1970 Von: Helmut Heißenbüttel

Von der Kunst des Erzählens im Jahre 1962

Deutsche Zeitung, 20./21.10.1962, Nr. 245, S. 20

Helmut Heißenbüttel

Es gibt eine Auffassung, wonach einem Prosatext, einem Roman oder einer Erzählung, bereits mit dem ersten Satz, mit dem Anschlag sozusagen, anzumerken sei, was das Ganze tauge. Was der Anschlag verspricht oder versäumt, das entscheidet dann über das Schicksal des vollen Textes. Diese Auffassung hat viele berühmte Belege. Weniger gebräuchlich ist es dagegen, auf die Schlüsse solcher Texte zu achten. Dabei könnte man auch hier genug Beispiel anführen, so etwa dieses: "Er tat alles, wie es die anderen taten; es war aber eine entsetzliche Leere in ihm, er fühlte keine Angst mehr, kein Verlangen, sein Dasein war ihm eine notwendige Last. So lebte er hin." Das ist "Lenz" von Georg Büchner. Aber vielleicht müsste man hinzufügen, daß es sich um eine besondere Kategorie von Prosatexten handelt, die durch solche Kadenzen ausgezeichnet sind. In den neuen Erzählungen von Alexander Kluge, die unter dem lapidaren Titel "Lebensläufe" im Goverts Verlag Stuttgart erschienen sind, finden sich eine Reihe solcher Kadenzen. Etwa diese: "N. v. Posa übernahm im Herbst 1945/46 die kommerzielle Vertretung der Care-Paket-Organisation für das Land Hessen. Entfernt hatte dies noch mit Gutsein zu tun, zumindest war es eine Hilfsaktion. Sie erhielt ein angemessenes Jahresgehalt dafür. Dafür opferte sie die langerhoffte Wende. Solche Opfervorgänge waren ihr geläufig: es lief darauf hinaus, daß sie wieder einmal kapitulierte, wie schon gelegentlich früher: es wäre nicht intelligent gewesen, die Chance auszuschlagen." Oder: "Am Tag darauf wurde der Studiendirektor Schincke auf Anzeige des von ihm verletzten Ortsbauernführers, der aus irgendeiner benachbarten Ortschaft stammte, von einer fliegenden Standgerichtsgruppe verhaftet. Die Schüler wurden gesammelt und in die nächstgelegen Bauerndörfer gebracht. Schincke selbst wurde in die nächste Kreisstadt mitgenommen. Dort, abgesondert von den Schülern, erlebte er die Befreiung." Oder: "Im Frühjahr 1962 wechselte Schwebkowski den Beruf. Er trat in die Immobilienfirma eines Düsseldorfer Grundstückmaklers ein. Hier konnte er endlich auch das Geld aus der Erbschaft verwenden, das ihm zugefallen war."
Diese Schlüsse sind nicht Handlungsenden. Sie fassen nicht einen Erzählstrang zusammen und knoten ihn wie einen Schneiderfaden ab. Sie umreißen vielmehr - und darin steckt das Bezeichnende, das dazu berechtigt, sie so ausführlich zu betrachten -, sie umreißen in einem Zug eine erreichte Position, die es erübrigt, weiterzuerzählen, nach allem, was man vorher gelesen hat. Die Person, von der jeweils die Rede ist, mündet aus einer Schlüsselstellung in einen Bereich des Faktischen, Konventionellen oder (an mindestens zwei Stellen) des Allegorischen, der außer seiner Kennzeichnung selbst nichts weiter Erwähnenswertes bietet.
Was wird denn eigentlich erzählt? Äußerlich gesehen jeweils einige Ereignisse, Handlungen, Entscheidungen, Gewohnheiten, Überzeugungen, Gelüste, wie sie für eine Person charakteristisch sind. Es ergeben sich anekdotische Erzählzellen. Andere Teile summieren Beobachtungen wie in einem juristischen oder psychologischen Protokoll. Dazu kommen allgemeinere Beispielgruppen, abgekürzte Diskussionsprotokolle, Gutachten, Stellungnahmen, fiktive Zusatzberichte aus der Perspektive eines Außenstehenden. Von welchen Personen wird erzählt? Vom Leiter einer Einsatzgruppe, dessen Aufgabe es war, während des letzten Krieges die unversehrten Köpfe jüdisch-bolschewistischer Kommissare zu sammeln; von einem Lehrer, der den historisierenden Phrasen des Dritten Reichs so lange Glauben schenkt, bis er von den Vorgängen in seiner unmittelbaren Nähe zur Skepsis gezwungen wird, ein halbes Opfer, und dennoch das Ausmaß dessen, was er mitmacht, nicht einsieht; von einem Mädchen, dessen Handlungen gleichsam über dem blinden Fleck des verdrängten Schocks nicht ins Gleichgewicht gebracht werden können, in die ihre Intelligenz sie bringen sollte; von einem Amtsgerichtsrat, dessen Rechtsempfinden mit seiner persönlichen Lebensführung insofern übereinstimmt, als beides auf der Taktik des Abschirmens und der Vorsicht basiert. Und andere mehr.
