1988

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NORDEUTSCHER RUNDFUNK - 15. April 1988

Theodor Fontane Heinrich von Kleist und Anna Wilde Zur Grammatik der Zeit


Helmut Heißenbüttel

Helmut Heißenbüttel

"Das Problem ist, daß uns eines von Fontane trennt, neben dem vielen, was uns von ihm ü-berhaupt nicht trennt: und das ist eine Radikalisierung aller Zeitverhältnisse. Fontane hat z.B. Bombenangriffe, die manchen Berlinern ja noch wohl in den Knochen liegen, nicht gekannt. Es gibt da, wenn man es bildlich ausdrückt immer zwei Strategien. Eine Strategie von oben und eine Strategie von unten. Über die Strategie von oben hat Clausewitz einiges geschrieben. Das ist die Strategie, die das Bomberkommando hat; und das hat ja auch die Mittel dazu. Was eine Frau mit zwei Kindern unten im Keller als Gegenwehr dagegenzusetzen vermag, das wäre Strategie von unten."
Mit diesen Worten versucht Alexander Kluge in dem Vortrag, der Theodor Fontane gewidmet ist, unseren Abstand von Fontane zu beschreiben. Die "Radikalisierung aller Zeitverhältnisse", die sich darin zeigt, daß wir Bombenkriege gehabt haben, Fontane dagegen nicht, ist es, die unser Leben, laut Kluge, so viel näher an die Grenze bringt, an der plötzlich alles aufzuhören möglich scheint. Etwas, das ein Kapitalist, wie Kluge es ausdrückt, "sich sozusagen auszudenken" nicht vermag. "Das ist kein Kapitalgegenstand", sagt Kluge, "das ist ein Produktionsverhältnis der Produktionsverhältnisse, und das kann man Geschichtsverhältnis nennen."
Diese Überlegungen, die wir im Moment auf sich beruhen lassen wollen, finden sich in der Rede, die Alexander Kluge zur Verleihung des Fontanepreises gehalten hat. Sie ist zusammen mit einer "Rede über das eigene Land: Deutschland" und der Rede, die Kluge zur Verleihung des Kleistpreises gehalten hat, verbunden durch eine "Antwort auf zwei Operntexte" und "Zehn Geschichten zum Vorlesen nach dem Film ‚Der blinde Regisseur'" in einem Bändchen des Wagenbachverlags abgedruckt, das in der neuen Reihe "Salto" erschienen ist. Titel: "Theodor Fontane Heinrich von Kleist Anna Wilde", wobei Fontane und Kleist klar sind, Anna Wilde aber ist die Reinigungshilfe in der Arztpraxis von Kluges Vater, später Chefin der Kantine des VEB-Plaste, Mutter von Kluges bestem Freund. Und während er als Vertreter der Strategie von oben Immanuel Kant und Sigmund Freud aufbaut, steht Anna Wilde samt dem Kantinenkollektiv für die Strategie von unten.
Das klingt kompliziert, wenn nicht verwirrend. In Wahrheit ist es jedoch sehr einfach. Denn es ist im ganzen Buch immer nur von dem gleichen die Rede, was Kluge die Strategie von oben und die Strategie von unten nennt. Es geht nicht einfach um Herrscher und Beherrschte, um Sieger und Opfer. Eine solche Auffassung wäre in Kluges Augen eine Geschichtsauffassung von gestern und vorgestern. Sondern es geht um Strategien, also etwas, das man verlas-sen kann. Es ist der Versuch, das Geschichtsbewusstsein zu verändern, die Dinge anders zu sehen, einfacher und zugleich komplexer. Er sieht Kant zum Beispiel als ein Denker, für den Kriege von selber ausbrechen, während der Friede ein Stück Arbeit bedeutet. Deshalb hat er Vertrauen zu ihm. Freud dagegen ist der Mann, der gesagt hat, der Mensch sei "konstitutionell nicht für Kriege geeignet". Das ist das Argument, dem Kluge nachzugehen bemüht ist.
