2009 Von: Thomas Combrink

Die Stunde Null als »Zeitmaß der sich überstürzenden Ereignisse«

Alexander Kluge im Gespräch


Ein Heimkehrer auf Umwegen

Der Studienrat Alfred E. Glöckner hatte als Reserveoffizier 1939 Polen besetzt, in Frankreich im Juni 1940 getafelt, war (gierig nach veränderten Umständen, rerum novarum cupidus) in Griechenland eingefallen, nicht nur der glanzvollsten Sprache des Altertums, des Griechischen, mächtig, sondern inzwischen auch als lkw -Fahrer tüchtig. Motorfahrzeuge konnte er reparieren. So kam er zu Schiff bis Kreta.
Der Rückweg war schwierig. Erst als das Laub im Herbst 1945 fiel, gelangte er zu der Vorkriegswohnung im Spiegelsbergenweg zurück. Keines seiner fünf Kinder erkannte den ausgemergelten Mann in seinem Landser-Kostüm. Erst seine Frau half ihm, sich zu identifizieren.
Die Frau hatte inzwischen sechs Jahre lang mit Autorität den Familienverband angeführt. In einer Munitionsfabrik hatte sie gearbeitet; die Kontroll- und Versorgungsaufgaben zu Hause waren auf die älteren Kinder delegiert. Naturalientausch herrschte. Man konnte städtische Wertobjekte auf dem Lande gegen Lebensmittel tauschen. Der Studienrat und Heimkehrer konnte sich nur schwer hineinfinden in das neue Raster. Er war überflüssig.

— Stirbt man daran?

— Nein. Aber man fühlt sich vereinzelt.

— Ist das gefährlich?

— Nicht für den Heimkehrer, aber für andere.

Im Schuldienst war er nicht erforderlich. Sie zahlten ihm nichts. Im Familienumkreis hatte er sich sein Studierzimmer zurückgewonnen. Hier saß er, ab Abenddämmerung lampengestützt, aber es war nicht Arbeit, die er verrichtete, Vorbereitung auf Unterrichtsstunden, sondern Grübeln. Hier gewann der Teufel an Macht.
Vor dem Schwurgericht wurde nicht klar, ob es eine konkrete Verhandlung mit dem Versucher gegeben hatte. Tatsache blieb, daß der Studienrat, der ja nicht nur das Fahren von Lastwagen, sondern auch den Gebrauch von Waffen im Krieg perfektioniert hatte, Angehörige der Roten Armee tötete, die in Häusern, von der Militärverwaltung beschlagnahmt, zu Anfang des Spiegelsbergenwegs wohnten. Die Leichen wurden in Gärten und in Kellern gefunden. Setzte er den Krieg, um sich nicht überflüssig zu fühlen, als Einzelkämpfer fort? Sein Geist war in diesen Tagen wirr. Auch später konnte er seine Entschlüsse und Taten im einzelnen nicht dokumentieren.
Aus dem Gefängnis floh er, bevor es zur Urteilsverkündung kam. Im Westen eröffnete sich ihm ein neues Leben als Gelehrter. Funktionär wurde er im Altphilologen-Verband von Hessen. Niemand befragte ihn nach Untaten. Sein Spezialgebiet war Herodot. Mit der Familie, die in Selbstverwaltung verharrte, tauschte er nicht einmal Weihnachtskarten, um nicht die Spur der Verfolgung auf sich zu lenken. Wäre von Osten ein Auslieferungswunsch nach Westen gelangt, hätte er behauptet, dies geschähe aus politischen Gründen. Schuldig fühlte er sich überdies nicht, weil es kein Gesetz gibt, welches das formelle Ende des Kriegs für den Einzelkämpfer zeitlich beziffert. Es konnte gut sein, daß er, weil die Heimkehr ja mißlang, das Ende des Krieges für sich auf Frühjahr 1946 datierte. Wer wollte ihm das widerlegen?
Feindselige Geister gab es auf sämtlichen Seiten übergenug. Während der hessischen Schulreform nach 1969 errang er, kurz vor der Pensionierung, noch unter Ministerialdirektor Prof. Dr. Dr. Heckel, entscheidende Siege über die Dilettanten, die an die Stelle fundierter, über zweitausend Jahre befestigter Texte des Griechischen Soziologie und Gegenwartskunde setzen wollten. Was soll man denn aus der Gegenwart oder den gesellschaftlichen Verhältnissen lernen können? Sie gewähren keine Heimstatt. Vielmehr ist die wirklichkeit als ganze wie ein irrendes Schiff. Wird sie auf Untiefen zerschellen? Wird sie Zonen der weiten See erreichen und vorläufig, blind wie sie ist, die Zeiten durchpflügen? Manchmal dachte er an die fünf Kinder, von denen er Bilder bei sich trug. Die Leistung seiner getreuen Frau (er selbst sah sich nicht in der Lage, die Treue zu erwidern, was schmerzte, das war der Teil des Teufelspaktes) achtete er. Ihr nützte das nichts, das sah er wohl. Sehend, d. h. als Navigator tauglich für das blinde schiff wirklichkeit, war nur der blinde Seher Homer. Gewissermaßen kam Studienrat Glöckner nur heim zu den Buchstaben, den Versen des göttlichen Dichters.¹

Thomas Combrink: Dem Heimkehrer in Ihrer Geschichte geht es wie vielen Soldaten. Er kommt nach Haus und fühlt sich überflüssig, weil seine Frau inzwischen seine Rolle übernommen hat.
Alexander Kluge:
Wie die Frauen im Krieg den Raum einnehmen, den die Männer an der Front nicht halten können, ist erstaunlich. Plötzlich entsteht eine Naturalwirtschaft, eine Gesellschaft in der Gesellschaft, die sich als unheimlich f lexibel erweist. Dass also nach Luftangriffen die Stadt wieder funktioniert, dass die Rüstungsindustrie überhaupt betrieben werden kann, das kann nur mit der Hilfe von Frauen geschehen. Und wenn diese Frau hier nicht in der Munitionsfabrik arbeiten würde, dann würde sie trotzdem die »Heimatfront« bestücken. Sie ist gleichzeitig verstärkt um ihre älteren Kinder, die von ihr rekrutiert werden. Pimpfe einzuziehen und Panzerfaust schießen zu lassen ist albern. Wirksam hingegen ist die von Frauen organisierte Truppe älterer Kinder, die Altmetalle sammeln, die die Bevölkerung im Notstand verpf legen, die nach Angriffen mit aufräumen usw.
Thomas Combrink:
Die Frauen gewinnen in diesen Kriegsjahren ein Selbstvertrauen,das die heimkehrenden Männer dann stark irritiert.
