2011 Von: Birgit Schmid

56 ANTWORTEN VON ALEXANDER KLUGE

Man kann diesen Mann nicht wirklich interviewen, aber man kann ein wunderbares Gespräch mit ihm führen.


Bild: Monika Höpfler

Er könne keinen Besuch empfangen, bleibt er auch bei mehrmaligem Nachhaken entschieden. Seine Tageseinteilung erlaube es nicht, er wisse heute nicht, wo er morgen sei, ob überhaupt in München, vielleicht gerade am Drehen. Alexander Kluge, der nächsten Februar achtzig Jahre alt wird, hat zu tun. Der Regisseur und Mitbegründer des euen Deutschen Films in den Sechziger- und Siebzigerjahren («Abschied von gestern», «Deutschland im Herbst») und Schriftsteller («Chronik der Gefühle», «Labyrinth der zärtlichen Kraft») nimmt sich dann trotzdem alle Zeit, um in mehreren Telefongesprächen «Wiedergutmachung zu betreiben»). Man solle ihn einfach anrufen. Zwei Stunden lang spricht man in den Feierabend hinein. Und ein paar Tage später noch einmal. Bei weiteren Fragen: «Rufen Sie mich wieder an.» Kluge, Büchner Preisträger und durch und durch politischer Mensch, legt eine Freundlichkeit an den Tag, die er auch zeigt, wenn er wie neulich Micheline Calmy-Rey für eine seiner TV-Sendungen interviewt (sie vereine «eine hohe Liebenswürdigkeit und eine Härte in derselben Person»). Egal, ob man ihn auf das Wetter oder auf Fukushima anspricht: Schon mäandriert er durch Literatur- und Kulturgeschichte, ohne einen je abzuhängen.

Herr Kluge, wenn man mit Ihnen spricht, merkt man, dass Sie, der Befragte, sich ebenso stark für Ihr Gegenüber interessiert. Montaigne schreibt: Er wisse nicht, ob er mit der Katze spiele oder sie mit ihm.
Ja, aber die Situation ist verschieden. Sehen Sie: Ich sitze im Schatten, wenn ich ein Interview führe, die Kamera nimmt mich nie ins Bild. Ich konzentriere mich ganz aufs Gegenüber. Wie wir jetzt am Telefon miteinander sprechen, das ist anders, dialogischer. Wenn ich Fragen stelle in einem Interview - ich nehme diese Gesprächsform im Fernsehen sehr ernst -, dann konzentriere ich mich ganz darauf, dass der andere gedeiht. Dass der sozusagen in seinem Netz der Gedanken aufgeht, die man manchmal erraten kann, wenn man die Person kennt.
Doch auch deshalb, weil man die Person sieht.
Ja, aber ich könnte die Augen schliessen dabei. Wenn ich Heiner Müller gesprochen habe, dann sehe ich zwar, dass er immer an seinem Whiskyglas nippt, dass er an seiner Zigarre zieht, dass er Dampf um sich verbreitet und ein steinernes Gesicht, sein Pokergesicht zeigt. Doch das bringt mir die wenigste Information. Ich weiss nicht, warum er glücklich oder unglücklich ist. Während in dem, was er sagt, er sich nicht verbergen kann.
Dazu gehört der Tonfall. Hören scheint Ihnen wichtiger als sehen. Deshalb telefonieren wir.
Das Ohr räuscht sich nicht, aber das Auge findet manchmal nichts Richtiges, um sich festzuhalten. Der antike Dichter Homer war blind und hat trotzdem zu Menschen gesprochen. Im Beichtstuhl sieht man sich auch nicht. Und Adorno empfiehlt, wenn man literarische Texte schreibt, diese Texte blind zu halten. Wenn man die Texte vorher kennt oder selber zu früh versteht, werden es keine guten Texte, sagt er. Es ist eine gewisse Blindheit erforderlich, auch sich selbst gegenüber. Das Herz spricht blind.
Man muss also eine gewisse Naivität bewahren?
Die man nicht künstlich herstellen kann. Ich kann nicht zum 6-Jährigen werden, aber ich kann seine Offenheit nachahmen.
Woher kommt Ihre Neugier am Gegenüber, Ihre Menschenfreundlichkeit?
Sagen wir mal so: Ich habe eine Mutter, die gerne Gespräche führt, die redet sehr gern und mochte auch das Hin und Her, den Dialog. Als Kind trat ich in einen Raum und hörte dieses Schwirren. Meine Schwester ist genau wie meine Mutter. Sie sind meine Idole. In die kann ich mich hineinversetzen, so dass gar nicht so viel Absichten nötig sind, als vielmehr Personen, denen man folgt, die man für poetischer hält als sich selbst.
