2012

Menschen in der Zeit: Alexander Kluge – Seismograph der Gegenwart

Alexander Kluge ist der Chronist und Seismograph unserer Zeit. Er hat abendfüllende Spielfilme gedreht, Kulturprogramme geprägt und neue Fernsehformate kreiert. Wie kaum ein zweiter Künstler oder Intellektueller in Deutschland setzt Alexander Kluge – einst Assistent bei Fritz Lang - in Film, Fernsehen und Literatur seit vielen Jahren entscheidende Impulse im deutschen Kulturraum. Bekannt ist der promovierte Jurist, Historiker und Kirchenmusiker als Regisseur – er hat den Neuen Deutschen Film aus der Taufe gehoben – als Filmproduzent, Hochschulprofessor, Kunsttheoretiker, Medienmanager und Philosoph, doch sein Hauptwerk – so sagt er selbst – sind seine Bücher. Darin zeigt er sich als Sammler und Denker über Daseinsspuren, der die Signatur der Zeit zu interpretieren versteht. Erfahrungen sammeln und weitergeben, ein Lebensmotiv von Alexander Kluge. Er feierte vor kurzem seinen 80. Geburtstag.


Herr Dr. Kluge, Sie sammeln Erfahrungen und geben sie weiter. Seit vielen Jahren. Wie kaum ein zweiter Künstler und Intellektueller in Deutschland setzen Sie gleichermaßen in Film, Fernsehen und Literatur entscheidende Impulse. Sie sind in erster Linie ein Erzähler und nennen sich selbst einen Chronisten. Gibt es dazu ein literarisches Vorbild?

 

‚Zum Beispiel Tacitus, Robert Musil, Heinrich von Kleist, aber auch Ovid’.

 

Wir leben nicht in der Gegenwart, sondern wir leben gleichzeitig in der Vergangenheit, in der Zukunft und in der Möglichkeitsform, im Konjunktiv. Eine Aussage von Ihnen. Ist das einer der Schlüssel zu Ihrer literarischen Partitur ?

 

‚Das ist die Grammatik der Erfahrung. Und Sie können zum Konjunktiv noch den Optativ zählen, den es in der griechischen Grammatik gibt. Das ist die Form der Hoffnung und des Wünschens. Menschen werden sich die Hoffnung und die Wünsche nicht verwehren lassen. Alles das gehört zur Realität. Wenn Sie fragen: was ist wirklich? Dann brauchen Sie alle Zeiten, Sie brauchen den Erzählraum.’

 

Sie sind sozusagen -wenn ich das richtig sehe -  ein Veredler der nüchternen Chronik. Sie wandeln das Märchen von einst in moderne Balladen, Moritaten, Legenden um. Gibt es ein Märchen, das Ihnen besonders gefällt ?

 

‚Es gibt viele Märchen, die mir besonders gefallen, in den Grimm-Märchen zum Beispiel die ‚Glückshaut’, ein sehr schönes Märchen. Das war ein Kind, das geboren wurde mit einer Glückshaut. Ein ganz einfaches Märchen, es handelt davon, dass wir Glücksucher sind, und zwar nicht im Sinne von Glückspieler, sondern, dass wir vorbereitet sein können; dass wir auf der Oberfläche, auf der Haut mehr Glück haben, als Verstand. Wir sollen nicht dem Verstand folgen, wir sollen das Glück in uns suchen’.

 

Jeder Mensch ist auf der Suche nach dem Glück, der Zufriedenheit, der Sicherheit. Dazu ist er bereit alles zu opfern. Kann ein Weg zum Glück auch die Religion sein?

 

‚Mit Sicherheit. Und ich glaube nicht, dass einer für die Glücksuche alles opfern muss. Sondern das Glück liegt im Gleichgewicht. In der unerschütterlichen Ruhe. Und die Religion ist eine Form davon, diese unerschütterliche Ruhe zu gewinnen. Ich glaube, die Religion ist eine andere Bezeichnung für das, was im Menschen unverkäuflich ist. Religion ist etwas, was eine ganz breite Aura hat.’

 

Sie produzieren für das deutsche Privatfernsehen unabhängige Kulturmagazine. Gibt es darin auch religiöse, kirchliche Themen?

