, wie Kluge sie vorgebracht hat, nachdenke, erst einmal sehn, was das wörtlich heißt? Nur so erkenne ich die Zweideutigkeit solcher Rede. Kluges Ausführungen sind voll solcher Zweideutigkeiten, und zwar deshalb, weil er nicht eine Sache im Sinn hat, sondern taktische Züge und taktische Alternativen. Nun kann man sagen, Taktik muß sein, denn nur so kann man der Sache zu ihrem Recht verhelfen. Ist das so? Steckt in einem solchen Argument nicht bereits wieder die gleiche Zweideutigkeit? Doch zurück zu den Kamelen. Sie sind ja da. Sie sind nicht in Gefahr zu sterben. Es geht ihnen nur schlecht. So der junge deutsche Film? Es gibt ihn, es geht ihm nur nicht gut? Nun, ich denke, es geht ihm nicht schlechter und nicht besser als dem deutschen Film im ganzen. Daß dieser ein bißchen "Salbe" braucht, davon ist die Rede, seit es, nach 1945, überhaupt wieder deutsche Filme gibt. (Und ich habe mich nie ganz des Verdachts erwehren können, daß da immer noch eine unterdrückte, gründlich verdrängte Erinnerung mitspielte an jene herrlichen Zeiten, in denen der Staat, genannt Drittes Reich, alle Filme bezahlte.) Kluge hat kluge Sachen gesagt über die verschiedenen Methoden, Filmwirtschaft zu betreiben. Er hat auch betont, daß rein kommerzielles Kino sich totlaufen muß. Er hat vergessen, daß kommerzielles Kino nur deshalb entstanden ist, weil sich, wider Erwarten, herausstellte, daß man mit solchem Allotria Geld verdienen konnte. Am Anfang stand die Unterhaltung. Sie wurde von einigen Einzelgängern und Avantgardisten zum Medium einer neuen künstlerischen Ausdrucksweise erklärt. Vom Medium fasziniert stürzten sich ein Dutzend Filmer ins Abenteuer. Erst dann kam das Geschäft, und dann, wie Siegfried Kracauer gezeigt hat, die Erkenntnis der Politiker, daß man dies Mittel auch politisch benutzen kann oder, umgekehrt, daß man den Gebrauch dieses Mittels gegen die Absichten der Politiker unterdrücken müsse.

Was ist das: Junger deutscher Film?
Der sogenannte junge deutsche Film (den es ja nur gibt, weil es eine Gruppe jüngerer Filmemacher gibt, die sich vage solidarisch fühlen und für deren vages Solidaritätsgefühl eben Kluge sich seit Jahren rastlos einsetzt) unterscheidet sich nun von den Nachwuchsgruppen anderer Länder dadurch, daß ihm solche Zusammenhänge offenbar nicht deutlich sind, daß man seinen Produkten als erstes nicht die Faszination durch das Medium ablesen kann, sondern die Zwangsvorstellung, überhaupt so etwas wie junge deutsche Filme machen zu müssen. Wenn man die frommen Gebete in Kluges Parabel gleichsetzen kann mit so etwas wie geistigen Ambitionen, so krankt dieser junge deutsche Film daran, daß er kein Zutrauen dazu hat. Man will wohl etwas Neues machen, "den Film", wie Kluge wiederum etwas zweideutig sagt, "als einen Ausdruck menschlichen Geistes entwickeln", der "die literarische Sprache auf anderer Bandbreite ergänzen kann", aber offenbar genügt es zunächst schon, nur diesen Gedanken gefaßt zu haben, denn wie hypnotisiert wird man alsbald wieder von dem einen Wunsch angezogen, Erfolg und noch einmal Erfolg zu haben. Und wenn kein Erfolg, wenn von vornherein Kunst ohne Rücksicht auf Erfolg, dann eben Bundesmittel als Garantie für den garantierten Erfolg.
Vielleicht übertreibe ich. Kluges eigenen Film "Abschied von gestern" halte ich für gut, allerdings hat er seine Grenzen eben da, wo er an Literatur grenzt. Das Interessante an diesem Beispiel liegt für mich gerade darin, daß es mir zeigt, wie Film entstehen kann aus soziologischen, politischen, kritischen, ja wissenschaftlichen Impulsen, und wie er überall da unverbindlich bleibt, wo er literarisiert, erzählt. "Mahlzeiten" von Edgar Reitz, das ist, von Fabel und Ablauf her, zunächst einmal nicht so besonders gute Literatur. Was interessant ist, Fotografie, schauspielerische Leistung, Bildfolge, steht gegen die Literatur, die für den Film die Basis ist. Das sind zwei der jüngsten und vielleicht die interessantesten Beispiele.