Bringen Sie in Interviews womöglich auch die nötige Empathie mit, weil Ihr Vater Arzt war, der sich viele Krankengeschichten angehört hat und Sie von ihm abgeguckt haben?
Mein Vater konnte den Patienten sehr gut zuhören, nicht aber seinen Kindern oder Gästen. Da erzählte lieber er. Er war ein grosser Geschichtenerzähler, der hat niemand anderen erzählen lassen. Er hat mich in seinem Leben vielleicht sieben Mal etwas gefragt. Er verhält sich den Patienten gegenüber anders. Dienst ist Dienst, Schnaps ist Schnaps, und wir als Familie gehören zum Schnaps. Wir sind keine Patienten. Er hat uns auch nie ärztlich behandelt. Wenn man einen Schnupfen hatte, dann sollte man den sich abgewöhnen.
Ihre Schwester heisst Alexandra, obwohl Sie keine Zwillinge sind.
Den Eltern ist da nichts eingefallen. Ich sollte auf den Namen Ernst getauft werden. Mein Vater heisst Ernst und auch der Bruder meiner Mutter. Wir waren eine Famüie von Ernsten. Gleichzeitig sollte auch der Name meiner Mutter, Alice, die ja in vehementer Weise an meiner Existenz beteiligt ist, in meinem Namen anklingen, durch die ersten zwei Buchstaben im AJexander. So heisse ich Ernst Alexander.
Irgendwann haben Sie sich für AIexander entschieden?
Ich wurde nie Alexander genannt, sondern immer Axel. Das ist ein schwedischer Name, ein Pferdename, und hat wiederum gar nichts mit Alexander zu tun. Und meine Schwester hiess Biene, bis sie etwa achtzehn Jahre alt war. Biene, wie das lebhafte Insekt, weil sie so emsig war. Kinder nehmen ihre Taufnamen ja nicht gleich an. Als ich mein erstes Buch veröffentlicht habe, stand da erstmalig Alexander Kluge auf dem Umschlag.
Was hat es mit Maze aufsich? Ihrem Skype-Kennwort?
In der Schule hiess ich Maze, wegen Alexander von Mazedonien. Man hängt ja an diesen Namen.
Denken Sie, Sie wären ein anderer geworden, wenn Sie Ernst gerufen worden wären?
Ich wäre mindestens in Konflikte geraten mir den Charakteren meines Vaters und meines Onkels, die ganz anders sind als ich. Und ich hätte nicht verstanden, warum ich so gerufen werde wie die.
Wären Sie ein ernsthafterer Mensch heute? Sie scheinen als Alexander viel Humor zu haben.
Ich schätze dieses Wort «Ernst» sehr hoch. Es gibt den Mythos des Herzog Ernst von Schwaben, und von dem heisst es: Ernst heiss ich, Ernst bin ich, Ernst will ich bleiben ein Leben lang. Das habe ich mir gut gemerkt. Und das finde ich, isr die andere Seite, dass man Lust hat, das zu versprechen. Sie nannten vorhin den Michel de Momaigne, ja? Das ist für mich sozusagen die Essenz von allem, was ich liebe, von der Antike bis Enzensberger. DieForm des Kommentierens in seinen Essays schwankt zwischen hohem Ernst und dessen Brechung. Montaigne ist wie ein Seelenführer. Dieses Einverständnis lösen nicht viele aus. Ich empfinde ihn wie einen Freund.
Montaigne gilt heute als eine Art erster BIogger, weil er seine Selbstbefragung öffentlich machte. Auch Sie könnte man gewissermassen als Blogger bezeichnen. Sie kommentieren das Zeitgeschehen unermüdlich und nutzen dafür Medien wie Internet oder Fernsehen.
Es wäre hochstaplerisch, das Wort Blogger auf mich anzuwenden. Aber Kommunikation, die sich in einem Netz, im Internet verbreitet, liebe ich sehr. Für mich ist das Netz so gebaut, wie Ovid schon seine Metamorphosen geschrieben hat. Das heisst, vernetzen, Verbindungen stiften und Zusammenhänge pflegen, das ist mir geläufig. Meine Leitfigur aus der Mythologie ist die Weberin Arachne, die auf die Gewänder die Schicksale der Menschen malte und in den Wettbewerb mit Athene gerät, welche Arachne in eine Spinne verwandelt. Der Zugang zu den modernen sozialen Netzwerken fehlt mir allerdings. Ich bewundere die leichtfüssige Kommunikation meiner Kinder. Es ist, als ob ich dieses Klavier nie zu spielen gelernt hätte.
Sie sagten mal: Irgendetwas meint es gut mit mir. Woher haben Sie diese Gewissheit?