In beiden Fällen Männer der oberen Strategien, die das Prinzip dieser Strategien zu durchschauen und aufzubrechen bemüht sind. Dagegen Anna Wilde, die von unten kommt, nicht durchschaut, analysiert, entlarvt, aber in ihrem Drinsein in der Dichte des Zusammenhangs das Richtige spürt, ahnt zumindest. Sie ist der Gegentyp, beide Typen muß man zusammennehmen und daraus die Folgerungen ableiten. Dann ist man, nach Kluge, auf dem richtigen Weg. "Dies ist national", wie er sagt. Denn in dem, was an Versäumnissen unter dem Namen Deutschland zu sammeln ist, steckt eine Provokation, die dazu auffordert, ein Gemeinwesen zu rekonstruieren, das sich im Augenblick immer noch durch Mangel auszeichnet statt durch Fülle. Diese Rekonstruktion des Nationalen ist der erste Schritt, den Kluge zu machen versucht, gegen den Krieg und für den Frieden, der zu erstreben ist.
In der Rede, die er Heinrich von Kleist gewidmet hat, geht er noch einen Schritt weiter. Er nimmt zunächst als Bezugsfigur Robert Musil, und zwar, weil dieser versucht hat, sich dem 20. Jahrhundert kannibalisch zu nähern, es zu verschlingen, seine Wirklichkeit, die für Kluge die Wirklichkeit dessen ist, was zum Ersten Weltkrieg geführt hat, in sich aufzunehmen und darzustellen, ein Versuch, der gescheitert ist und dessen Gescheitertsein Qualität bedeutet, ja, eine typische Klugesche Steigerung, Gewissenhaftigkeit. Dann geht er von Musil ab und wendet sich dem eigenen privaten Bereich zu, der Vaterstadt Halberstadt und dem Gleimhaus, das gerettet wurde im Feuersturm vom April 1945, weil der Kustos Frischmeyer ein paar Feu-erwehrmänner zu, wie wir heute sagen, motivieren gewußt hat. Hier gibt sich die Verknüpfung der Reise Heinrich von Kleists mit, so wörtlich, "Feuerwehrmännern, Museumswächtern, Parkettböden des 20. Jahrhunderts", weil er dadurch die Entfernung andeuten kann, in der wir uns zu Kleist befinden.
Kleist, der 23 Jahre im 18. und nur 11 im 19. Jahrhundert lebte, stellt eine der Bruchstellen dar, die vom 18. in 19. Jahrhundert führen. Er macht eine Reihe von Vorstößen ins 19., ja ins 20. Jahrhundert. Kluge erwähnt die kurze Zeit der von Kleist gegründeten Zeitung, er zitiert Kleist mit "Penthesilea" und "Ein Zweikampf". Er zeigt, daß Kleist offen war für die Position des 20. Jahrhunderts, und er sagt: "Es geht darum, Partei zu ergreifen... Gerade weil ich selber in die Botschaften dieser Tradition, auch durch die Vorliebe meiner Eltern, durch Opernliebe und vieles andere, verstrickt bin, geht es hier um eine parteiliche Haltung, parteilich für analytische Arbeit, die zum Ende zweier verhängnisvoller Jahrhunderte eine Bilanz zu ziehen, einzusammeln und einzumotten versucht."
Es geht um die eigene Rolle, die Rolle des Schriftstellers heute, am Ende des 20. Jahrhunderts und dessen, was er von Kleist lernen kann.
Kann er etwas lernen? Er kann lernen, indem er die Offenheit der Kleistschen Texte wieder öffnet und weiter offen hält gegen das 20. und 21. Jahrhundert. Das ist kein Rezept, sondern eine Aufforderung, die Richtung zu halten, die Kleist nicht eingeschlagen hat. Kluge sagt gegen Ende seines Vortrags: "In dem Zeitalter der Medien, in dem ich nicht fürchte, was diese vermögen, ich fürchte ihr Unvermögen, mit dessen Zerstörungskraft sie die Köpfe füllen, sind wir Textschreiber die Wächter von letzten Resten von Grammatik, der Grammatik der Zeit, d.h. des Unterschieds von Gegenwart, Zukunft, Vergangenheit, Wächter der Differenz."

Sie hören jetzt den Anfang der "Rede über das eigene Land: Deutschland".