2008 Von: FRITZ GÖTTLER

Im Steinbruch der Geschichte

Süddeutsche Zeitung Feuilleton

In München hat Alexander Kluge sein neues großes Projekt vorgestellt, eine Rückkehr zum elementaren Marx via Eisenstein


Im Jahr 1929 hat offensichtlich der Sozialismus seine große Chance verpasst. Nach dem Schwarzen Freitag standen, so heißt es, Eisenbahnzüge voller Devisen und Smaragde aus dem Ural bereit, dazu die Kronjuwelen des Zaren, um die im Wert gefallenen Aktien der New Yorker Börse zu kaufen. Eine kleine apokryphe Story, die Alexander Kluge mit sichtlichem Gusto in seinem neuen Werk präsentiert.

Mit siebzig hat Kluge nochmal ein gewaltiges Projekt gestemmt. "Nachrichten aus der ideologischen Antike" heißt es, der Untertitel benennt den enormen kreativen Clash, um den es geht: "Marx - Eisenstein - Das Kapital". Der dritte im Bunde bleibt ungenannt, James Joyce, der "Ulysses". Drei DVDs hat Kluge dazu bestückt, das erste große Projekt in der neuen Filmedition Suhrkamp. 580 Minuten Material, aus dem er am Montag im Münchner Filmmuseum 85 Minuten präsentierte. Für Suhrkamp ein furioser Start ins digitale Zeitalter, der Verlag wird in diesem Herbst noch einige andere DVD-Sachen vorlegen, Interviews mit Thomas Bernhard, TV-Inszenierungen von Beckett, den "Kuhle Wampe"-Film von Brecht und Slatan Dudow. Eine gewisse Unsicherheit war der Verlagschefin Ulla Unseld-Berkéwicz schon noch anzumerken, als sie im Filmmuseum ihren Starautor Kluge und sein Projekt vorstellte - der Sprache und ihrer Benennungskraft vertraut sie doch mehr als den offenen Bildern.

Nach Literatur und Kino und Fernsehen macht Kluge nun also DVD. Er schätzt die Beschaulichkeit, die Ruhe des Mediums. Sie nimmt dem Stoff die Hektik, Marx und Eisenstein arbeiteten in hochrevolutionären Zeiten. Kluge sieht in ihnen zwei Meister des kreativen Chaos und bildet mit beiden ein kraftvolles Triumvirat. Über Eisenstein will er zurück zum elementaren Marx, im Zentrum steht dabei ein Wahnsinnsprojekt Eisensteins, das auf den ersten Blick wie eine komplette Schnapsidee wirkt, das aber schnell eine eigene Logik entwickelt: Das "Kapital" in einen Film zu verwandeln, das voluminöse Buch, das den meisten Lesern zu heavy ist. Es handelte sich nicht um Verfilmung im klassischen Sinn, es ging darum, zu "kinofizieren".

Ein Plan, wie er wohl nur einem kommt, der irgendwie am Ende ist. Eisenstein hatte sich total verausgabt im Oktober 1927. Das Wunderkind, das mit seinem "Panzerkreuzer Potemkin" einen bahnbrechenden internationalen Erfolg geschaffen hatte, bekam für seinen nächsten Film "Oktober" carte blanche vom russischen ZK, dem Film zum Zehnjährigen der Revolution. Ein gewaltiges Budget, sagenhafte Drehbedingungen in St. Petersburg - er durfte an allen Plätzen und in allen Gebäuden drehen. Eisenstein, der DeMille des Sowjetkinos, erzählt Oksana Bulgakowa Kluge vergnügt, die Eisenstein-Biographin. Am 11. Oktober ist der Dreh beendet, 60 000 Meter belichtetes Material, das heißt 29 Stunden Film. Die Montage wird ein höllischer Job werden. Am Abend des 12. Oktober notiert Eisenstein: "Der Entschluss steht fest, das Kapital nach dem Szenarium von K. Marx zu verfilmen - dies ist der einzige mögliche formale Ausweg . . ." In den nächsten Tagen wird Eisenstein für die Arbeit mit Aufputschmitteln gedopt, aber Drogen und Stress machen ihn blind. Psychiater schicken ihn zur Kur, er nimmt das Buch mit, das ihm eine Freundin schenkte, "Ulysses".