Freud behauptet, dass ein Kind das lebensnotwendige Vertrauen kraft seiner Illusionen produziert. Wer zu Illusionen fähig ist, überlebt. Und insofern steckt im grössten Zweifler und Pessimisten Urvertrauen, selbst Schopenhauer hatte es, bei aller Miesepetrigkeit, sonst hätte er gar nicht schreiben können. Das Urvertrauen ist eine Mitgift des Menschen. Es ist ein produktiver Irrtum, denn die Welt meint es ja nicht gut mit dem Menschen. Aber der Säugling nimmt es an. Wenn die Eltern einen darin nicht stören durch Unzuverlässigkeit oder Verrat, und ich habe sehr gute Eltern gehabt, dann hat man eine relativ grosse Flasche Urvertrauen bei sich.
Bei allen Auseinandersetzungen mit Ihrem Vater.
Ich hatte keinen Grund, an seiner Zuverlässigkeit zu zweifeln. Wenn er gegen mich war, war er zuverlässig gegen mich. Er war wie eine Uhr, der die Kinderzeit pünktlich schlägt und Gleichmässigkeit ins Geschehen bringt. Er mochte mich für einen Faulpelz halten, der keine Pferdeäpfel sammelt, um den Garten zu düngen. Mir machte es keinen Spass, und es gab Streit. Diese Auseinandersetzungen kann man nicht vermeiden.
Es war also wichtig, dass der Vater für das Kind erwartbar reagierte, mit Verärgerung.
Ja. Und ich bin ja auch ein ganz fleissiger Mensch geworden. Nur Pferdeäpfel sammeln mochte ich nie. Sind Sie jetzt zu Hause oder in Ihrem Büro?
Ich bin in meinem Büro zu Hause. Ein Stockwerk höher wohnt die Familie, und ich wohne hier mit meinen Büchern. Es wäre der Familie aus Putz-und Ordnungsgründen etwas unbehaglich, wenn ich mein Büro oben hätte. Im Moment sitzt mir Frau Mucka gegenüber, die Buchhaltung macht. Gerade scannt sie Bilder aus Büchern für neue Geschichten ein, die ich schreibe. Da Sie gerne hierher gekommen wären, kann ich Ihnen ja die Räume beschreiben.
Gerne.
Ein langer Flur, mit Büchern vollgestellt. Dann ein Raum, in dem ich Bluescreen mache, eine Filmtechnik, mit der man Figuren nachträglich vor einen Hintergrund setzen kann. Wieder Räume mit Büchern, ein Zimmer mit den eigenen Büchern und eines mit Büchern und einem grossen runden Tisch, an dem ich schreibe.
Von wie vielen Büchern sind Sie umgeben?
Schätzungsweise?

So 7000 mögen das sein.
Ordnen Sie die Bücher nach einem System?
Leider nicht. Wenn ich alle ordnen würde, würde ich nichts mehr finden. Aber es gibt schon so Korallenriffe, wo sich die Bücher einer Sortierung häufen. Gerade mache ich eine Antigone-Darstellung, und dafür habe ich ei nige gute Texte herausgeholt, ich musste lange suchen, deshalb steht jetzt alles gut zusammen. Ich brauche für meine Geschichten viel Fundament. Sie haben heute den Einfluss ausgeübt, dass ich jetzt gleich den Montaigne daneben stelle.
Ihre Familie, Ihre Frau befinden sieh jetzt also im oberen Stock?
Meine Frau und zwei Kinder, aber die sind schon erwachsen. Und die wohnen nicht bei uns im Moment, aber wenn sie nach Hause kommen, dann haben sie noch ihre Zimmer.
Sie reden oft in der Gegenwart, wenn etwas vergangen ist, auch jetzt klingt es so, als ob Ihre Kinder gar nie ausgezogen wären. Wirkt die Vergangenheit so stark in die Gegenwart hinein?
Ja, und es ist viel Verwechslung. Wenn meine Frau zum Beispiel die Kinder am Flughafen abholt, dann findet sie sie nicht. Die kommen auf sie zu, und meine Frau sieht sie nicht gleich, weil sie ihre Kinder in der Gestalt erwartet, wie sie früher waren. Und auch mir geht es so, wenn die Kinder nicht da sind. Ich denke an sie als Kinder, und dann sehe ich diese Riesen, 25 und 27 Jahre alt, vor mir stehen. Das ändert sich nie. Dem Menschen ist diese Art von Blindheit eigen. Die Evolution bastelt und verfolgt keine Pläne, dadurch ist in uns vieles eingebaut, was in der Gegenwart unpraktisch ist und doch einen guten Anker bildet. Wir können mehr als nur den Verstandeskräften und der Gegenwart vertrauen.