Alexander Kluge:
Richtig, denn wer will schon zurückkehren — groß gesprochen — als Agamemnon. Nun ist dieser Mann ein Gelehrter, ein Studienrat. Wenn ich mir einen Faust vorstelle aus dem Zeitraum zwischen 1939 und 1969, dann wäre der bei mir nicht ein groß angelegter Mann wie im 16. Jahrhundert oder wie bei Goethe. Er wäre eher ein Studienrat, der in eine Situation kommt, die ihn überfordert. Glöckner zog aus, um griechische Buchstaben zu lesen, bewaffnet mit dem Optativ der griechischen Grammatik und den Erinnerungen an Troja; die großen Texte der Antike hat er im Kopf. Allenfalls verbindet er Xenophons Anabasis noch mit Krieg. Jetzt wird er rekrutiert und lernt eigentlich lauter Sachen, zu denen er nicht wirklich befähigt ist. Er ist immer am falschen Ort. Ein zentrales Phänomen für den Krieg.
Thomas Combrink:
Nach dem Krieg kehrt er zu seiner Familie zurück, bekommt dort ein Studierzimmer, fängt dann aber an zu grübeln. Findet jetzt eine Form der Erlebnisverarbeitung statt?
Alexander Kluge:
Was soll er auch anderes machen als grübeln? Er ist doch ein Zwangs Hamlet, verurteilt zum Nachdenken, zum Reflektieren, nach einer ungeheueren Aktivierung, die ihn sehr weit von sich weggetrieben hat. Aber er kommt damit nicht bei sich an: Als ob ein Odysseus vor der Küste hin und her treibt, Sandbänke erreicht, aber nicht die Küste. Und deswegen möchte er auf dem Höhepunkt der Mobilisierung mit den Fähigkeiten weitermachen, die er im Krieg erworben hat. Glöckner hat einen geschichtsverlust erlitten. Eine Geschichte hat ihn getragen wie eine Welle, und plötzlich ist sie weg.
Thomas Combrink:
Er setzt gegen diese unmittelbare Zeitgeschichte die Antike. Damit kompensiert er den Verlust.
Alexander Kluge:
Die Kompensation gelingt ihm nicht, sonst würde er nicht wie ein Werwolf Angehörige der Roten Armee in der Nachbarschaft töten. Er erlebt einen Rückfall in den Krieg; zu Hause geht er einen Teufelspakt ein, möchte den Krieg auf eigene Faust zu Ende führen. Dann rettet er sich in den Westen. Dort ist er wieder »unschuldig« und wird Vorkämpfer für etwas, das geholfen hätte, wenn man die Bildung vor 1933 wirksam betrieben hätte. Die Sozialkunde ist so enttäuschend für den Studienrat, weil jede Beschäftigung mit der Zeitgeschichte ihn doch eigentlich nur auf diesen unseligen Boden zurückwirft, den der Krieg für ihn gebracht hat. Er ist eine exemplarische, fast allegorische Figur. Was das deutsche Volk erlebt und mitgemacht hat, erfährt er individuell am eigenen Leib. Wenn Sie das als Kurve zeichnen, hätten Sie eine Börsenkurs-Kurve: Das wäre ein Crash-Szenario.
Thomas Combrink:
Der Mann begeht die Morde im entrückten Zustand. »Sein Geist war in diesen Tagen wirr«, heißt es.
Alexander Kluge:
Es gibt eine über viele Millionen Jahre ererbte Psychologie, die von Sigmund Freud untersucht wurde. Daneben findet sich aber auch eine gesellschaftliche seelische Zurichtung: Der Bürger in mir, der Kämpfer in mir, der Bauer in mir, der Enttäuschte in mir, der Mann in mir. Diese Rollen sind gesellschaftlich erlernt und nicht mehr primärpsychologisch (denn da können sie sich alle umkehren). Als gesellschaftliche Rollen sind sie starre Charakterpanzer. Und diese Starrheit geht über den realen Zeitpunkt eines Waffenstillstandes hinaus. Glöckner hat nicht begriffen, dass der Krieg zu Ende ist.
Thomas Combrink:
Warum spielt diese Geschichte in Halberstadt?
Alexander Kluge:
Sie müssen sich den Spiegelsbergenweg so vorstellen: Das ist eine Straße, die zu den von Baron von Spiegel im 18. Jahrhundert mit Bäumen bepf lanzten Hügeln südlich von Halberstadt führt, den Spiegelsbergen. Diese Gegend bezeichnet Wilhelm von Humboldt als »eine der schönsten Deutschlands«. Das ist quasi ein »Kunstgartenberg «, wo auch das Grab von dem von Spiegel zu finden ist. Das Stadtzentrum ist durch eine lange Allee mit diesen »Bergen« verbunden. An der Allee gruppieren sich Villen, die sozusagen von den Leuten mit besserem Geschmack bewohnt werden. Diese bürgerlichen Villen waren im vorderen Teil von der Sowjetarmee belegt, die Halberstadt besetzte und die die Amerikaner ablöste; wir waren ja durch die Amerikaner erobert worden. Die Amerikaner übergaben die Stadt an die Briten, die Briten übergaben sie an die Russen. Die Russen haben sich diese Villen für die Offiziere ausgesucht. Der hintere Teil, der sie nicht interessierte, wurde weiterhin von Ärzten, Studienräten und Besitzenden bewohnt. Glöckner mordet nun hier anscheinend betrunkene Russen, die sich in den Gärten aufhalten hinter der von ihnen besetzten Villa. Der Mord wird nicht aufgeklärt, die Polizei kommt, erst die russische, dann die deutsche, ein Riesenaufwand. Die Toten werden obduziert, was übrigens nicht sinnvoll ist, weil es sich um Messerstiche handelt.
Thomas Combrink: Die Geschichte wirkt dissonant, weil ein gebildeter Mensch, der sich mit der griechischen Antike auseinandersetzt, in eine barbarische Verfassung gerät und mordet.
Alexander Kluge: Wenn ich eine Geschichte erzähle, dann erzähle ich eine blinde Geschichte. Hätte ich sie verstanden, müsste ich sie nicht erzählen. Ich wundere mich ja selbst über den Tatverlauf. Der Mann lebt zum einen in der Zeit von Homer bis heute. Das ist die Zeit der großen Erzählung. Einen zweiten Wohnsitz hat er bei seiner Familie, die aber durch den Krieg zerrüttet ist. Glöckner ist nicht so heimgekommen, wie er ausgefahren ist. Eine gute Metapher dafür wäre die folgende: Das schwarze Meer wurde durch das Salzwasser des Mittelmeeres, das die Marmaraschwelle durchbrach, überwölbt, so dass ein Süßwassersee unten immer noch zu finden ist, während außen drüber das Schwarze Meer als Salzwasser existiert. Seinen Namen hat das Schwarze Meer, weil das schwarze Wasser, das ehemalige Süßwasser also, bei Sturm aufgewühlt eine Schwärzung ergibt. So ähnlich verhält es sich mit der Zeit. Der Protagonist befindet sich in der großen Zeitblase seines Gelehrtentums; in der kleinen Zeitblase seines intimen und privaten Lebens; in der halbgroßen Zeitblase des Dritten Reiches und des Kriegs. Nun realisiert er nicht, dass eine neue Besatzungszeit angebrochen ist mit eigenen Gesetzen. Er lehnt diese Zeit ab, will in diesem historischen Moment gar nicht leben und verirrt sich in ein Stück Kriegszeit. Er wirkt wie eine Fliege im Bernstein. Er wacht in der falschen Zeit auf, wird als Geschoss tätig, »äußert« sich und kehrt wieder in eine natürliche Zeit zurück.
