2001 Von: Rolf Parr

Erzählter Eigensinn

www. literaturkritik.de, Nr. 4, 3. Jg. (2001)

Das erste Heft von Alexander Kluges Fernseh-Nachschriften


"Facts & Fakes" ist so etwas wie die Zeitschrift zu Alexander Kluges Fernsehsendungen: drei bis vier Ausgaben pro Jahr sollen "Nachschriften" der Fernsehgespräche präsentieren, die Kluge auf eigenen Sendeplätzen des Privatfernsehens seit nunmehr zwölf Jahren in den Kulturmagazinen "10 vor 11", "News & Stories" und "Primetime/Spätausgabe" führt. "Jedes Heft", so die Verlagsankündigung, sei "themen- oder personenbezogen um drei bis vier Interviews zentriert". Die Gespräche, versehen mit neuen Bildern, Kommentaren, Texteinsprengseln und Zitaten, sollen die "Montageform der Fernsehfassungen" verdichten und weiterführen. Wer Kluge in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich ,mitgelesen' hat, wird viele der Sprach- und Denk-Experimente, wie sie als "Chronik der Gefühle" auf mehr als zweitausend Seiten jetzt kumuliert und neu miteinander verflochten bei Suhrkamp vorliegen, auch in den "Fernseh-Mitschriften" wiederentdecken. So etwa die Tendenz, medienästhetische stets in politisch-gesamtgesellschaftliche Fragestellungen einzubetten, Historisches und Aktuelles wechselseitig miteinander zu konfrontieren, oder die Grenzen zwischen Dokumentarischem und ,bloß' Erzähltem, zwischen Journalismus und Dichtung und nicht zuletzt zwischen Facts und Fakes produktiv aufzuheben, um "auf dem Grund der Erzählung" etwas zu finden, "das echt ist, einen Partikel Wirklichkeit. Die Trennlinie zwischen wirklich und unwirklich hat den Wächter verloren. Deshalb, entweder facts & fakes treten gemeinsam auf, oder man hat beides nicht zur Verfügung: weder Tatsachen noch Erzählung" (Seite 2)."Facts & Fakes" passen sich damit der für Kluge charakteristischen Realismuskonzeption nahtlos an. Heft 1 beginnt gleich mit einem Musterfall solcher Grenzverwischung, nämlich dem Clinton-Starr-Prozess, "der ja ein Höhepunkt von fake ist, aber als Dokument der Zeitgeschichte behandelt wird" (Seite 3). Das von Kluge mit der Romanistin Ulrike Sprenger geführte Gespräch macht deutlich, wie Monica Lewinsky im Starr-Prozess dadurch von einer Zeugin zur Akteurin werden konnte, dass sie sich nicht auf eine Befragung in Sachen ,inappropriate relationship' einließ, sondern erzählte, ihre Geschichte erzählte, eine Liebesgeschichte. Umgekehrt sei Kenneth Starr an der prinzipiellen "Vieldeutigkeit der Zeichen" (Seite 6) und der ebenso prinzipiellen Möglichkeit, viele verschiedene Narrationen zu einem Detail zu entfalten, gescheitert. Denn Starr habe in Manier des Kleistschen Richters Adam versucht, jemanden durch Befragung dazu zu bringen, "eine Szene so zu schildern, daß [man] dann weiß, was wirklich stattgefunden hat" (Seite 5 f.). Nicht Kleists Richter sei es aber, mit dem der Semiotik und im Weiteren der gesellschaftlichen Funktion des Clinton-Starr-Prozesses auf die Spur zu kommen sei, sondern eher die strukturale Anthropologie eines Claude Lévi-Strauss, der für Kluge durchaus siebenhundert Seiten über die Funktionen des Clinton-Prozesses für unsere Gesellschaft hätte schreiben können (vgl. Seite 9): das Tribunal als "ein Indianerdorf in action, mit den Rollen, die dort auch sind" (Seite 9).Kluges Gesprächsführung und seine Fragen sind zwar meist eher knapp gehalten, forcieren aber immer Verknüpfungen von ,Literatur' und ,Dokumentarischem', etwa in einem Beitrag wie: "Jede Praktikantin würde irgendwie den Gedanken zumindest prüfen: Wenn er mir Annäherungen macht und ich sage ,Nein', dann ist das immerhin eine interessante Szene. Wenn ich aber ,Ja' sage, ist es ein interessanter Roman" (Seite 8). Die historischen und aktual-historischen Bezüge stellen die angelagerten Bei-Texte und Bei-Bilder her, die von Clintons Krawatte zu einem etymologischen Exkurs über die Selbstbezeichnung der Kroaten als "Hrvati" reichen, dem dann die Erzählung eines kroatischen Gastarbeiters aus Heiner Müllers "Germania 3 / Gespenster am toten Mann" folgt.Außerdem bringt das Heft zwei Gespräche mit dem Kriminalsoziologen Joachim Kersten über die Frage "Wie gemein darf ein Gemeinwesen sein?" und das Problem "Professionelle[r] Gewalt"; zwei weitere Gespräche mit Ulrike Sprenger, diesmal über den Zusammenhang zwischen Schillers Novelle "Der Verbrecher aus verlorener Ehre" und dem "Fall Zurwehme" sowie zum Kinofilm "Die 7 Todsünden". Den Schluss bildet ein Gespräch mit dem erzählenden Schauspieler Peter Berling als Manfred Pichota: "Ich war Hitlers Bodyguard". Bilder, Kommentare, Cartoons und Statements stellen auch hier wieder die historischen und aktual-historischen Verknüpfungen zwischen Geschichte und erzähltem Eigensinn her. Denn: "Nur beides zusammen ist wirklich. Die Geschichte gibt es ohne den Eigensinn nicht" (Seite 15).Lässt man den Filmemacher für einen Moment außen vor, so wird mit diesem Programm einmal mehr deutlich, dass der schreibende Theoretiker und Essayist Kluge den Fernsehmann Kluge am Ende doch überlagert, ja dominiert, womit sich zugleich die Frage stellt, ob Kluges Kulturfernsehen, das sich selbst im Rahmen der privaten Programme ästhetische Freiräume schuf, nicht immer schon eine gehörige Portion ,Schriftstellerei', ja ,Literarizität' inhärent ist. Oder anders formuliert: Vielleicht ist keine Artikulationsform dem "historisch ausgreifenden, soziologisch interessierten Schriftsteller" Kluge so angemessen, wie die einer nachträglichen Verschriftlichung von im Fernsehen Gesprochenem zu ,Literatur', bei gleichzeitiger Montage der so gewonnenen Texte mit Fotos, Zeichnungen, Bildergeschichten und anderen Materialwerten von Printmedien. Vielleicht sind "Facts & Fakes" aber auch nur eine Durchgangsstufe zu Kluges noch ausstehender Entdeckung der Möglichkeiten des Internet.