2002

Pressenotiz zur Vergabe des Lessing-Preises für Kritik 2002

Lessingakademie: Aktuelles - www.hab.de/lessingakademie/Aktuelles.htm

Der gemeinsam von der Lessing-Akademie Wolfenbüttel und der Stiftung NORD/LB-ÖFFENTLICHE vergebene "Lessing-Preis für Kritik" 2002 ergeht an den Schriftsteller und Filmemacher Alexander Kluge. Darauf hat sich die Jury in einem einmütigen Urteil verständigt.


Der Preis wird, analog zur kritischen und risikofreudigen Tätigkeit Lessings, nicht für nur fachspezifische Kritik, sondern für Kritik in einem umfassenderen Sinn verliehen. Es zählt zu seiner Besonderheit, daß der Preisträger einen Förderpreisträger seiner Wahl bestimmt. Der Lessing-Preis für Kritik ist mit insgesamt 40.000 (30.000 + 10.000) DM dotiert und wird alle zwei Jahre verliehen. Zur Jury gehören Andrea Köhler von der Neuen Züricher Zeitung, der Göttinger Germanist Wilfried Barner, der Göttinger Historiker Hans Erich Bödeker, der frühere Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz Werner Knopp, und der Direktor der Herzog August Bibliothek, Helwig Schmidt-Glintzer. Der Preis soll am 12. Mai 2002 in der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel überreicht werden. Erster Preisträger (im Jahr 2000) war der Literaturwissenschaftler Karl Heinz Bohrer.

Begründung der Jury für die Vergabe des "Lessing-Preises für Kritik" 2002 an Alexander Kluge

Bereits in seinen ersten literarischen Veröffentlichungen, den Lebensläufen von 1962 und der Schlachtbeschreibung von 1964, hat sich der 1932 in Halberstadt geborene Autor und Filmemacher Alexander Kluge als kritischer, hellsichtiger und aufklärerischer Zeitgenosse gezeigt. Von Beginn an war die seinem Schaffen inhärente Kritik konstruktiv und dialogisch, nie plakativ. Sie beschränkt sich nicht auf gesellschaftliche Mißstände der Bundesrepublik, gar auf deutsche Befindlichkeiten, sondern greift immer wieder in die deutsche Vergangenheit aus, vor allem in die Zeit des Nationalsozialismus, aber auch des 18. Jahrhunderts, dessen emanzipatorischen Charakter Kluge betont.
Schon früh hat sich der promovierte Jurist neben der Literatur auch anderer Medien bedient, vor allem des Filmes, dem er ganz neue Fragestellungen hinzugewon-nen hat. Als wegweisend darf sein Versuch gelten, mit unabhängigen Fernsehmagazinen, sogenannten "Fensterprogrammen", ein "Fernsehen der Autoren" zu etablieren. Daß er seine eigenen Medien nicht schont, zeugt von der Unabhängigkeit und Selbstreflexivität seiner Kritik.
Kluges vielschichtiges Werk zeichnet sich - darin, wie in seinem durchgängigen Dialogcharakter dem Werk Lessings von fern vergleichbar - durch die Einheit ästhetischer und theoretischer Momente aus. Der Begriff des Eigensinns, entwickelt in dem mit Oskar Negt verfaßten Werk Geschichte und Eigensinn (1981), fand fruchtbare und folgenreiche Resonanz in einer kritischen Kulturgeschichte.
Mit der im Jahr 2000 erschienenen zweibändigen Chronik der Gefühle hat Kluges Schaffen einen weiteren Höhepunkt gefunden; frühere Arbeiten aufnehmend, beeindruckt der Chronist durch die schier unerschöpfliche Vielfalt seiner Themen und Formen. Alexander Kluges Werk lehrt die Nähe von Geschichten und Geschichte. Es regt mit seiner ausgeprägt historischen Perspektive wie in seiner wachen Zeitgenossenschaft Leser und Zuschauer zu ungewohnter, unbequemer Wahrnehmung an, fordert unsere Mündigkeit heraus und fördert unsere Orientierung in der aktuellen Medienwelt.