Thomas Combrink: Warum lässt er sich denn mit seiner Bildung auf dieses Kriegsvorhaben ein?
Alexander Kluge: Das würde ich Sie fragen. Diese Gebildeten waren Regimentskommandeure, waren Bataillonskommandeure, die sind mitmarschiert. Die subtile Bildung, die wir in Deutschland haben, hat für politische Verhältnisse keine Auswirkung. Ernst Jünger bereist voller Bildung den Kaukasus 1942. Die Laubwälder sind dort für ihn sehr wichtig und die Gespräche mit den Offizieren. Auch Jünger bewegt sich in der falschen Zeit, während des Kriegs, nach dem Krieg, zu seinem Lebensende, aber eigentlich auch schon an der französischen Front 1916. Das Zersprengen der Kapsel, in der ein Mensch sich befindet, durch wirkliche Verhältnisse, das ist hier das Thema.
Thomas Combrink: Er hat die Gesetze der attischen Demokratie in sich versammelt, was anscheinend keinen Widerstand gegen die Kriegswirklichkeit erzeugt.
Alexander Kluge: Wem soll er das erzählen? Er hätte Kurse der Erwachsenenbildung in Kreta halten können, um der kretischen Bevölkerung ein Stück von diesem Wissen über die Dialogkunst in Athen zu vermitteln. Und er hätte verblüfft festgestellt, dass die Kreter von Athen gar nichts halten; die wollen von Griechenland abtrünnig sein. Er hätte 1938 in die Schweiz gehen können, dann hätte er aber seine Familie nicht mitnehmen können. Wenn er einmal eingezogen ist, dann muss er das tun, was die Wehrpflicht vorschreibt. Er hätte sich freiwillig zur Luftwaffe melden können, dann wäre er nicht nach Griechenland gekommen. Sie können diese Geschichte an jeder Abzweigung anders erzählen und würden die Wahrscheinlichkeit, dass hier ein Fluss entsteht, stark vermindern. Der Text, der eine traurige Logik besitzt, würde zum Schluss auseinanderfallen.
Thomas Combrink: Eine ähnliche Geschichte wäre »Bertrams Proportionsgefühl«.²
Alexander Kluge: Genau, da hätten Sie einen Stalingrad-Heimkehrer. Der ist ähnlich gewalttätig wie unser Studienrat. Bertram wird noch aus dem Kessel ausgef logen. Er verliert aber in Stalingrad seine Leute, die er ausgebildet hat, kriegstüchtige Menschen, Soldaten, an denen er hängt. Die werden ihm alle zerschossen. Er wird todwund ausgeflogen, und nun verlässt ihn diese Zeit des Verlustes nicht. Er kommt nach Süditalien mit einer neu aufgestellten Division und muss dort durch Rom fahren auf einem Rückzug. Er zerstört einen Museumsbau. »Wenn meine Leute zerschossen werden, dann muss das Gleiche hier diesen Schätzen geschehen, sonst ist eine Unverhältnismäßigkeit im ganzen Zusammenhang enthalten«, sagt sich Bertram. Das ist von genauso konsequentem wirren Sinn wie bei Idomeneo, an dessen Sohlen das Unglück seiner Taten von Troja klebt. Er kommt zurück und schwört, den ersten Menschen zu töten, dem er begegnet. Das ist sein Sohn. Das sind Deutungen der Strömungsverhältnisse von Zeit. Die sind nicht linear. Etwas Unerledigtes drückt sich in diesen wirren Taten aus.Hätte man, ebenso wie man die Menschen 1939 ausschickt, ein Verfahren, wie man sie wieder einfängt, dann wären diese schrecklichen Taten nicht geschehen.
Thomas Combrink: Bei einem gewonnenen Krieg wäre es anders?
Alexander Kluge: Ich bin nicht sicher. Der Krieg von Troja wurde ja gewonnen. Agamemnon kommt nach Hause, trifft auf eine ehebrecherische Frau, und der Ehebrecher tötet ihn. Ich wüsste nicht, was dem Sieger da Gutes geschehen ist. Odysseus hat das Glück, dass die Götter die Nacht anhalten. Seine Frau und er erzählen sich in dem Bett, das aus Holz gemeißelt ist, die ganzen Geschichten, die vorher in 22 Gesängen schon besungen wurden. Das ist glückliche Heimkehr. Missglückte Heimkehr ist hingegen enorm gefährlich. Das Jahr 1918 stellt eine missglückte Heimkehr aus einem Krieg für ganze Völker dar, und die führt dann zum nächsten Krieg. Wenn ich jemanden ausschicke, muss ich ihn wieder heimholen, muss ich ihn wieder empfangen können. Die Heimkehr muss bereits beim Auf bruch geplant werden. Menschen brauchen Orientierung. Die können nicht gleichzeitig handeln und reflektieren unter historischen Umständen, die sie wie Ebbe und Flut hin- und herschieben. Der Schwimmer muss dann schon ein Glückspilz sein. Wo sind die Strudel? Wo kann ich schwimmen?
Thomas Combrink: Für den Protagonisten dieser Heimkehrergeschichte gibt es keine »Stunde Null«.
Alexander Kluge: Jedenfalls erlebt er es nicht so. Viele haben das anders in Erinnerung. Für mich als dreizehnjährigen Jungen war vor allem die Zeit zwischen dem 8. April und dem 8. Mai 1945 eine »Stunde Null«. Da fanden eruptive Veränderungen statt. Mein Elternhaus wurde beim Bombenangriff am 8. April zerstört; außerdem stürmten wir das Proviantamt. Neben mir lief mein Gymnasiallehrer, Dr. Atze Reh, und etwas seitlich von uns stürmte der Staatsanwalt von Halberstadt, Ernst Genest. Wir raubten die Kisten aus den Wehrmachtsproviantämtern. Keine Polizei war in der Nähe. Zwei Tage später kamen die Amerikaner. Wir begrüßten sie am Stadtausgang. Mein Vater versuchte sich an der englischen Sprache: »Do you want to have a cup of water?«, fragte er den amerikanischen Soldaten, der auf ihn zutrat. Das war der einzige Satz, den er sagen konnte. Natürlich hat der Amerikaner kein Wasser genommen; es hätte ja Gift sein können. Eine »Stunde Null« ist ein Zeitmaß der sich überstürzenden Ereignisse; es geht nicht um Metamorphosen, sondern um abrupte Risse. Die sind für ein Kind sehr willkommen. Ich fand keine Zeit so spannend wie diese.
Thomas Combrink: Ihr Vater hat wahrscheinlich anders gedacht?
