2002

Paris, die Hauptstadt des 19. Jahrhunderts

aus: Facts & Fakes 4, S. 2

Am 11. Juni 1940, einem Dienstag, lag die viele Kilometer sich im Umriß eines menschlichen Magens erstreckende Metropole Paris im Sonnenglast, eine Wüste aus grauem Stein. In den späten Nachmittagsstunden befand sie sich unter einem schwarzen Nebel. Die Sonne stach mit "gelblichen und roten Lanzen" in dieses Dunkel. Ein unregelmäßiger Niederschlag von Ruß, sozusagen in Wolken von großer Kleinteiligkeit. Sie färbten den Oberarm, ließen die Hand frei, sie berußten das Gesicht, schonten die Schuhe. In der Erinnerung der Bewohner war dies der Tag des Untergangs, im Gegensatz zum 14. Juni, einem Freitag, an dem von Norden die deutschen Truppen in Paris einmarschierten.

paris
Das Wasser ist blau
Der Himmel ist blau

Die Landschaft ist warm, braun und weich.


 

Am 11. Juni aber war es schwer, die Verdunkelung des Himmelslichts zu deuten. Major Benôit-Guyod von der Militärkommandantur hielt das Phänomen für einen künstlich verbreiteten Nebel, wie ihn die Marine verwendet. Dann wäre dies eine Maßnahme gewesen, um feindliche Bomber zu desorientieren. Wenn ich mich schneuze, ist mein Taschentuch schwarz, notierte Benôit-Guyod.¹

Himmelserscheinungen wie diese über einer großen Stadt künden, vor allem wenn sie von einem roten Abendlicht durchstochen werden, von Unheil. Die die Erscheinung sahen, fürchteten sich. Die Fluchtbewegung zum Gare d'Austerlitz und zu den Ausfallstraßen der Stadt nach Süden und Westen intensivierte sich; äußerlich war dies, d.h. die Zunahme des Fluchtwillens so vieler einzelner, nur dadurch zu bemerken, daß der Zug der Fahrzeuge, die vorwärtsstrebenden Schlangen an den Fahrschein-Schaltern und den Bahnsteigen, sich verlangsamten. Das Zeichen der Panik ist Stau. In einer dreiviertel Stunde konnte ein Mensch im Durchschnitt zu dieser Stunde um 8oo Meter vorwärts gelangen.

ObayashiWalter Benjamin nennt Paris die HAUPTSTADT DES 19. JAHRHUNDERTS. Vermutlich ist dies der Grund, warum Paris in der Mitte des 20. Jahrhunderts, in der zweiten Juniwoche 1940 für die Kriegsführung beider Seiten so unhandlich blieb. Die Stadt war nicht anzugreifen, sie war auch nicht zu verteidigen. Ihre Länge und Breite in der Mitte Frankreichs, der offensichtliche Wert ihrer Bauten, der eine Zerstörung unverhältnismäßig erscheinen ließ, die seit 1918 aufgestaute subjektive Verfassung der Bewohner - alles dies funktionierte nicht zeitgemäß. So entschied sich dieser Krieg auf dem flachen Land. Es blieb ein Krieg der Nationalstraßen und raschen Flußübergänge.

¹ Obayashi vermutet, daß die Erscheinung auf das Abfackeln der Treibstoffvorräte im Norden von Paris zurückging.