2002 Von: Sabine Schlosser

"Der Zuschauer wird oftmals unterschätzt"

MEDIEN HORIZONT 6 / 2002

Literat, Filmemacher und TV-Produzent Alexander Kluge über konvergierende Zielgruppen, glaubwürdige Marken und glückliche Momente Qualität ist seine Devise, Vielfalt sein Programm. Alexander Kluge nährt das neue Selbstbewusstsein.


HORIZONT: Seit 15 Jahren pflegt die DCTP die Vielfalt im Privatfernsehen. Zeigt die homöopathische Dosis an TV-Kultur Wirkung?

Alexander Kluge: Unser Orchester aus "Spiegel-TV", "Stern-TV", "NZZ Format", "Süddeutsche TV", "National Geographic Explorer", "PM Reportage", den BBC-Formaten und meinen Kulturmagazinen bringt einen Kammerton eigener Art ins Fernsehen ein. Die Akzeptanz können Sie an der Quote ablesen. Selbst die Kulturmagazine erreichen an manchen Abenden einen Marktanteil von 14 Prozent.

Bertelsmann und Kirch dominieren den Privat-TV-Markt. Ist die DCTP heutzutage oftmals nurmehr das Feigenblatt der Medienwächter, um das eigene Versagen zu verdecken?

Kluge: Nicht die Medienanstalten haben versagt, sondern die Ministerpräsidenten der Länder haben ihnen sukzessive die Instrumente zur Verhinderung der Konzentration aus der Hand genommen. Noch besteht aber ein gewisses Gleichgewicht, das auch nach der Verfassung absolut notwendig ist. Die unabhängigen Dritten begrenzen die Marktmacht der TV?Familien. Schwache Potenzen wirken manchmal stark. Mehr kann man mit unseren bescheidenen Kräften nicht tun.

Bringt die Digitalisierung neue Chancen für unabhängige Anbieter oder verstärkt sich die Konzentration?

Kluge: Eine Kette globaler Vorgänge wirkt der Konzentration entgegen, denn es wächst eine Generation heran, die das Internet als vernetzte Intelligenz wie selbstverständlich nutzt. So bilden sich neue Arten des Selbstbewusstseins und es entsteht sozusagen eine Gewerbefreiheit des Geistes. Dieser Zielgruppe, die eines Tages die Mehrheit sein wird, arbeiten wir zu.

Damit wäre die DCTP mitten im Mainstream. Passt dies denn zur Unternehmensphilosophie?

Kluge: Ziel der DCTP Ist nicht der ewige Minderheitenzustand in Opposition zum Mainstream. Für die Gesellschafter Dentsu oder Spiegel wäre es ja auch ganz ungewöhnlich, sich als Minderheit zu fühlen. Die DCTP ist vielmehr ein Schlüssel zu den neuen konvergierenden Öffentlichkeiten. Nehmen Sie den Roman "Vom Winde verweht": Die selbstbewusste Scarlett O'Hara ist unsere Zielgruppe. Die Frau weiß, was sie will, orientiert sich aber dennoch an Ashley, dem gebildeten Konservativen, und an Rhett Butler, dem etwas Wilderen, der für die moderne, metropolitane Intelligenz steht. Scarlett, die die Mehrheit bildet, repräsentiert die aktive Zielgruppe mit multiplen Interessen. Diese Zielgruppe will sich amüsieren, will aber gleichzeitig auch Substanz. Traditionelles Kaufhof-Femsehen muss um die Angebotsvielfalt der Maximilianstraße ergänzt werden.

In einer Zeit des Eskapismus wird es jedoch immer schwieriger, das aktive Interesse des Zuschauers zu wecken.

Kluge: Daher müssen Sie die Programmintelligenz verbessern. Der Rohstoff für Qualitätsprogramm ist das aktive Interesse. Um dieses wachzuhalten, brauchen wir den langen Atem der Kultur, sonst haben Sie einen Monat lang den 11. 9. und danach einen verstärkten Eskapismus. Die organisierte Geduld der DCTP pflegt diesen langen Atem. Wir nehmen unsere Zuschauer ernst.

Die Frage ist nur, ob sich der vom Arbeitsleben gestresste Mensch auf dieses Angebot auch einlässt. Muss man den Zuschauer, der vor dem Bildschirm Ablenkung und Entspannung sucht, nicht fast schon zur aktiven Auseinandersetzung zwingen?