Alexander Kluge: Natürlich war es für ihn anders. Er war vorher ein anerkannter bürgerlicher Mensch, und diese Anerkennung hat er nie wieder erfahren. Arzt blieb er, aber er war nicht mehr Angehöriger einer Gesellschaftsklasse, die sich auf Gegenseitigkeit auszeichnete, die die Stadtobrigkeit bildete. Weil er kein Nationalsozialist war, wurde er als Arzt Gesundheitsstadtrat in Halberstadt. Die Stadträte haben sich zugeteilt, was in den Schlössern so übrig war. Und dadurch kam wieder eine kleine Sammlung an Möbeln zustande. Er hat versucht, den geordneten Besitz, der sich ja vorher über die Jahrzehnte angesammelt hatte, wiederzuerrichten. Daraus erwächst aber nicht dasselbe Lebensgefühl; vor allem fehlen ihm die anderen Menschen. Er konnte zu seinem Geburtstag zwar Freunde und Kollegen einladen, auch die Theaterleute kamen noch, weil er Theaterarzt war, aber alle übrigen waren im Westen oder tot. Die Gesellschaft in seiner Heimatstadt ist einmal zerfallen, und er führte dann in der ddr ein Leben in der Verschanzung.
Thomas Combrink: Hat er es denn bereut, im Osten geblieben zu sein?
Alexander Kluge: Nein, denn seiner Art nach geht eine Person wie mein Vater nicht von da weg, wo er geboren wurde, wo seine Patienten sind. Er war ein vollkommen sesshafter Mensch. Und dann strömten Verhältnisse auf ihn ein, in denen er sich schließlich einrichtete. Kurz nach dem Krieg geht es ja mit der Naturalwirtschaft los. Geld bedeutet nichts. Ein Mensch tauscht sein Vertrauen mit einem anderen, tauscht einen Teppich gegen einen Sack Kartoffeln. Diese Naturalwirtschaft, die am Anfang aller Gesellschaften üblich ist, wird jetzt dominant. In Berlin, wo ich wenig später lebte, war das anders; die Stadt wurde ja belagert in der Zeit der Blockade. Da wurde stadtteilweise das Licht eingeschaltet, und man fuhr mit dem Fahrrad in das beleuchtete Viertel. Hier kommt zu der Naturalwirtschaft noch die Partialisierung von Wirklichkeit hinzu. Wenn Sie vier Sektoren haben und mit der S-Bahn in den Osten fahren, kommen Sie in einer anderen Welt an als im französischen, im britischen oder amerikanischen Sektor. Sie befinden sich Tür an Tür mit einem anderen Leben. Ich werde nie die Woche vor der Währungsreform vergessen. Vorne in unserem Haus hatte mein Stiefvater eine Anwaltspraxis, da ging es seriös zu. Und da befanden sich auch der Salon und der Flügel, an dem ich Klavier übte. Hinten ging es in die Küche und zu den Schlafzimmern. Da war der Schwarzmarkt. Da waren Esswaren aufgereiht, die eingetauscht wurden, aber auch Schmuck, der verkauft werden sollte. Der musste nach Karlshorst, wo die Russen en masse Schmuck aufkauften. Vom Osten kamen Wertsachen, Bücher, Dokumente in den Westen. Meine Mutter hatte den Geiger der Berliner Philharmoniker, Herrn von Borries, als nächsten Schwarzmarktpartner. Weiter ging es zu einem Rumänen namens Olteanu. Am Tag vor der Verkündung der Währungsreform waren in meinem Schlafzimmer 18 Leute, die Waren tauschten. Das stank wie die Pest. Der Schwarzmarkt ist nichts anderes als die Börse der Naturalwirtschaft. Nun kommt die Währungsreform. Man kriegt 40 dm , neues Geld, ein ungeheurer Wert.
Thomas Combrink: Was haben Sie mit den 40 dm gemacht?
Alexander Kluge: Gespart. Ich hatte eine ehemalige Militärkiste aus Stahl, die man zumachen konnte. Da war eine Flasche mit Pfefferminzschnaps drin, ein Fünf-Franken-Schein, ein Dollar-Schein und dann diese 40 dm . Ich war ja ein relativ erwachsener Mensch mit 16, obwohl ich zum Geld in dem Alter noch ein eher kindliches Verhältnis hatte. Wann ich diese 40 dm ausgegeben habe, weiß ich nicht mehr. Vielleicht liegen die immer noch in dieser Kiste. Da ich ernährt wurde in meiner Familie und mit dem Abitur beschäftigt war, habe ich eigentlich kein Geld ausgegeben.
Thomas Combrink: Auch nicht für Bücher?
Alexander Kluge: Bücher habe ich nie gekauft. Im Herbst 1949 komme ich ja schon nach Marburg. Und da brauchte ich Geld, mehr als 40 dm . Ich bekam 175 dm Deputat pro Monat. Damit kam man damals durch. Am Marktplatz in Marburg in einem Altbauhaus hatte ich ein schönes Dachzimmer. Das kostete im Monat vielleicht 10 dm . Dann gab es für Studenten ein Essen, Mittagstisch für 75 Pfennig. Von dem Geld musste ich mir auch noch Studienbücher kaufen. Und 175 dm sind nicht furchtbar viel. In Marburg war das Leben deutlich gemächlicher als in Berlin, das eine aufregende, internationale Stadt war mit britischen Klubs.
Thomas Combrink: Aber sind Ihnen denn noch die Bilder des zerstörten Berlin in Erinnerung?
Alexander Kluge: Da habe ich nicht drauf geachtet, denn Halberstadt war ja auch zerstört. Das nahm sich nichts. Außerdem hatte ich sehr viel zu tun gehabt. Beim Umzug von Halberstadt nach Berlin habe ich eine Klasse übersprungen und musste im ersten Jahr fürchterlich viel lernen. Da habe ich eigentlich überhaupt nichts von meiner Umgebung wahrgenommen. Dazu kamen auch die neuen Freunde. Außerdem war der Unterricht spannend. Da waren die ganzen Wiedergutmachungslehrer tätig, Spitzenleute, ein Physiker namens Neitzel und ein brillanter Germanist namens Petersen, ob das ein Literat war oder ein Studienrat, weiß ich nicht.
Thomas Combrink: Hatten Sie damals drüber nachgedacht, welche Rolle diese Leute in der ns -Zeit gespielt haben könnten?
Alexander Kluge: Nein, denn ich ging davon aus, dass keiner ein Nazi war. Die wären auch gar nicht durchgekommen, denn die Berliner Verwaltung war absolut antifaschistisch. Wir hatten übrigens einen bewundernswerten Lateinlehrer, der uns in Kinder des Olymp führte und dann über so einen Film auf Lateinisch Unterricht hielt.
Thomas Combrink: Ist diese Zeit noch präsent für Sie?
