2002 Von: Peter Laudenbach

Der Independent-Pate

TIP-Berlin 3/2002

Fernsehgeschichte und Eigensinn: Alexander Kluge ist Schriftsteller und TV-Unternehmer, Opernliebhaber und Autorenfilmer, Jurist und subversiver Geist. Ab 14. Februar gehört er auch noch zum Club der 70-Jährigen - und lässt sich von Kleinanstalten wie WDR, 3 SAT und FAB zu den drolligsten Sendezeiten feiern


Eigentlich dürfte es ein Phänomen wie Alexander Kluge nicht geben. Nicht in der deutschen Fernsehlandschaft. Alles, was man im Fernsehen nicht machen darf, macht Kluge. Er spricht penetrant von seinen privaten Obsessionen: Stalingrad, Opern, unentfremdete Arbeit. Egal, um was es geht, Rosa Luxemburg, Liebe oder den US-Imperialismus, irgendwann wird Kluge sich und uns das Problem mit einem Opernzitat erklären (oder verwirren). Dauernd tauchen in seinen Sendungen Schrifttafeln wie in Stummfilmen auf. Elektronisch verzerrte, eingefärbte Bilder werden rhythmisch ineinander geschnitten. Comics, Schlagzeilen, antike Statuen und Hitlerfotos tauchen in einer Sendung über Ufos auf. Kluge interviewt stundenlang obskure Gehirnforscher, russische Geheimdienstoffiziere oder Systemtheoretiker. Er scheint nichts aufregender zu finden als die Bauernkriege, den Dichter Ovid, den frühen Stummfilm oder Nietzsches Wahnsinn.

Und wenn Kluge mal jemanden interviewt, den das gemeine Fernsehpublikum sogar kennt, stellt er Fragen, die zielsicher an der Neugier des Publikums vorbeigehen. Spike Lee fragt er, ob er Opern mag. Antwort des sichtlich genervten Spike Lee: "No." Dann erklärt Kluge Mr. Lee, dass sein neuer Film in Wirklichkeit eine Oper aus dem 21. Jahrhundert sei. Wenn er sich mit Jeff Mills unterhält, dem Godfather des Detroit-Techno, interessiert sich Kluge für elektronische Musik als "Beispiel einer Gegenöffentlichkeit unter proletarischen Bedingungen". Dann sagt er Sätze wie: "Wenn Sie mir einmal sagen, was diese seltsame Eigenschaft in den Menschen ist, die man Musik nennt. Woraus besteht sie?" Was die Frage aufwirft, was die seltsame Eigenschaft in den Menschen ist, die man Kluge-Faszination nennt. Woraus besteht sie? Und weshalb antworten ihm seine Gesprächspartner auf dermaßen gigantische Fragen ("Gibt es Met in Afrika?") so höflich, entspannt konzentriert und ernsthaft? Also so, wie im Fernsehen sonst kein Mensch spricht?

Mark Siemons, der subversivste Autor im "FAZ"-Feuilleton, sagt es so: "Diese Sendungen scheinen mit Fernsehen schlechthin nichts zu tun zu haben. Die Tonqualität ist schlecht, die Fragen kommen nicht auf den Punkt, es wird so schnell gesprochen, dass man gar nicht folgen kann." Kluge, so der Feuilletonist, mache Fernsehen auf eine Weise, "als wolle er das Fernsehen zerstören. Die Welt, die das Fernsehen sonst repräsentiert, zerspringt in 1000 Stücke. Der Zuschauer hat hinterher nicht den Eindruck, er wisse mehr. Meistens versteht er nichts".

Das aber auf extrem spannende Weise. Und das ist, wenn nicht die Zerstörung des normalen Fernsehens, zumindest sein Gegenteil: Über- statt Unterforderung des Zuschauers, überkomplexe Assoziationsgeflechte statt eindeutiger Plots, nicht Bestätigung vertrauter Gewissheiten, sondern das ironische Aufbrechen der Bildoberfläche. Man sieht nicht den Kanzler beim Interview, sondern die Journalisten, die auf ihn warten. Oder die simple Verweigerung irgendwelcher Bildoberflächenreize: ein Interview in einer einzigen Einstellung, mit einem nuschelnden Wissenschaftler. Und es wirkt wie eine Fortsetzung seiner Collage-Schnitt-Technik, dass seine Gespräche mit dem sterbenden Heiner Müller oder mit Niklas Luhmann kurz vor oder nach Mitternacht zwischen Werbung für Wichsanrufdienste und Privatfernsehmüll zu sehen sind.