Bei aller psychologischen Rigorosität und Scharfsichtigkeit geht es Kluge nicht um Psychologie. Er stellt Fälle vor wie ein Jurist, er blättert Krankengeschichten auf wie ein Arzt, er resümiert ein Entwicklungsprotokoll wie ein erfahrener Pädagoge. Er kennt infolgedessen keinen Helden, auch keinen negativen oder ironisierten. Sein Blick erfaßt den sogenannten normalen Menschen, jenen Menschen, dessen Schwächen und Stärken am besten statistisch erfaßt werden können, der, wenn er Opfer ist, dann ein solches der Umstände. Kluge erfaßt ihn und zeigt, welche Kraft er besitzt zu überleben, welch listiges Tier er sein kann, wenn er gewillt ist, weiterzumachen.
Die Resümees, die Kluge zieht, sind frei von Haß und Sentimentalität, sie bedienen sich auch nicht der Ironie, höchstens eines gewissen Sarkasmus. Die Berichte sind von kältester Distanz. Kluge erzählt wie von einer neuentdeckten Tiefseefauna. Seine Erzählung wird vorwärtsgetrieben vom Impuls der Neugier auf Tatsachen und der Leidenschaft eines Detektivs im Alltäglichen, das zugleich das Haarsträubende ist. Sein Witz ist, wo er angewendet wird, ein Wortwitz und ohne Humor. Bis auf wenige Stellen, wo das Fleisch seiner Erfindungslust zu wuchern beginnt, sind die Erzählungen ohne Stilbruch und in manchmal halsbrecherischen Balanceakten durchgehalten (zu vergleichen dafür etwa die Kettung der Exempel im Fall Manfred Schmid mit denen zu Amtsrichter Korti).
Es wäre denkbar, daß gegen die Kälte Kluges polemisiert wird, daß ihm die Unmenschlichkeit, über die er berichtet, selber in der Art seines Erzählens zum Vorwurf gemacht wird. Nichts wäre falscher. Denn nur so, aus der größtmöglichen Distanz, ist von dem zu berichten, was der Autor zu sagen hat. Denn hier wird endlich wieder etwas gesagt. Hier wird der Zustand gekennzeichnet, in dem wir uns befinden, nicht mit Hilfe eines geschwätzigen autobiographischen Fetischs (Grass, Walser) und nicht durch die Brille verhohlenen Selbstmitleids (Baumgart), sondern so sachlich leidenschaftlich und leidenschaftslos, wie man es angesichts dessen, was vorgeht, nur sein kann. Form und Inhalt haben hier endlich einmal in der jüngeren deutschen Literatur eine diskutable Einheit gefunden. Dies ist überhaupt ein Buch, das man diskutieren, das man, was ja schließlich das Wichtigste ist, lesen kann.
Kluge ist, indem er Distanz wahrt und indem er die falsche Fabelkonstruktion vermeidet, menschlicher als die, die sich durch plaudernde Nähe anbiedern oder durch lückenlos konstruierte Plots den Anschein des Besonderen und Einmaligen zu bewahren suchen. Kluges Einblick in die menschliche Tierwelt der letzten Jahrzehnte spiegelt wieder, was gesellschaftlich und psychologisch, was "menschlich" los ist, er erfüllt die Forderung, die bei der Eröffnung der letzten Buchmesse erhoben wurde, wenn auch wohl nicht auf die Weise, die sich die Forderer erhofft haben. In Kluges Erzählungen gibt es keinen Zugang mehr zum einfachen oder schlichten Leben oder zum stillen Dasein. Sie stellen Bezugssysteme auf, in die man einordnen kann, was rundum vorgeht. Damit sehe ich seit langem zum ersten Male wieder einen Anknüpfungspunkt zur Prosa des Expressionismus und weiter zurück zur Büchner und Hebel.