Alexander Kluge: Von selbst denke ich da nicht dran. Während ich aber mit Ihnen drüber rede, bekommen die Teile wieder Farbe. Ich sehe also, wie die Straßenbahn Nr. 75 im Frühjahr am Lietzensee entlangfährt; das sind allerdings nur Splitter. Einmal bin ich mit einem Schülertransport nach Lübeck ausgef logen worden. Von Lübeck bin ich dann mit dem Zug in die Niederlande gefahren und von da aus für drei Monate nach England gekommen. Dort sollte ich Englisch lernen bei Verwandten. Meine Großmutter, Martha Blackburn, war Engländerin. Die Verwandten dort haben dann eingeladen, und ein Jugendfreund meiner Mutter, der ein großer Unternehmer war, hat mich in England herumgefahren. Dort herrschte noch großer Kapitalismus. Das hat mich sehr beeindruckt.
Thomas Combrink: War es aber in Berlin nicht auch ziemlich gefährlich? Es war doch eher etwas anarchistisch damals?
Alexander Kluge: Das kann man nicht sagen, denn die Sektoren waren geordnet. Man konnte ja auch in den russischen Sektor ohne Probleme — was übrigens sehr spannend war. Im Zeughaus war ein Kino, wo die Filme der zwanziger Jahre gezeigt wurden, jeden Tag, da war ich ziemlich häufig. Ich bin Ostern 1946 in Berlin angekommen. Wenn Sie aus dem Krieg kommen als Junge und ein neugieriger Mensch sind, dann fürchten Sie sich nicht. In der Scheidungsvereinbarung meiner Eltern war vorgesehen, dass (sobald es möglich ist) ich zu meiner Mutter komme und meine Schwester dem Vater zusteht. Ostern 1946 wurde ich in ein Dorf gefahren, wo ein Rittergut lag. Da kam ein Fernlaster aus Berlin mit zwei Anhängern von der Firma Borsig. Der sollte dort Kartoffeln und landwirtschaftliche Güter holen und lieferte gleichzeitig Maschinen ab. Das gehört zum Naturalientausch. Der Laster fuhr jetzt schwarz über Dessau, wo noch Bierkisten eingeladen wurden, nach Berlin. Der Lkw wurde auch einmal von einer russischen Streife verfolgt auf Motorrädern, die aber nicht schnell genug fahren konnte. Ich saß hinten auf den Kartoffeln, aber gefürchtet habe ich mich nicht. Dann fuhren wir in die Fabrik hinein, und von da aus fuhr ich mit der Straßenbahn zu uns nach Berlin-Charlottenburg, wo meine Mutter gerade Brötchen holte. Ich kann Ihnen aber das Zersplitterte der Wahrnehmung gar nicht scharf genug beschreiben. Da ist jedenfalls keine Zeit zum Grübeln oder zum Sortieren der Wirklichkeit.
Thomas Combrink: War die Frage, wer den Krieg verschuldet hatte, denn damals relevant für Sie?
Alexander Kluge: In der Schule haben wir das mitgeteilt bekommen. Wenn aber nun zum Beispiel Wilhelm Furtwängler nach Berlin kam in den Titania-Palast, dann beschäftigte uns Jugendliche nicht, dass der im Dritten Reich auch dirigiert hat, sondern wie wir eine Karte kriegten. Und diese Karte wollten wir nicht haben, weil wir eine Symphonie von Beethoven hören wollten, sondern weil es schick war, mit dabei zu sein, weil die Freunde auch alle da waren. Unsere Einstellung in der Schulklasse im Gymnasium war nicht politisch, obwohl wir im Englischen Klub waren, der sich in einem Park dicht neben der Schule befand. Das war wirklich ein sehr subtiler Einführungskurs in Demokratie, Verfassung, Rechtslehre usw. Die haben uns überzeugend »demokratisch« erzogen, ohne Zwang, es hat einfach Spaß gemacht, dort zu sein.
Thomas Combrink: Was heißt das, es war ein »Klub«?
Alexander Kluge: Das meiste war pädagogisch ausgerichtet, was wir aber gar nicht so wahrgenommen haben. Wir kamen dort zusammen (eigentlich die ganze Klasse) und bekamen nachmittags Vorträge zu hören. Bücher gab es auch jede Menge. Wir wurden dort eingeführt in die Regeln des Westens. Da liest man Bücher von John Dos Passos oder Thornton Wilder. Anders gesagt: Wir haben die Frage nach der Auseinandersetzung mit dem Dritten Reich eher übersprungen und gleich die Formen- und Gedankenwelt des Westens angenommen. Wenn wir im Ostsektor waren, dann haben wir das Angebot an Theaterstücken, Büchern, Musik etc. wahrgenommen. Ich möchte nicht behaupten, dass wir Marx gelesen haben, aber wir haben natürlich Zement von Fjodor Gladkow gelesen. Wir haben eine volle Bildung der Russen, der Amerikaner und vor allem der Engländer erhalten. Im französischen Sektor war ich selten, dort gab es aber ähnliche Angebote. Es war eine vielfältige Beschäftigung mit den aktuellen Tendenzen. Die Schuldfrage wurde nicht so sehr betont. Denn kein gedankliches Dementi kann so groß sein wie der Anblick des Zusammenbruchs eines ganzen Reiches. Und wenn dieses Reich derart ostentativ zusammenbricht, sich andere Mächte derart offensiv etablieren, und zwar konkurrierend etablieren, dann lebt man politisch wie unter einer künstlichen Lunge. So haben wir das auch genannt: eine eiserne Lunge. Sie werden beatmet von einer neuen Wirklichkeit. Da ist kein Zwang mit verbunden. Sie übernehmen von einem Tag auf den anderen eine neue Gesellschaft. Und das ist umso leichter, denn als Pimpf ist man nicht wirklich ein Nazi.
Thomas Combrink: Gab es denn im Dritten Reich einen Widerstand von Ihnen gegen das, was die Nazis gemacht haben?
Alexander Kluge: Aber sicher. Der war ganz natürlich und furchtbar einfach. Mein Vater war deutschnational. Der fand die Nazis barbarisch und proletarisch. Aus politisch ganz unlauteren Motiven war er gegen sie. Das nimmt ein Junge automatisch an, weiß aber gleichzeitig, dass er das in der Klasse nicht herauströten darf. Aber ich wollte auch nicht zum Dienst. Also nahm mich meine Mutter an die Hand, fuhr mit mir nach Wernigerode zum Bannarzt des Jungbanns (so hieß die Organisationsform für Pimpfe). Der Arzt hat mir eine Befreiung vom Außendienst verschafft, was ich dann auch auf den Innendienst ausgeweitet habe — muss ich wohl verwechselt haben. Daraufhin wurde ich ermahnt, dass ich doch wenigstens zum Innendienst kommen solle. Mir waren die Leute dort aber peinlich. Vor allem war mir das Uniformtragen unangenehm. Das hat nichts zu tun mit der Ablehnung des Dritten Reiches. Ich wollte solche Kleider nicht tragen, weil ich der Kronprinz meiner Mutter war. Ich war etwas hochmütig damals und habe den Nachbarsjungen, der immer am Zaun von unserem Garten stand, nicht zu uns gelassen. Der stieg dann später zum Jungzugführer auf. Als wir einmal antraten und froren, fragte er, wer denn einmal in die höhere Führung möchte. Da habe ich mich mit gemeldet. »Wie kommst du dazu?«, hat er mich gefragt und runtergeputzt. Da will man dann nicht hin.