Seit 14 Jahren laufen Kluges Magazine auf RTL, SAT.1 oder VOX. Als sich die ersten Privatsender um Sendelizenzen bemühten, war Kluge so ziemlich der Einzige, der die Gefahren und die Chancen des Privatfernsehens sah. Das Ziel der kommerziellen Medien sei es, "Teileigentum an der Lebenszeit von Menschen zu gewinnen", polemisierte Kluge schon vor drei Jahrzehnten. Wer sich durch Werbung und Zuschauervolumen finanziert, betreibe nichts anderes als eine subtile Form des Menschenhandels und die "Kolonialisierung des Bewusstseins", so Kluges Polemik zu Beginn der achtziger Jahre. Was die Medienkonzerne ihren Zuschauern bieten, ist für den Autorenfilmer Kluge der "Persönlichkeitsverlust auf Zeit als Genussform" - mit Folgen für die Gesellschaft: "Das Reich der kollektiven Unaufmerksamkeit, das sich auf diese Weise verbreitert, erlaubt jeder Räuberhorde, früher oder später die Leitung der Gesellschaft zu übernehmen." Und heute regiert Berlusconi Italien, und Kirch soll Kohl von Amigo zu Amigo eine oder mehrere Millionen gespendet haben.

Kluge ist es mit sehr geschickter Lobbyarbeit gelungen, die Kommerzsender per Staatsvertrag zu zwingen, unabhängigen Fernsehmachern (also: ihm) Programmfenster zu öffnen. Und sie zu bezahlen. Matthias Uecker, der Autor einer maßgeblichen Untersuchung ("Anti-Fernsehen? Alexander Kluges Fernsehproduktionen") schätzt, dass Kluges Firma dctp von den Sendern etwa 50.000 Euro erhält - pro Woche. Bei Kluges niedrigen Produktionskosten vermutet Uecker den wöchentlichen Überschuss bei etwa 30.000 Euro - wöchentlich. Kein Wunder, dass Helmut Thoma, der ehemalige RTL-Chef, Kluge einen "Quotenkiller" und "elektronischen Wegelagerer" nennt. Kluges Magazine sind für den RTL-Erfinder Thoma "Zwölftonmusik mit Zirkus" - eine Formulierung, die Kluge wahrscheinlich gut gefällt.
Das mit den Quotenkillern stimmt übrigens nicht. Im Schnitt haben Kluges Magazine etwa eine Million Zuschauer, zur späten Stunde ein Marktanteil von vier bis acht Prozent. Und wenn die Privatsender seine Magazine irgendwann nicht mehr senden müssen, hat er als Widerstandsnest noch seinen zusammen mit Spiegel TV betriebenen Metropolen-Sender XXP - in Berlin, Mecklenburg-Vorpommern und Hamburg, demnächst auch in Bremen und Niedersachsen; eine Armada kleiner, feiner Stadtsender. Der antikolonialistische Befreiungskampf gegen die "Kolonialisierung des Bewusstseins" geht weiter.

Sendungen zum 70. Geburtstag von Alexander Kluge (Auswahl): Zeitzeugen - Kinozeit Gespräch mit Alexander Kluge; So, 10.2., 20:00 Uhr, FAB (Wdh. am Mo, 11.2., 17:00 Uhr); Alle Gefühle glauben an einen glücklichen Ausgang Alexander Kluge zum 70. Porträt von Angelika Wittlich, D 2002; Mi, 13.2., 23:00 Uhr, WDR (Wdh. am Mo, 18.2., 23:00 Uhr, 3 SAT); Abschied von gestern sw Dokumentarspielfilm, BRD 1965-66, B/R: Alexander Kluge; Mi, 13.2., 0:00 Uhr, WDR (Wdh. am Mo, 18.2., 23:00 Uhr, 3 SAT); Utopie Film Alexander Kluges Filmguide; Do, 14.2., 23:45 Uhr, WDR; Chronik der Gefühle Der Schriftsteller und Filmemacher Alexander Kluge; Fr, 15.2., 10:45 Uhr, 3 SAT; Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit Filmessay, BRD 1985, R: Alexander Kluge; Mi, 20.2., 23:00 WDR (auch am Sa, 16.2., 23:50 Uhr, BR).