Sie wurden spät Vater.
Wir glaubten schon nicht mehr daran. Und dann haben wir unsere Sophie gekriegt. Das war sehr eigenartig. Dafür musste ich mir in den Schweizer Bergen das Rauchen abgewöhnen.
Im Waldhaus in Sils Maria, wo Sie die Winter verbringen?
Ja, ich bin oben auf den Bergen langgerannt, weil man da keinen Zigarettenautomaten findet, und habe diesen Beweis meines Charakters für meine Frau noch hinzugefügt. Und da plötzlich gings. Als dann die Schwangerschaft länger anhielt, wurde nur noch Mozart gespielt, und meine Frau ist auch schon zwölf Wochen vor der Geburt in der Klinik proben gegangen. Wir waren ganz vorsichtig. Und das ist jetzt ein ganz robustes und auch schönes Kind. Ein Mädchen, und dann kam noch ein Junge nach. Das ging schon wie Brötchen backen, der sprang richtig raus.
Denken Sie oft an die Zukunft Ihrer Kinder?
Ich frage mich, wie sie leben werden in diesem 21. Jahrhundert. Warum sind wir so sicher, dass das Jahr2014 völlig ungefährdet vorübergeht? 1914 brach ein Weltkrieg aus. Oder es kann genauso gut 2050 etwas passieren, dann werden meine Kinder noch da sein. Und deswegen haben wir die Verantwortung, unser Jahrhundert zu studieren und zu beschreiben. Wir betreiben einen Illusionismus, sehen immer nur gerade das, was in dieser Woche die Katastrophe ist.
Vor kurzem füllten die Ereignisse in Japan die Seiten - bereits wieder verdrängt von Strauss-Kahn und anderem.
Um dem entgegenzugehen, müssen Sie erzählen, erzählen, erzählen. Und unser Bewusstsein wächst nicht mit der Komplexität unserer Welt. Deshalb muss man das poetisch ausdrücken.
Sie tun das mit Ihren «Lebensläufen». Sie rekonstruieren auf literarische Weise die Biografien historischer Figuren, die längst tot sind.
Es ist mein tiefer Glaube, dass die Toten nicht tot sind, solange wir leben.
Wen rufen Sie uns ins Gedächtnis int konkreten Fall der Katastrophe in Japan?
Letzte Woche schrieb ich die Geschichte eines Ursachenforschers auf, der von seinen Kollegen verlacht wird, weil er untersucht hat, dass ein Erdbeben in der nordanatolischen Hochebene auf Konstantinopel, das heutige Istanbul, zielt. In der Fachliteratur können Sie nachlesen, dass die 14-Millionen-Stadt Istanbul in den nächsten zehn Jahren mit 60 Prozent Wahrscheinlichkeit von einem Erdbeben getroffen und von einem Tsunami überspült wird. Als Antwort darauf werden mit EU-Mitteln gerade mal ein bisschen die Schulen und Krankenhäuser verstärkt. Und 150 Kilometer nördlich von Istanbul befindet sich auf bulgarischem Boden eine Schrottmühle von Kernkraftwerk.
Die Parallele zu Japan?
Im Jahr 869 n. ehr. gab es auf den Nordinseln in Japan bereits einen grossen Tsunami- und Erdbebenschock. Archäologen aus Sendai haben vorausgesagt, dass sich diese Stauwirkung in der Tiefsee alle tausend Jahre wiederholt. Das wurde veröffentlicht, es wurde nur nicht gelesen von den AKW-Werken oder den Politikern. Aber es steht drin: Dieser erneute Gongschlag der Erde ist schon hundert Jahre überfallig. Statt noch einmal mehr über Fukushima zu berichten, kann ich nun diese Parallele vors Auge rücken: Wie die japanischen Wissenschaftler wird auch mein Ursachenforscher nicht ernst genommen.
Man hatte die Seher halt noch nie wirklich gern.
Das ist wahr. Doch deswegen geben die Seher nicht auf. Etwas muss die Literatur liefern können, weil sie ja über Ahnungsvermögen verfügt. Damit arbeitet sie. Sonst können Sie gleich Wissenschaftler in Harvard werden.
Man mag nicht ständig an die Gefahren erinnert werden. Sonst könnte man nicht leben.
Und das kann ich als Dichter nicht ändern, verstehen Sie. Das machen die Menschen so. Sie wollen glücklich sein, sie wollen in Ruhe gelassen werden, und deswegen verdrängen sie. Also müssen Sie Geschichten erzählen, die sie aus der Verdrängung herauslocken, und das geht nur, wenn die Geschichten Lust machen. Wir müssen der Kassandra zur Mehrheit verhelfen.
Und die Warnrufe sollen was genau bewirken?