Thomas Combrink: Wussten Sie damals von den Deportationen der Juden?
Alexander Kluge: So genau nicht. Ich habe aber schon aus Äußerungen der Eltern entnommen, dass Freunde in der Stadt verfrachtet worden sind. Die Wucht der Nationalsozialisten habe ich aber stärker erlebt, als plötzlich alle Ärzte in Halberstadt angeklagt wurden wegen Abtreibung und auch mein Vater verhaftet wurde. Das war für mich direkt sinnlich erfahrbar. Dann haben wir das kz Langenstein gesehen, was ich in »Verschrottung durch Arbeit« thematisiert habe. Das fanden wir damals nicht angemessen; nur kann man nicht davon ausgehen, dass Schüler sich darüber auseinandersetzen. Als mir in England eine ungarische Familie, der ich sehr vertraut habe, weil sie mich beherbergte, von den kz erzählte, habe ich gesagt: »Das kann nicht sein. Das hätte unsere Polizei verboten.« Das habe ich zu dem Zeitpunkt immerhin geglaubt, und da war ich kein Kleinkind mehr, vielmehr schon Schüler im Gymnasium. Es ist immer ein Durcheinander von Standpunkten, das den Kopf ausfüllt, und nicht nur eine Meinung. Soweit ich in der Zeit vor 1949 eine Meinung hatte, kam sie aus dem Englischen Klub. Der war das Spiegelbild der englischen Offiziere, die dort Erwachsenenbildung an uns betrieben.
Thomas Combrink: Der Koreakrieg beginnt 1950. Wie haben Sie den Ausbruch erlebt?
Alexander Kluge: Weil es einen Numerus clausus gab, bin ich in Marburg angelaufen mit einem Brief von meinem Stiefvater beim Corps Hasso-Nassovia. Dort kannte mein Stiefvater einen Professor Leonhard, einen jüdischen Juristen, der bei der Formulierung des bgb im Jahr 1900 Opposition war. Der war für eine römisch-rechtliche Lösung und hat seither diese Opposition als Zivilrechtler vertreten, war dann im Dritten Reich seines Amtes enthoben, war aber jetzt wieder als Opponent im Amt. Der hat mich eingeschleust in die Universität. Das gesamte Corps Hasso-Nassovia ist im Sommer 1950 mit Fahrrädern von Marburg nach Freiburg gefahren. Wir wollten nicht mehr schlagende Verbindung sein. Die alten Herren aber meinten, dass es doch wieder eingeführt werden solle. Wir fuhren zu unserem Schwesternkorps Suevia in Freiburg, blieben dort drei Monate, also ein Semester, und fuhren dann wieder zurück. Wir haben uns informiert, wie das so geht mit dem Schlagen, haben es dann aber abgelehnt, weil wir es für altmodisch hielten. Dafür wollten wir dann italienisches Degenfechten einführen, was aber die alten Herren nicht gut fanden, die an dem Tag des Stiftungsfestes, an dem sie Stimmrecht hatten (also einmal im Jahr), uns, also den Konvent, überstimmten. Daraufhin sind wird zu 90 % ausgetreten, meine besten Freunde, Wiegand, von Heusinger. Auch später haben wir uns nicht wieder neu organisiert. Der Ausbruch des Koreakrieges war eine Radionachricht im Sommer 1950, die uns erreichte, während wir mit dem Fahrrad Zwischenstation machten auf halbem Wege zwischen Marburg und Freiburg, in kurzen Hosen.
Thomas Combrink: Wussten Sie um die historische Bedeutung des Krieges?
Alexander Kluge: Was Krieg war, wussten wir natürlich. Die Nachricht davon — auch wenn der Krieg an einem weit entfernten Ort stattfindet — bewegt und irritiert sehr stark. Natürlich haben wir verstanden, dass mit der führenden Streitkraft in unserem Land, den Amerikanern, ein Krieg geführt wird und dass das gefährlich ist, weil die Russen auf der anderen Seite stehen. Der Koreakrieg ist im Ausbruch ein Schock, und anschließend gewöhnt man sich daran. Aber es ergab sich schon eine tiefe Beunruhigung, die im Grunde nicht aufgehört hat. So stellen auch die Kubakrise 1962 und der Kalte Krieg 1981 – 1984, also die Raketenkrise, starke Irritationen dar, die mich und mein Denken geprägt haben.Mit dem Koreakrieg hört im Grunde die Vorstellung auf, dass der Zweite Weltkrieg nun zu Ende ist; der Gedanke an die »Stunde Null« ist plötzlich obsolet.
Thomas Combrink: Hat Sie diese Zeit in Marburg geprägt?
Alexander Kluge: Dort wurde damals ein ganz interessanter Gegensatz sichtbar. Da gab es eine fest orientierte Linke, deren Vorsitzender der spätere Justizminister Jahn war. Und unsere Verbindung war »national« (ich war nicht national, aber die Umgebung, die alten Herren, waren es). In der Verbindung, der ich angehörte, waren fast alle Kriegsteilnehmer. Da war ein Major Barklage-Hilgefort, der hatte das Ritterkreuz mit Eichenlaub, war Panzerführer, hatte die Schlacht bei Charkow gewonnen. Der studierte Jura im gleichen Jahrgang wie ich; wir haben die Klausuren nebeneinander geschrieben. Einer meiner Freunde hieß Löhlein. (In Berlin gibt es noch eine Löhleinstraße, die nach seinem Vater, einem berühmten Anatomen, benannt worden ist.) Dieser Löhlein war im Kopf zerschossen und kam durchs Physikum nicht durch, weil sein Kopf nicht mehr wollte. Diese Leute kamen alle aus dem Krieg, und von ihnen konnte man nicht sagen, ob sie links oder rechts waren. Die hatten vielmehr eine eigene Denkform, eine Denkweise, die ich später nicht mehr gefunden habe, die sich zerstreut hat, die parteipolitisch auch nicht einzufangen ist. Das waren Leute mit ungemein klaren Gedankengängen. Fleckner war einer meiner besten Freunde, Willett war ein Corpskollege, ein brillanter Gräzist, der zwei Semester über mir war und eines Tages sein Studium abbrach. »Es ist vollkommen gleichgültig, Bildung gilt nicht«, sagte er zu mir. Er wurde Ökonom, also Volkswirtschaftler, und hat ein Weingut im Rheingau verwaltet. Heute ist er Unternehmensberater und Makler. Dass ein so brillanter Mann die Altphilologie abbricht und sich plötzlich der Wirtschaft zuwendet, hat mir schwer zu denken gegeben. Ich habe aber noch heute mit ihm innerlich Berührung und könnte seine Gedanken wiedergeben. Der setzte sich auch manchmal in die juristischen Vorlesungen mit hinein, weil er intellektuell ohne weiteres in der Lage war, sieben Studien nebeneinander zu führen. Die meisten meiner damaligen Freunde sind dann später Ärzte geworden; mit vielen bin ich nach wie vor befreundet, vor allem, weil wir zusammen aus dem Corps austraten. Um einen Sprung zu machen: 1955 ist das Vorstadium zu 1956. Da ist die Suez-Krise, bei der die Franzosen und die Engländer die letzte große Expedition machten. Das ist das Ende europäischer Machtpolitik. Die Suez-Expedition provoziert den Ungarn-Aufstand. Für mich hat die Nachkriegszeit dort geendet. Das ist auch der Zeitpunkt, an dem ich die ersten Geschichten geschrieben habe, der Moment also, wo ich anfing, mich mit der politischen Welt zu befassen.