Kluge: Wir können den Zuschauer nicht ändern und zwingen können wir ihn schon gar nicht. Es ist sein Leben. Qualität heißt Positionierung auf der langfristigen Linie eines Vertrauensverhältnisses. Es geht um glaubwürdige

 
Alexander Kluge
 
" Fernsehen mit Minderwertigkeitskomplexen taugt nichts "

Marken, denn man darf den Zuschauer nicht unterschätzen: Wenn er sich nicht ernst genommen fühlt, wechselt er die Koalition.

Geduld ist nicht gerade eine Tugend der TV-Unternehmer. Programme werden schnell aufgetischt, genauso schnell aber wieder abserviert.

Kluge: In der Treibhausatmosphäre der Privatsender muss alles so schnell wachsen, dass für die langfristige Entwicklung nichts übrig bleibt. Da kommen dann holländische Tomaten raus. Die DCTP versteht sich daher als Entwicklungsabteilung von Fernsehen.

Mit Ihnen leitet Dentsu-Vorstand Fumio Oshima von Tokio aus die Geschicke der DCTP. Was verbindet Sie?

Kluge: Ohne Fumio Oshima wäre ich nie zum Fernsehen gegangen. 1986 kam er mit einem Aktenordner und hat mir die Grundbegriffe des Werbefernsehens beigebracht. Dentsu denkt von der Werbung um Programm hin und für einen Autoren ist dies zunächst einmal ungewöhnlich. Ich habe gelernt, dass wir das Fernsehen verbessern können, wenn die Qualität der TV-Werbung steigt. Daher wünsche ich mir für XXP eine Werbeinsel für Bücher und eine für Stiftungen, die dort ihre Leistungsstärke kommunizieren. Eine weitere Werbeinsel könnte ich mir als Präsentationsfläche für Werbeagenturen vorstellen und eine andere für Imagespots internationaler Konzerne. Diese Werbeinseln fordern ein hochwertiges Programmumfeld. Und damit geht die Entwicklung in Richtung Qualität.

Imagewerbung für Stiftungen oder Werbeagenturen ist in anderen Medien vielleicht wirksamer plaziert.

Kluge: Fernsehen mit Minderwertigkeitskomplexen taugt nichts. TV ist in unserer Gesellschaft das Leitmedium und muss Spitzenqualität an streben. Nicht, weil Spitze esoterisch ist, sondern weil Scarlett O'Hara nur diese Spitze liebt.

Für das Selbstverständnis der Programm-Macher, die sich durch dieses Prozedere instrumentalisieren lassen, ist das eine heikle Gratwanderung.

Kluge: Eine Gratwanderung ist das ganze Leben. Und wenn es der Qualität dient, wieso nicht? Die Künste sind eigensinnig genug und lassen sich nicht beherrschen. Insofern können wir auf die freie Bewegung der Kräfte vertrauen. Da bin ich bei Adam Smith, der sagt: "Die bürgerliche Gesellschaft besteht aus lauter egozentrischen Teufeln, aber zusammen produzieren sie Wealth of Nations. "

Im Idealfall.

Kluge: Smith sagt, das sei eine Regel.

Ausnahmen bestätigen die Regel.

Kluge: Das schon, aber man darf nicht zu streng prüfen, ob man gedient hat oder nicht. Jeder mittelalterliche Chronist in Florenz, jeder Schutzputzer in New York, der Millionär werden wollte, hat entfremdet gedient. In Wirklichkeit wurde ein gemeinsames Selbstbewusstsein erzeugt. Wir müssen die Bedürfnisse der Werbewirtschaft ernst nehmen und die Werbeakzeptanz beim Zuschauer sicherstellen, dann kommen Sie auf den Leitsatz, den mir Fumio Oshima mitgegeben hat: Wenn der Zuschauer die Werbeinsel besser als das Programm empfindet, haben wir das Fernsehen, das wir brauchen.

 
Alexander Kluge
 
Unwirklich ist, was gleichgültig lässt. Die Macht der Gefühle bewegt den Schriftsteller, Filmemacher und TV-Unternehmer Alexander Kluge. Der promovierte Jurist kommt 1958 als Assistent von Fritz Lang zum Film. In den 60er Jahren gehört er zu den Vordenkern des neuen deutschen Films. Ende der 70er dreht er mit Volker Schlöndorff und Stefan Aust. 1987 ruft Kluge mit der DCTP die Idee des Herausgeberfernsehens ins Leben. Als Literat meldet er sich 2000 mit "Chronik der Gefühle" zurück. Ein Jahr später veröffentlicht das bewährte Duo Alexander Kluge und Oskar Negt " Der unterschätzte Mensch".

DCTP-Gesellschafter Spiegel ist sehr aktiv, welchen Input liefert Dentsu?