Voltaire hat auf das Erdbeben von Lissabon 1755 mit den Worten reagiert: «Die Natur hat eine Panke, und die hält sich nicht an die Verfassung. Die kennt die Menschenrechte nicht und zerstört hier eine schöne Stadt und das Leben so vieler Menschen. Wir müssen der Natur den Krieg erklären.») Nach Voltaire sollte Europa nicht mehr Krieg zwischen Nationen führen, sondern den Kampf mit der Natur aufnehmen. Die Holländer haben das gemacht. Das Land liegt tief unter dem Meeresspiegel, und die Nordsee kann grausam sein. Die haben Dämme gebaut. So wie sie sich gegen Spanien und Philipp II. verteidigt haben, so verteidigen sie sich gegen die Natur. Und es ist ihnen weitgehend gelungen. Wenn man tausend Jahre Zeit hat, sich zu schützen gegen ein Erdbeben und aus der Gegend schon das Atomrnonster Gozilla kam, dann könnte man doch längst eine Hilfe ersonnen haben.
Der März 2011 war ein verrückter Monat. Lassen Sie uns diesen Monat genauer betrachten. Wie fühlt er sich an?
Es ist der Monat nach meinem Geburtstag, deshalb empfinde ich ihn in meinem Jahreszyklus als ersten Monat. Nach dem alten römischen Kalender war der März ursprünglich der Anfang des Jahres. In einem Gewaltakt der römischen Konsuln wurde der Jahresbeginn auf den I. Januar vor verlegt. Und so beginnt das Jahr heute mitten im Winter. In der Woche nach Frühlingsanfang am 21. März werden zudem die Uhren umgestellt, was schrecklich für mich ist; ein dummer Verwaltungseingtiff. Ich hoffe immer schon auf den Oktober, dass sie wieder zurückgestellt werden. Es ist eine Störung des Schlaf- und Biorhythmus, nicht nur für Kühe. Ich gewöhn mich den ganzen Sommer nicht daran. Es wäre schön, wenn man von selbst aufstehen würde bei Morgendämmerung.
Der März steht für Aufbruch und Beginn.
Im Osterspaziergang im «Faust», heisst es: «Vom Eise befreit sind Strom und Bäche durch des Frühlings holden, belebenden Blick. Im Tale grünet Hoffnungsglück.» Im März und April werden die meisten Kinder gezeugt. Das ist nicht etwa im Mai, dem Liebesmonat.
Der arabische Frühling hat sich vom eigentlichen Wortsinn zur Metapher entwickelt. Damit wird man in Zukunft immer die Demokratiebewegungen im Nahen Osten verbinden. In Libyen begann sich das Volk im März zu erheben. Eignet sich der Monat zu Aufständen?
Der März ist ein Monat der Erwartung, der Vorbereitung, ein Zwischenmonat. Im März ist es nicht mehr Wmter, aber es ist auch noch nicht richtig Frühling, obwohl oft die erste grosse Sonne scheint. Sie kann täuschen. Eine Blume, ein Gewächs kann im März noch sterben, wenn es zu früh aus der Erde kommt. Von April bis November entsteht mehr oder weniger ein Fluss, genauso wie es von Dezember bis Ende Februar eine Kontinuität gibt, diesmal eher Erstarrung, ein Nicht-Fluss. So ähnlich wie das Schaltjahr, das alle vier Jahre einen zusätzlichen Tag im Februar hat, so ähnlich ist der März ein Monat zwischen den Zeiten. Die Tage können zum Glücklichen und Unglücklichen ausschlagen.
Die Märztage schlugen ja tatsächlich stark aus.
Die Katastrophe in Japan, die arabische Revolution.
Hüte dich vor den Iden des März, besagt ein Spruch aus römischer Zeit.

Hätte Caesar auf die Warnungen der Wahrsager gehört, wäre er am 15. des Monats Matrius nicht ermordet worden. Wenn ich an Unheil im März denke, denke ich vor allem an Hitlers Amtsantritt. Dafür kann man nicht nur den 30. Januar datieren, sondern seine Macht wurde eigentlich bei den Wahlen im März 1933 besiegelt. Da gehen die ganzen Leute zu ihm über.
Ich habe mal nachgeforscht, was Schlimmes allein am 11. des Monats passiert ist. Neben Hitlers Einmarsch in Österreich am 11. März 1938 gab es am H. März 2004 die Bomben an schläge in Madrid - am selben Datum wie das Erdbeben in Japan. Ist es esoterisch, dem eine Bedeutung zuzuschreiben?