Thomas Combrink: Hatten Sie damals Vorbilder in der deutschen Literatur?
Alexander Kluge: Ich hatte Thomas Mann als Vorbild, aber noch mehr Heinrich Mann mit dem Buch Die kleine Stadt. Kleist oder andere Klassiker habe ich erst später entdeckt. Den Erwählten von Thomas Mann habe ich zum Beispiel verschlungen. Es gibt wohl keine Zeile von ihm, die ich nicht gelesen habe. Aber auch Ovid ist für mich wichtig, denn im Prinzip Metamorphosen erkenne ich mich wieder. Rowohlts Rotations Romane, diese Bücher im Format einer Zeitung, habe ich auch alle gelesen: Hemingway, Thornton Wilder, Tennessee Williams, aber auch William Faulkner. Im Grunde bin ich aber aufs Hörensagen angewiesen. Jemand sagt etwas, dem vertraue ich, daraufhin schreibe ich eine Geschichte. Die Frau eines hohen Oberstudienrates in Wiesbaden sagte zu mir: »Der beste Roman, den ich kenne, ist die Brücke von San Luis Rey.« Daraufhin rannte ich ins Amerikahaus und holte mir dieses Buch von Thornton Wilder, das ich dann vielleicht sieben Mal gelesen habe. Anschließend sammelte ich alles, was Thornton Wilder je geschrieben hat. Dem Himmel bin ich auserkoren ist mein Lieblingsbuch. Sie können mich in irgendeinen Wartesaal oder Bahnhof setzen, den Titel dieses Buches nennen, und ich würde anfangen, Geschichten darüber zu schreiben. Wir sind noch einmal davongekommen hat mich auch beeindruckt. Die Bücher von ihm hatte ich schon 1947 einmal kennengelernt, und später wurde ich dann zum großen Thornton-Wilder-Fan. Aber ich lese auch Perry Rhodan.
Thomas Combrink: Was Sie literarisch machen, ist doch näher an Schwitters dran als an Thornton Wilder.
Alexander Kluge: Da gibt es eine Differenz zwischen meiner Schreibweise und meinen Lektüregewohnheiten. Vertrauensperso - nen reden aber vielleicht so wie Schwitters in Niedersachsen. Und dann kann ich mich ihm annähern. Ich schreibe nach Tönen, die ich mit dem Ohr gehört habe. Davon brauche ich nicht furchtbar viele; deswegen sind auch manche Sachen bei mir eher stereotyp wie zum Beispiel die Anfänge. Der Text »Ein Heimkehrer auf Umwegen« beginnt ja so: »Der Studienrat Alfred E. Glöckner hatte als Reserveoffizier 1939 Polen besetzt …« Nun würden Sie einwenden, dass er ja allein gar nicht Polen besetzen kann. Und der Ausdruck »Reserveoffizier « ist auch ganz unwesentlich für diese Sache. Trotzdem handelt es sich hier um seine Denkform. Dann geht es weiter: »… in Frankreich im Juni 1940 getafelt, war (gierig nach veränderten Umstände, rerum novarum cupidus) in Griechenland eingefallen …« Das habe ich aus dem Lateinunterricht; das Wort »eingefallen« habe ich mal gehört. Weiter: » … nicht nur der glanzvollsten Sprache des Altertums, des Griechischen, mächtig, sondern inzwischen auch als lkw -Fahrer tüchtig«, daran interessiert mich nur »mächtig« und »tüchtig«, weil es sich reimt. »Motorfahrzeuge konnte er reparieren. So kam er zu Schiff bis Kreta«, diese Technik des Wechsels benutze ich absichtlich.
Thomas Combrink: Woher stammt diese Methode?
Alexander Kluge: Meine Tante Martha, die Schwester meines Vaters, hat assoziativ geredet. Sie hat mich erzogen, weil ich ungebärdig war, als meine Schwester 1937 geboren wurde; ich fand meine Schwester damals hässlich. Meine Eltern hatten dann die glanzvolle Idee, zur Geburt meinen Lieblingsteddybär verschwinden zu lassen. Als Ersatz hatte man mir einen Fußball geschenkt. Ob meine Eltern dachten, dass ich meiner Schwester etwas tue? Auf jeden Fall wurde ich schon am nächsten Tag vom Kindermädchen nach Gotha zur Schwester meines Vaters gebracht; dort wurde ich eingeschult. Tante Martha kam mit mir zurecht. »Rote Haare und Sommersprossen sind des Teufels Volksgenossen«, so lautet das Motto meiner Geschichte, in der ich sie beschreibe. Ich liebe sie sehr, weil sie mit mir fertig wurde. Sie hat mir zum Beispiel das Sparen beigebracht. Bei einem kurzen Besuch in Halberstadt bekam ich 10 Pfennig geschenkt, die sie mir wieder abgenommen hat als Beitrag für die tägliche Milch; ich verabscheute Milch. Wenn ich nicht gehorchte, wurde ich in eine Kiste gesetzt, auf der sie Platz nahm. Tante Martha war nie tyrannisch, nur konsequent. Und sie konnte gut erzählen, plastisch, aber ungeordnet. Was ich mache, ist nur die geordnete Fassung von dem Rhythmus, in dem sie assoziiert. Ich kann auf ein Ziel hin erzählen, weil ich ein gesellschaftliches Modell vor Augen habe.
Thomas Combrink: Sie benennen die Dinge sehr direkt. Ihre Literatur ist keine Drumherumrederei. Steckt in diesem direkten Zugriff ein antiliterarischer Impuls?
Alexander Kluge: Die frei flottierenden Reste der Literatur werden deutlich. »Der Lord läßt sich entschuldigen, er ist zu Schiff nach Frankreich«, das ist das Ende von Schillers Maria Stuart. In gleicher Weise funktioniert auch der Satz: »So kam er zu Schiff bis Kreta.« Der läuft über das Gehör, das ich vom Theater habe. Ich schreibe nicht bewusst, aber es gibt immer sieben verschiedene Gründe, die zum Satz führen. Wie bei einem Echolot: Sie werfen ein Echo aus und hören die Antwort der Wand. Das ist meine Methode. Ich mache einfach zwanzig Echolotmessungen, und dadurch entsteht der Text.