Filmen statt Parabeln erzählen
Warum nicht weiterhin einfach versuchen, solche Filme zu machen? Weil man Geld braucht, um neue zu machen? Warum mit Hilfe eines Filmhilfegesetzes? Warum um Einfluß und Positionen und Gesetzesformulierungen kämpfen, statt sich darauf zu konzentrieren, bessere Filme zu machen (nicht unbedingt erfolgreiche). Kluge kann mir antworten, das tun wir ja. Warum nicht davon etwas erzählen? Etwa von seiner Arbeit in Ulm? Nicht weil ich (auf den es ja in dieser Hinsicht zu allerletzt ankommt) es interessanter fände, sondern weil ich allen Ernstes der Meinung bin, er könne einem neuen deutschen Film (den es in Wahrheit noch gar nicht gibt) mehr nützen, wenn er, statt Parabeln zu zitieren über das berichtet, was er in Ulm versucht, in welcher Richtung inhaltlich und formal sich die Praxis eines zukünftigen Films bewegen könnte. Nicht, um es deutlich zu sagen, statt der taktischen Schachzüge zum Filmhilfegesetz (Filmnachhilfegesetz) nun Filmtheorie, sondern das konkrete Beispiel. Kluge könnte sagen, das interessiert uns, das haben wir vor, das sehen wir so und so, da wollen wir weitermachen, da nicht, usw. Und ich denke mir, daß das auch für die Leser dieser Zeitschrift und dieser Kolumne interessanter wäre.

Einfälle statt Förderung Auf die Gefahr hin, das arme Kamel zu Tode zu hetzen, möchte ich noch einmal auf die Parabel Kluges zurückkommen. Ich möchte sie einfach umkehren. Warum erscheint der junge deutsche Film vielen noch ein wenig "krumm und bresthaft"? Weil die Kameltreiber (Filmmacher) allzusehr auf die frommen Gebete in Form von Unterstützungen, Prämien, Prädikate vertrauen. Was ihnen fehlt, ist die Salbe des Einfalls, die Salbe, die allein den Film gut machen kann, das, was ihm Originalität gibt, was er zeigen, was er mitteilen kann. Was ist das? Jedenfalls nicht die mittelmäßige Verfilmung eines mittelmäßigen Romans von einem ehemaligen Filmkritiker (bei der man sich dann noch mit dem abgespieltesten Althelden aus Papas Kino rückversichert). Es muß einem schon etwas einfallen. Es muß einem nicht nur etwas einfallen, man muß schon von der Sache eingenommen sein. Ich bin kein Liebhaber der Zitatmethode von Godard, aber es steckt doch darin mehr und Interessanteres als in den Versuchen deutscher Filmmacher. Mich interessiert ein Film von William Klein, weil ich in ihm vielleicht etwas Neues gezeigt bekomme (wenn auch das Dialogbruchstück, das im letzten Heft mitgeteilt wurde, tatsächlich nicht Kleins Erfindung ist, sondern aus einer Witzzeichnung stammt). Ich möchte wissen, wozu der Film heute fähig ist. Ich kann mir Gedanken machen, aber sie sind relativ unverbindlich. Ich möchte wissen, von meinen Mitkolumnisten, auch von Will Tremper, was sie am Filmmachen interessiert, nicht, was sie mithilfe von Filmen eventuell erreichen können.)