2002 Von: Andrea Militzer

Medium mit Komplex

Rheinische Post - Fernsehen und Radio

dctp-Chef Alexander Kluge will den Zuschauern mehr zutrauen als mancher Senderboss. Etwa mit seinem "Metropolen Programm" XXP. Im Frühjahr hofft er auf einen Kabelplatz in NRW.


Nächste Woche bei der Berlinale wird er mit einer Retrospektive geehrt: Der Filmemacher, Schriftsteller und Unternehmer Kluge feiert seinen 70. Geburtstag. Zu diesem Anlass hat er einen durchaus materiellen Wunsch: einen Kabelplatz in NRW für das "Metropolen Programm" XXP, welches er gemeinsam mit "Spiegel TV"- Geschäftsführer Stephan Aust betreibt. In Berlin im September gestartet, versteht der Jubilar seinen jüngsten TV-Coup durchaus nicht als Berliner-Kanal, sondern fasst den Begriff Metropole weiter. "Wir haben derzeit einen NRW- Schwerpunkt, den wir auch während der Berlinale durchhalten, mit sechs Stunden Sendezeit über NRW täglich" , berichtet er. Berlin sei die Hauptstadt, die Rhein-Ruhr-Schiene mit all ihren Einzelstädten ist für ihn die wirtschaftliche Metropole.
Nachdem XXP in Berlin, Hamburg, Niedersachsen oder Mecklenburg-Vorpommern zu empfangen ist, hofft Kluge bei der neuen Rangfolge der Landesrundfunkanstalt fürs Kabelnetz im Frühjahr auf Lizenz und Kabelplatz in NRW. Auch mit dem Hinweis auf die Adresse seiner Firma dctp: Königsallee, Düsseldorf. Für XXP wünschen sich Aust und Kluge einkommensstarke, schlaue Köpfe am Bildschirm, die mit dem TV-Allerlei nichts anfangen können und stattdessen auf Hintergründe und längere Beiträge warten. In Berlin teilt sich XXP den Kabelplatz und sendet nur von 15 nachmittags bis 7 Uhr morgens. Teilen wird Kluge auch im begehrten NRW-Kabel müssen. Bei der nächsten Rangfolge kommt es fast zu einer Kultur-Konkurrenz: Denn Arte wird zum Ganztagsprogramm ausgebaut, kann sich künftig nicht mehr den Platz mit dem Kinderkanal teilen. Eben jener Sender könnte in den Abendstunden Kapazitäten an einen andere Kanal abgeben.
Mit seinen dctp-Produktionen füllt der in München lebende Kluge seit Ende der 80er-Jahre Sendezeit bei den Privaten. Vertraglich zu gesagt sind diese Sendungen der "unabhängigen Dritten" im Landesrundfunkgesetz. Festgeschriebener Raum für Kultur bei den Privaten RTL, SAT 1 und VOX. Vom Sender unabhängig, gestaltet dctp die Zeiten mit Sendungen wie "Stern-TV", "Spiegel TV" oder aber den anspruchsvollen Kulturmagazinen. Letztgenannte waren in der Anfangszeit des privaten Fernsehens ein Ärgernis für manchen Sender-Chef angesichts niedriger Quoten. Kluge ist mit diesem Vertrag in einer komfortablen Situation. Im Gegenzug liefert er den Privaten mit seinem Herausgeber-Fernsehen in Kooperation mit überregionalen Zeitungen nach eigenen Angaben eine große Bandbreite: von Mainstream mit Sendungen wie "Stern-TV" bis hin zu dem, was ansonsten "im Fernsehen nicht vorkommt, aber in der Welt etwas bedeutet". Dass sich daran mit der in Kürze anstehenden Gesetzesnovelle in NRW etwas ändert, davon geht Kluge nicht aus. Sein Wunsch an die Politiker: "Dass sie das Bewährte aufrecht erhalten." Der Adorno-Schüler spricht sich gegen die Deregulation der unabhängigen Dritten aus - in eigener Sache. "In einer Welt, die von großen Medien-Familien beherrscht wird und wo auch aus dem Ausland schon der eine oder andere ,Medien-Hai' auf Übernahme wartet, da sollte man vom Lande her, Vielfalt erhalten." Dass der Landesgesetzgeber gegen Qualität votiert, das könne er sich nicht vorstellen.
Immerhin hat Kluge mit seiner Nische etwa Günther Jauch - längst Liebling der TV-Nation - einen guten Start ermöglicht. Nach Mitternacht aber will Kluge Inseln schaffen, vor allem für junge Menschen, Programme zeigen, die längeren Atem haben, "die zulassen, dass man schweifen darf".
Dass Sender-Bosse dem Zuschauer oft zu wenig zutrauen, hat für Kluge etwas mit einem "Minderwertigkeitskomplex" des Mediums zu tun. Die Bürokraten in den Sendeanstalten wollen nach Kluges Ansicht die Vielfalt im Zuschauer nicht sehen. Alle Dinge, die es in der Gesellschaft gibt, müssen für den Filmer in dem Leitmedium Fernsehen vorkommen. Für solche Medien-Thesen hat der in seinen Büchern nicht immer leicht zugängliche Autor stets anschauliche Bilder parat: "In jeder Stadt hat man die großen Kaufhöfe. Daneben gibt es aber in München die Maximilianstraße, in Düsseldorf die Kö. Dort sind die Geschäfte alle ein bisschen teurer, aber auch seltener." Wegen der Kaufhöfe fahre man nun nicht von weit her in die Stadt. Wegen der Kö schon." Solche besonderen Ladenstraßen muss es auch im Fernsehen geben. Und eine solche, Mall des Geistes ist die, die dctp anbietet." Wenn's dann noch wirtschaftlich erfolgreich ist, so wie beim Sender Vox, an dem dctp einst maßgeblich mitgearbeitet und noch immer minimale Anteile hält, dann erhebt Kluge sogar amerikanische Serien wie "Ally Mc Beal" zum "Vielfalts-Beitrag".