Kluge: Ratschläge, Controlling und Hilfe im Werbezeitenverkauf. Dentsu hat beispielsweise sechs Sendungen mit Heiner Müller sowie eine Opern-Reihe auf XXP mit Spots internationaler Konzerne bestückt.

Partner von XXP sind "SZ", "NZZ", BBC und Kinowelt. Welche weiteren Kooperationen sind denkbar?

Kluge: Mit der Verlagsgruppe Handelsblatt stehen wir im Kontakt. Darüber hinaus würden wir gerne mit der "FAZ" zusammenarbeiten.

Welche Auswirkungen hat das Insolvenzverfahren von Kinowelt auf die Programmzulieferungen?

Kluge: Bislang gibt es keinen Ausfall. Der Filmverlag der Autoren beliefert XXP weiterhin.

Wie steht es um die Vision, das Programmkonzept auch auf andere Metropolen zu übertragen?

Kluge: Wir hoffen, über eine befreundete Lizenz als Fensterprogramm in Paris on Air zu gehen. Auch an der Brücke zu New York bauen wir fleißig.

Nicht nur als Filme- und TV-Macher, auch als Literat legen Sie einen schier unermüdlichen, hochproduktiven Arbeitseifer an den Tag. Wenn Sie in Urlaub gehen, kommen Sie mit einem Buch zurück. Was spornt Sie so an?

Kluge: Dass ich von Haus aus ein Autor bin, der gelernt hat, dass die Studierstube nicht der Ort ist, an dem man Autor sein kann. Man entfernt sich aus der Realität. Das habe ich schon, als ich zum Film ging, so empfunden. Während ich schreibe, spreche ich mit anderen vertrauenswürdigen Menschen wie Adorno, Montaigne, Ovid oder Heiner Müller, aber auch mit meiner Mutter oder unserer Erzieherin. Mein Netzwerk ist die Literatur und meine Lieblingsfigur Arachne, eine schöne Weberin, die in den Wettstreit mit der Göttin Athene trat, besser war und deswegen in eine Spinne verwandelt wurde.

In Ihrem Kopf muss es permanent sprudeln. Wie ordnen Sie Ihre Gedanken?

Kluge: Da sprudelt überhaupt nicht viel. Die Konzentration liegt in der Spitze des Bleistifts. Um literarisch tätig zu sein, muss man genügend analytische Fähigkeiten erwerben, sich locker machen und darauf vertrauen, dass die Geschichte plötzlich wie ein Kristall zusammenschießt. Die Form stammt zu 90 Prozent aus der Literatur, der Rest ist individuell.

Und formuliert sich im Schriftlichen...

Kluge: ...wie im Oralen. Beim Schreiben läuft ein Erzählstrom. Es ist ein Austausch zwischen dem Ungefährwerk des Redens und dem schriftlichen Hinzufügen grammatikalischer Strukturen. Meine Firma habe ich Kairos Film genannt. Kairos ist der glückliche Moment, ein griechischer Gott der Zeit, der vorne einen Schopf und hinten einen kahlen Schädel hat. Genau diesen Moment müssen Sie ergreifen.

 
DCTP
 
Die Produktionen von "Spiegel-TV" und "Stern-TV" gehören zu den Aushängeschildern der Development Company for TV-Program (DCTP). Gesellschafter sind Alexander Kluge/AKS (50 Prozent), die japanische Werbeagentur Dentsu (37,5 Prozent) und der Spiegel-Verlag (12,5 Prozent). Die DCTP ist mit Fensterprogrammen auf RTL und SAT 1 präsent, hält eine gemeinsame Lizenz mit dem TV-Sender VOX, an dem das Unternehmen zu 0,3 Prozent beteiligt ist, und ist mit PTV in der Schweiz aktiv. Im Joint Venture mit Spiegel-TV ging am 7.Mai 2001 der Metropolensener XXP on Air.

Wie konzentrieren Sie sich, dass Sie auch wirklich den Schopf packen?

Kluge: So, wie man einschläft. Ich lösche alle übrigen Eindrücke und schaue nach innen.

Und das funktioniert immer?

Kluge: Auf die Minute. Meine Mutter konnte das auch.

Kommenden Donnerstag feiern Sie Ihren 70. Geburtstag. Was würden Sie sich wünschen, wenn Sie die Gewissheit hätten, dass der Wunsch auch in Erfüllung geht?

Kluge: Wenn Sie so fragen, denke ich nur an all die Märchen, in denen das Wünschen Unglück gebracht hat. Hätte ich einen Wunsch, würde ich ihn daher für mich behalten. Wenn Sie eine Sternschnuppe sehen, dürfen Sie ja auch nichts verraten.