Thomas Combrink: Wann haben Sie eigentlich Adorno kennengelernt?
Alexander Kluge: 1953 habe ich mein erstes Staatsexamen in Marburg gemacht. Danach kam eine schreckliche Zeit in Biedenkopf in der Amtsgerichtsstation als Referendar. Diese Zeit war schrecklich, weil ich jeden Morgen um fünf Uhr aufstehen und mit dem Fahrrad von Marburg nach Biedenkopf fahren musste. Dort war ich in der Obhut eines Herrn Wolff, dessen Söhne kd und Frank in der Protestbewegung eine wichtige Rolle spielten. Der Vater war im Dritten Reich Leiter der Juristenseminare in Jüterborg, wo die Juristen wehrertüchtigt wurden. Wolff war Herr und König von Biedenkopf. Jeden Mittag bekam er einen Wutanfall, weil sein Magen revoltierte. Dann schrie er alle Leute zusammen. Der hat mich vollgeladen mit Arbeit, und ich war eine Provinz wie Biedenkopf gar nicht gewöhnt. Danach kam ich nach Kassel, was herrlich war. Im Winter 1953 / 54 war ich da drei Monate beim Landesarbeitsgericht, habe außerdem Orgel gespielt in einer wunderbaren Kirche. Kassel ist eine hinreißende Stadt gewesen: Bibliothek, Museum, Veranstaltungen, Konzerte. Und für mich bedeutete der Aufenthalt dort zum ersten Mal Freiheit. Danach ging ich in eine noch schönere Stadt, nämlich Wiesbaden. Sechs Monate war ich in der Landgerichtsstation. Da habe ich immer im Schwurgerichtssaal geschrieben. Vormittags wurde man drei Stunden beschäftigt als Referendar, danach konnte ich die ganze Zeit im Schwurgerichtssaal sitzen und schreiben; ich hatte den Schlüssel zum Saal. Wiesbaden ist meine schönste Station gewesen. Dann hat ein Mitreferendar gesagt: »In Frankfurt ist das Leben.« Da haben wir uns dorthin versetzen lassen. Das muss im Winter 1954 / 1955 gewesen sein. Ich bin in einer Jugendherberge untergekommen. Mein Aufenthalt war nämlich vollkommen ungeplant. Da bekam ich eine Kopfgrippe, mein ganzer Mund war voll Bläschen und Eiter. Eine furchtbare Zeit: aus der Jugendherberge direkt ins Gericht, wo man kostümiert so tun musste, als leiste man ernsthafte Arbeit. Dann habe ich zum Glück im Studentenhaus ein Zweierzimmer bekommen, vermittelt von Werner Sörgel, der der Leiter des Studentenhauses war. Das hat mich gerettet. Da habe ich angefangen, noch Geschichte zu studieren. Eines Tages sitzt in der Antrittsvorlesung von Professor Patzer, einem Altphilologen, in der Reihe vor mir ein Mann mit großen dunklen Augen. Den habe ich angeschaut und dachte: »Der ähnelt doch der Beschreibung von Adorno aus Thomas Manns Die Entstehung des Doktor Faustus.« Ich hatte vorher nie ein Foto von ihm gesehen. Durch die Tagebücher von Thomas Mann war er ja berühmt. Dann habe ich ihn so lange angestarrt, bis er sich umgedreht hat. Als ich ihn fragte, wie er heiße, sagte er: »Adorno.« (Eine Vorlesung von Professor Patzer ist übrigens in Abschied von gestern zu sehen.) Dann hat Adorno mich auf einen Aperitif eingeladen. Das muss 1955 gewesen sein. Ich habe in Frankfurt als Referendar gearbeitet im Kuratorium der Universität, weil meine Dissertation, die ich 1956 abgegeben habe, die Universitätsselbstverwaltung als Thema hatte. Weil ich an dieser Dissertation schrieb, hat mich der Kurator Frieder Rau als seinen Adlatus angenommen. Nachdem ich mit dem Referendariat dort fertig war, hat er mich an Hellmut Becker vermittelt. Und der war zu dem Zeitpunkt der Justitiar vom Institut. Ihm bin ich nachgefolgt. Dann habe ich meine Anwaltsstation als Referendar in Kressbronn gemacht, und später als Anwalt ging ich wieder zu Becker. Und 1958 kommt dann mein Volontariat bei Fritz Lang. Es folgt auf mein zweites Staatsexamen, das im Frühjahr 1958 war. Danach war ich drei Wochen in Paris und wollte mein Leben ändern. Dann bin ich nach Berlin zu Fritz Lang gegangen.
Thomas Combrink: Was wollten Sie ändern?
Alexander Kluge: Ich wollte kein Jurist werden. Ich hatte das zweite Staatsexamen, und jetzt wollte ich endgültig Literatur machen. Und nach drei Wochen Paris waren meine Mittel erschöpft. Dann bin ich durch Vermittlung von Adorno zu Fritz Lang nach Berlin gegangen. Adorno hat einen Brief geschrieben und mir auch noch ein Schreiben mitgegeben.Ich habe mich dann damit gemeldet und kam so in den persönlichen Stab von Fritz Lang. Ich war der Sendbote seiner Opposition gegen den Produzenten Brauner. Ich musste da intrigieren. Eigentlich habe ich dauernd verhandelt um Sachen, die er wollte. So ein reitender Bote war ich. Die übrige Zeit saß ich dann in der Kantine und habe geschrieben. Dann wurde ich losgeschickt und musste mit seiner Lebensgefährtin Lili Latté nach Ulm, um anzufragen, ob nicht in der Hochschule für Gestaltung, die ich durch Hellmut Becker kannte (der war Berater und Gründer), eine Filmabteilung für ihn aufgebaut werden konnte. Obwohl wir den Plan damals sehr eloquent vorgetragen haben, wurde das nicht umgesetzt. Ähnliche Sachen habe ich auch für das Institut für Sozialforschung gemacht. Fritz Lang hat sich allerdings kaum für meine künstlerische Meinung interessiert. Er hat mir allerdings viel beigebracht: wie man einen Film schneidet, wie man Tiger im Atelier zu einem angepflockten Zicklein führt, wie man das Gesicht der Hauptdarstellerin zu Reaktionen bringt. Ansonsten habe ich Aufträge ausgeführt.

¹ Alexander Kluge: Die Lücke, die der Teufel läßt. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2003, S. 817 – 819. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Suhrkamp Verlags, Frankfurt a. M.
² Alexander Kluge: Chronik der Gefühle. Band II. Frankfurt a. M. 2000, S. 19 – 22.

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Dieses Interview wurde erstmals publiziert in: Doppelleben. Literarische Szenen aus Nachkriegsdeutschland. Materialien zur Ausstellung. Herausgegeben von Bernd Busch und Thomas Combrink. Wallstein: Göttingen 2009. S. 290-300. - Siehe auch: Doppelleben. Literarische  Szenen aus Nachkriegsdeutschlandwww.doppelleben.org.