Zwei Jahre und viele funkelnde kleine Notate zur Kapital-Verfilmung später gibt es zwar keinen Film, aber ein Nachspiel. Eisenstein ist unterwegs in Europa, am 30. Oktober ist er in Paris und besucht dort James Joyce. Der hält ihn für einen der zwei Filmemacher, die "Ulysses" verfilmen könnten, der andere wäre Walter Ruttmann. Aber Eisenstein braucht den "Ulysses" gar nicht, er hat ja das "Kapital". Nur die formalen Mittel dafür borgte er sich von Joyce. Ein paar Stunden im Leben eines Paares soll der Film "erzählen", eine Frau kocht Suppe für den Mann, daran sieht man die Geschichte der Menschheit aufgehängt. Ein Verfahren, das man dialektisch nennen muss und das auch Kluge schon lange praktiziert. Beim Pfeffern etwa geht es zu Cayenne, Dreyfus, zum französischen Chauvinismus, Krieg: "Die versinkenden englischen Schiffe", man könnte nicht sagen, ob so ein Satz noch Eisenstein ist oder schon Kluge, "könnte man gut mit dem Deckel des Kochtopfs zudecken."

Schluss mit der Unilinearität, sagen Eisenstein und Kluge, hat auch Marx gesagt. Ihre Werke sind reich orchestriert, darüber verschwindet die Melodieführung. Unglaubliche Opulenz, verschwenderischer Einsatz der Imaginationskräfte. Eine Dichte der Bilder, eine Überkodierung, die im "Oktober" den Misserfolg provozierte - die Auftraggeber vermissten die geradlinige Dynamik des "Potemkin". So wie die Leser bei Joyce immer wieder die Handlung vermissten. Die Eisenstein"schen Bilder sind so kompakt, wie Joyce sich seine Wörter denkt. Beladen mit menschlicher Geschichte und Kultur, von den Zeiten Homers an. Und so kompakt liest sich auch das "Kapital", wenn es das Innen und das Außen der Geschichte zusammenbringt: "Man sieht, wie die Geschichte der Industrie und das gewordene gegenständliche Dasein der Industrie das aufgeschlagene Buch der menschlichen Bewusstseinskräfte die sinnliche vorliegende menschliche Psychologie ist." Ein monströser Satz, aus "Nationalökonomie und Philosophie", 1844, von Kluge prominent platziert - weil er, ganz in seinem Sinne, das Gegenständliche und das Bewusstsein kombiniert, die Industrie mit der menschlichen Psyche, die materielle mit der imaginativen Produktion. Politische Ökonomie handelt immer auch vom Begehren, vom ganzen Menschen.

Kluge ist nie individueller Arbeiter und Autor gewesen, er nutzt das "Kapital" als Steinbruch und versammelt in DVD-Clips die alten Kameraden der Kritischen Theorie. Holt Enzensberger, Sloterdijk, Negt zum Improvisieren vor die Kamera, lässt Sophie Rois und Helge Schneider sich an Marx"schen Sätzen erfreuen. Schiebt wunderschöne Shownummern dazwischen, wie einen Videoclip zum "Lamento der liegengebliebenen Ware" von Wolfgang Rihm. Mit Durs Grünbein unterhält er sich über Brechts Versuch, das Kommunistische Manifest in Hexameter zu übertragen.

Marx hat nichts Dogmatisches für Kluge, er liebt an ihm die Bewegung der Waren, den Tausch, die Metamorphosen. Er will seine Naivität reaktivieren, seine Magie, in der schon eine Sehnsucht nach der verlorenen Naivität der Antike steckt: Alle Dinge sind verzauberte Menschen. In einem Beitrag von Tom Tykwer wird das anschaulich gemacht, durch ein faszinierendes technisches Verfahren. Er hat eine Straße in Ostberlin gefilmt mit einer Passantin, die Szene dann in ein digitales 3D-Bild umwandeln lassen, in dem der Blick sich nun frei bewegen kann, aufs kleinste Detail zu: Tasche, Hausnummer, ein Kaugummi auf dem Boden. Das Haus sieht heruntergekommen aus, seine Fenster sind blind, es gibt keine Menschen dahinter. Aber die Objekte bewohnen immer noch die Straße. Und das Kino kann ihre Geschichten erzählen, ihre Produktionsgeschichten.

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