Es gibt Tage im Jahr, die eine starke Bedeutung haben, zum Beispiel der 9. November, wenigstens für mein Land. Am 9. November 1918 bricht die Novemberrevolution aus, in deren Folge sich das Deutsche Reich in eine Republik wandelte. Am 9. November 1938 fand der Judenpogrom statt. Der 9. November 1989 ist das Datum der Wende. Wenn Sie einen Nebelmonat haben wie der November, dann können Sie vermuten, dass sehr viel passiert. Eine Revolution bricht eher vor und nach und nicht während der Ernte aus. Das ist den Menschen gemäss. Im Dezember werden Revolutionen wieder beigelegt. Das Ende des Jahres taugt nicht für Aufstände von unten nach oben, weil jetzt alle Menschen Bilanz ziehen und in einen Ruhezustand kommen. März und November sind eher Monate der Unruhe.
Man kann auch Daten querverbinden. Dieser 11. März lag exakt sechs Monate vor dem 11. September. Die Anschläge auf das World Trade Center jähren sich dieses Jahr zum zehnten Mal. Darf man so assoziieren?
Aber sicher. Man soll einen Monat pflastern mit solchen Ereignissen, die man sich in seinem Leben aneignet, gute wie böse. Der Tod von Kennedy hat mich geschmerzt. Dass man so einen Präsidenten einfach wegschiesst! Ich werde diesen Tag nie vergessen. Wie das Wetter war, was die Freunde taten, wem ich es erzählt habe, wer mir was erzählt hat. Ich werde diesem Tag immer wieder begegnen. In Zukunft zählt auch der 11. März dazu. Aber auch der 17. März, der Geburtstag meiner Tochter, wird dadurch nicht gelöscht.
Vielleicht können die freudigen Ereignisse die schlimmen aufwiegen?
Die hängen an einer Kette. Wie Wäschestücke oder Perlen.
Ein hoffnungsvolles politisches Ereignis wie jetzt die arabische Revolution war die Märzrevohition 1848/ 1849, als sich viele Länder in Mitteleuropa gegen die Restaurationbestrebungen der Herrscherhäuser erhoben.
Sehen Sie. Während man darüber spricht, fallen einem Daten und Zusammenhänge ein. Ich spinne das gleich persönlich weiter: Mein Urgrossvater war, von mir aus gesehen, in der Märzrevolution als Rekrut auf der falschen, nämlich der reaktionären Seite tätig, unfreiwillig, und erhielt als Belohnung eine Eckkneipe in Köpenick, um die Untertanen zu bewachen. An jeder bedeutenden Ecke eines Arbeiterviertels, wo man sich versammelte, gab es eine solche Kneipe. Das war üblich, so ist Berlin gebaut. Man brauchte keine Geheimpolizei, sondern hatte die Eckkneipenbesitzer, die ihr Ohr ans Volk hielten.
Entschuldigen Sie mein Katastrophenbewusstsein: Ein anderes Ereignis, das sich am 11. Tag des Monats März ereignete, war der Amoklauf in Winnenden im Jahr 2009.
Das war furchtbar. Und sehen Sie, das hätte ich nicht miteinander in Zusammenhang gebracht. Es ist anders erschütternd. Und löst selbst wieder ein ganzes Netz von Assoziationen aus. Man kann sich Winnenden gar nicht vorstellen, ohne an andere Amokläufe zu denken.
Man hat das Gefühl, dass man in einer Zeit lebt, in der besonders viel passiert. Oder denkt man das immer?
Das 21. Jahrhundert ist verdichtete Zeit. Voller Gefahren, immer wieder auch voller Auswege.
Und früher gab es solch turbulenten Phasen nicht?
Sie waren ja einer der Regisseure für den Film «Deutschland im Herbst» über den RAF-Terrorismus.

Es wäre tatsächlich wichtig, das zu vergleichen. Die Zeit ist heute anders verdichtet, allein deshalb, weil die Gesellschaften enorm gewachsen und vernetzt sind. Es leben viel mehr Menschen auf der Erde, es sind mehr Konfliktpotenziale. Die Zahl der Zufälligkeiten hat sich vermehrt. Ich empfinde die Ereignisse um Fukushima und den Aufruhr im arabischen Land anders als den Herbst 1977.
Inwiefern?
Der Herbst 1977 war deutlich unheimlicher. Man erhielt den Eindruck, dass etwas die Gesellschaft zerreissen könnte. Und gleichzeitig war unverständlich, was vor sich ging. Fukushima ist nicht geheim. Die Ereignisse kommen aus früheren Ereignissen, die sich abgezeichnet haben. Dass die Kernindustrie zum Beispiel mit Restrisiko wirtSchaftet. Im Übrigen kommen sie aus einer Natur, die von der RAF völlig verschieden ist. Die bleierne Zeit, wie sie damals hiess, weil ja Blei flog, geschossen wurde - jene Zeit unterscheidet sich stark von der Verdichtung heute, welche viel äusserlicher und verteilter auf dem Globus ist.
