2001 Von: Ansgar Weber

Mit vertauschten Rollen

Osnabrücker Zeitung, 23.06.2001

Alexander Kluge als Befragter, nicht Fragender


Alexander Kluge ist jede Woche zu später abendlicher Stunde im Fernsehen zu sehen. Häufig sind in seinen Magazinen Gespräche zu verfolgen, die er mit Wissenschaftlern und Künstlern führt. Gespräche, die auf Grund des Themas, auf Grund Kluges Technik des Nachsetzens und Fortspinnens ungewöhnlich sind. Nicht ganz gewöhnlich ist auch das jetzt erschienene Buch "Verdeckte Ermittlung", in dem Alexander Kluge nicht der Fragende, sondern der Befragte ist.

Schwerpunkt des von Christian Schulte und Rainer Stollmann geführten Gesprächs ist die "Chronik der Gefühle", mit dem sich der Fernsehautor Kluge im letzten Herbst als Schriftsteller zurückmeldete. Einige der angesprochenen Texte sind in dem Bändchen abgedruckt, sodass eine Kenntnis des 2000-seitigen Opus nicht vorausgesetzt wird. Und es steckt ein weiterer Sinn in dem Nebeneinander von Text und Textreflexion. Es verweist darauf, wie sehr sich bei Kluge Denken und Schreiben bedingen, wie wenig dieser Autor darauf aus ist, seine Texte mit dem Nimbus des Geheimnisvollen zu ummanteln. So öffnen sich mit Hilfe des Gesprächs manche Perspektiven und Bedeutungsebenen seiner Texte, ohne sie eindeutig werden zu lassen. Denn Kluges Denken ist - wie sein Schreiben - nicht einlinig oder logisch, es ist eigensinnig, unwahrscheinlich, "zugespitzt".

Zu Kluge gehören Perspektivwechsel und die Lust an der spontanen Verknüpfung. Dass das Buch dieses sehr lebendige Element bewahrt, macht seinen Reiz aus. In eine lockere Kapitelstruktur gegliedert, wird es abgeschlossen von zwei Fernseh-Interviews, die Kluge in Chicago mit DJs aus der Techno- und House-Szene führte.

Nicht wenige Kritiker waren anläßlich der ,Chronik' erleichtert, dass der Schriftsteller Kluge nicht von Fernsehautor verschlungen wurde. Aber auch dieser produziert in seinen Sendungen mündlichen Text. Die jetzt von Christian Schulte und Reinhold Gußmann unter dem Namen "Facts und Fakes" herausgegebenen Fernsehnachschriften sorgen dafür, dass er auch nachzulesen ist. Allerdings sind die Hefte keine reinen Texthefte, eingestreut sind Bilder aus den entsprehenden Sendungen, Zitate aus mehr und weniger nahe liegenden Zusammenhängen. Das erste Heft versammelt verschiedene Sendungen zum Thema Verbrechen. Geht es in einem Interview mit dem Kriminalforscher Kersten ums Thema "Wie gemein muss ein Gemeinwesen sein?", wurde das Gespräch mit dem Titel "Auf der Suche nach dem unsichtbaren Bösen" vom Fall des mutmaßlichen Mörders Zurwehme angeregt. Es geht um Perspektiven, die die Trennung von Fakt und Fiktion durchbrechen: An den medial erzeugten Bildern von Verbrechen, vorgeblichen Fakten, wird der fiktionale Gehalt ermittelt. Und umgekehrt möchten wir, schreibt Kluge im kurzen Vorwort, "auf dem Grund der Erzählung etwas finden, das echt ist, ein Partikel Wirklichkeit".