Auch Verteidigungs minister Karl-Theodor zu Guttenberg gehört zum März 2011.
Sein Rücktritt fiel auf den ersten Tag des Monats.

Ich wäre sein Verteidiger. Ein Mensch muss Fehler machen dürfen. Es muss irgendwo einen Ort geben, wo er bereuen darf.
Sie, der studierte Jurist, verteidigen zu Guttenberg?
Dazu nehme ich nicht als Amtsrichter Stellung. Ich sage aber, es muss in der Welt Generosität geben. Und wenn eine solche Meute von Internetpraktikern über jemanden systematisch herfällt und scheinheilige Institutionen wie die deutschen Universitäten einen Ehrenkodex aufmachen über ihre Dissertationen, die sie höchst freihändig vergeben, dann ist mir das verdächtig. Mir ist auch in Erinnerung, wie schändlich die Bonner Universität Thomas Mann den Doktortitel entzog, nachdem er in die Schweiz ausgewandert ist. Es ist mir zu viel Lärm. Da gehe ich wie bei einer Volksmenge, die Rabatz macht, auf die andere Strassenseite. Und zwar egal, ob der Beschuldigte recht oder unrecht hat. Wir haben übrigens 1945/ 1946 alle geklaut auf dem Schwarzmarkt.
Was haben Sie gestohlen?
Im Keller unseres niedergebrannten Hauses habe ich vierzig «Mensch ärgere dich nicht»-Spiele und zwanzig Satz Weihnachtsschmuck zusammengeholt. Das habe ich alles nicht gebrauchen können. Aber nachdem man durch die Bombenangriffe alles verloren hatte, war bei mir und meinen Kameraden der Drang stark, jetzt erst Mal Beute zu machen. Der 11. April 1945 ist für mich auch so ein Tag, den ich nicht vergessen werde: Drei Tage nach dem Bombenangriff haben wir das Proviantamt in Halberstadt gestürmt, und da war rechts von mir der Staatsanwalt mit einem Handwagen und einem Rucksack. Links von mir unser Lateinlehrer, und dann noch meine Schulkameraden. Und wir haben alle Vorräte der Wehrmacht ausgeräubert. Wenn das nicht Klauen ist, weiss ich nicht, wie man es nennt. Wir hatten jedenfalls keine Empfangsbescheinigung.
Autoritätspersonen wie Zöglinge handelten nur menschlich, wollen Sie das sagen damit?
Wenn jemand zu vornehm und unbestechlich auftritt, dann würde ich an diese Szene denken. Und das ist bei der Universität Bayreuth der Fall, die sich zuerst bemüht hat, den Ritter aus Franken mit einem Doktortitel zu versehen und dann noch ein summa cum laude gibt. Sie hätten die Arbeit ja vorher lesen dürfen. Erst dann können sie vom hohen Podest aus, statt von Fehler und Betrug, von Vorsatz sprechen. Als Richrerwürde ich sagen, dass ich nicht nur Herrn zu Guttenberg hören, sondern erst die Verhältnismässigkeit prüfen möchte. Mit Goethe, dem Geigenzähler des Geistes, würde ich fragen: Wo ist das Mass? Die Fussnoten sind eher eine kleine Sünde. Einen Krieg zu erklären, was der deutsche Generalstab und die VerteidigungsIninister von 1914 gemacht haben, finde ich schlimmer.
Ist dieser Vergleich nicht etwas absurd?
Ich will zu Guttenberg wirklich nicht entschuldigen. Ich sage nur, da ist etwas ausserhalb des Ruders. Die Verfolger stellten sich als Meute heraus, die sofort in die Waden beisst, nachzieht und gelegentlich auch übertreibt. Harald Schmidt hat das sehr gut bezeichnet. Zu Guttenberg habe, sagte er, einen Fehler gemacht: Er hätte eine Woche warten müssen, denn dann wären Libyen und Fukushima dazwischengekommen. Und sehen Sie, wenn man so etwas sagen kann, dann ist an einer öffentlichen Erregung auch etwas Falsches.
Zurück zu den Monaten. Leben Sie persönlich auf, sobald es warm und hell wird?
Ich bin nicht so mit dem Wetter verbunden. Wenn ich im Filmstudio sitze, gibt es kein Wetter. Wichtiger ist: Jeder Monat ist ein Vorrat an Tagen. Manche sind durchsetzt mit Feiertagen. Pfingsten, dieses Jahr im Juni gelegen, besteht aus zwei Feiertagen, wo ich nicht genau sagen kann, was der zweite bedeutet. Es ist eine innerkirchliche Veranlassung und kein Fest, das ich von innen her feiere. Es gibt Monate mit vielen Unterbrechungen wie in der Regel der Mai, der kein ruhiger, fliessender Monat ist, bei dem man täglich in Gesellschaft ist, was ich sehr liebe. Und das ist beim März umgekehrt. Er kennt keine Feiertage. Das sind 31 volle, wirkliche Tage, an denen man andere Menschen trifft, mit ihnen zu tun haben kann.
Also arbeitet?
Arbeit führt Menschen zusammen. Feiertage trennen sie.
Gut, man nennt das ja Familientage.
Ich bin auch gern mit der Familie zusammen. Aber wir sind es ja nicht von morgens bis abends. Die Kinder gehen ihren Weg. Sie könnten auch sagen, das sind leere Tage. Es ist sogar erwiesen: Wenn die Produktion aussetzt, nehmen die Unglücke zu. Doppelfeiertage wie Pfingsten sind zu kurz, um ein neues Leben anzufangen und zu lang, um es im alten auszuhalten.
Dann mögen Sie Sonntage ebenfalls nicht?
Aber ich glaube nicht, dass man Sonntage abschaffen kann, wie es die Französische Revolution getan hat. Der Mensch hat sich an einen 7-Tage-Rhythmus gewöhnt, den können Sie nicht willkürlich ändern. Aber dass Sonntage so verbracht werden müssen, wie wir es tun, dass man mit den andern nicht auf die gleiche Weise zusammenkommen kann wie unter der Woche, das ist eine Last.
Was bedeutet Ihnen Ihr Geburtstag am 14. Februar?
Ich feiere den Tag nicht mehr. Man kann nur enttäuscht werden im Vergleich zum Gefühl als Kind, als man sich das ganze Jahr auf diesen Tag gefreut hat. Also fangt man gar nicht erst an.
Wenn Sie nächstes Jahr 80 werden, werden die Menschen Schlange stehen, die Ihnen gratulieren wollen.
Schauen Sie, man besteht, wenn man als Februar- oder Junimensch in der Welt ist, ja nicht aus dem Alter des laufenden Jahres. Sondern man trägt einen 14-Jährigen, 6-Jährigen und 25-Jährigen in sich, und die reden im Chor. Insofern hat man kein bestimmtes Alter, ist die Aufeinanderfolge nicht wichtig. Man kann gern an einem Tag im Jahr sagen: Das ist meiner. Dieses Gefühl habe ich aber vielmehr jedes Mal, wenn ich mich meiner Heimatstadt nähere und die Schilder kommen: noch 16 Kilometer bis Halberstadt. Dass mich das anrührt, ist der natürliche Narzissmus, den wir mit uns tragen wie einen Rucksack.
Gibt es irgendein Alter, oder einen Alexander Kluge eines Alters, der besonders hervortritt und sich zu erscheinen gibt am Geburtstag? Der 18-Jährige? Der 50-Jährige?
Das könnte wahrscheinlich jeder andere besser sagen als ich. Ich war mir 32 Jahren ziemlich glücklich. Ich war 1983 recht glücklich, und ich war 1981 unglücklich. Die Jahre sind äusserst unterschiedlich. Da meine Eltern beide im Mai gestorben sind, kann ich diesen Monat nicht mehr wirklich leiden. Dieser Monat hat sich mir auch 1986 eingeprägt, als wir mit den Kindern nach Portugal geflüchtet sind wegen Tschernobyl. «Maienregen bringt Segen» ist als Lied für mich widerlegt. Das ist meine willkürliche Einschätzung der Monate. Aber diese gewisse Bangigkeit oder Vorfreude oder ein altmodisches Wort: stimmung wie der Dezember hat der März nicht, dafür ist er zu hell.
Sie gelten als Deutschlands «Chronist». Walter Benjamin sagte, ein Chronist sei einer, der Ereignisse hererzählt, ohne grosse und kleine zu unterscheiden. Er trage damit der Wahrheit Rechnung, dass nichts, was sich jemals ereignet, für die Geschichte verloren zu geben ist.
Wenn Sie nun zurückblicken auf den März 2011 : Was war ein kleines Ereignis in Ihrem Leben?

Eine Fliege gerät in ein Pernodglas, das vor mir steht. Und ich denke schon, die ist tot. Sie ruht auch. Und dann erweist sich plötzlich, dass sie wieder rauskommt. Und sie fliegt davon. Das ist mir passiert. Das habe ich gesehen. Das ist kein Welt ereignis, aber darüber habe ich geschrieben. So fängt mein neues Buch an.
BIRGIT SCHMID ist «Magazin»-Redaktorin .
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