 

‚Zum Beispiel mit dem Abtprimas der Benediktiner, Notker Wolf haben wir eine sehr intensive Sendung gehabt: ‘Das unruhige Herz’ und ‘Stationen der Ruhe’. Wir haben Märchen gesendet, die von Mönchen im Mittelalter geschrieben wurden. Wir haben über die Anfänge des Christentums und die frühen Jesus-Romane, könnte man sagen, Filme gemacht. Nicht die vier ‘kanonischen’ Erzählungen über das Leben Jesu, sondern über die vier anderen, weil auch dort viele spirituelle Themen ausgebreitet sind. Und dann haben wir einen 90 Minuten Film im privaten Fernsehen gemacht, über die Engel. Engel sind Boten Gottes.’

 

Von vielen Millionen Menschen auf der Welt wird Papst Benedikt hoch verehrt, andere bewerten das katholische Kirchenoberhaupt eher kritisch. Wie lautet Ihre Einschätzung über den derzeitigen Pontifex – der im April 85 Jahre alt geworden ist?

 

‚Ich habe sehr gestaunt, wie ein 85Jahre alter Mann, in Mexiko zum Beispiel, die Kirche sehr würdig und auch körperlich sehr vital vertritt. Er ist eine starke spirituelle Erscheinung. Ich finde, der Vorwurf, der oft erhoben wird, er sei zu konservativ, ist kein Vorwurf. Man soll bewahrend sein. Man soll nicht Dompteur sein, aber man soll Gärtner sein. Er ist in diesem Sinne ein guter Gärtner des Glaubens’.

 

Ein guter Vergleich, wenn man bedenkt, dass Benedikt XVI. sich selbst seit Anfang des Pontifikates und immer wieder als einfacher Arbeiter im Weinberg des Herrn bezeichnet.

Sie selbst sind ein großer Fragensteller: welche Frage würden Sie an Papst Benedikt XVI an die erste Stelle stellen, wenn Sie dazu die Möglichkeit hätten?

 

‚Also, wenn ich ihm begegnen dürfte, würde ich ihn zunächst fragen, welcher der vielen Benedikte eigentlich der Grund war, für seine Namenswahl. Es gibt einen Benedikt im Mittelalter, das war ein sehr frommer, gelehrter Mann. Ein Dialektiker, ein Philologe. Und ich würde ihn befragen, wie ernst er mit dem Wort umgeht. Das tut dieser Papst!’.

 

Es wäre an dieser Stelle schön, wenn Sie noch etwas über den Papst als Person sagen würden….

 

‚Ich würde mich für seine Lebenserfahrung interessieren. Vieles verbindet mich mit seinem Lebenslauf. Ich bin zwar fünf Jahre jünger als er, aber wir haben sehr viel gesehen, in diesem 20. Und beginnenden 21. Jahrhundert. Und ich würde ihn schon nach seinen Einschätzungen über das 21. Jahrhundert auch befragen wollen.

Ich könnte mit ihm zum Beispiel sprechen über seine Sicht auf die Gegenwart und das würde unwillkürlich bei mir auslösen die Frage, dass er sich mit mir über die Antike unterhält. Über die Geschehnisse aus der Zeit Jesu. Ich würde ihn zum Beispiel befragen, nach dem Pilatus-Evangelium. Das ist ein sehr eigenartiges Buch, nachdem Pilatus – nach dem Tode Jesu – zu Kaiser Tiberius berufen wird. Kaiser Tiberius will ihn strafen. Und er verurteilt ihn zum Tode. Und da bekehrt sich Pilatus in der Nacht vor seinem Tod. Und sein Haupt wird von einem Engel empor getragen. Eine solche Fantasie. Keine ketzerische, sondern eine gläubige Phantasie. Ich würde versuchen, über so einen antiken Text, mich mit ihm zu unterhalten’.

 

Da stoßen Sie auf ein Lieblingsthema des Papstes: Sie wissen ja, er hat bereits zwei ‚Jesus von Nazareth’ - Bücher geschrieben, beide wurden ein Welterfolg, und er ist dabei den dritten Band dieser Trilogie zu beenden.

Wie überzeugend wirkt die Kirche von Rom auf Sie persönlich?

 

‚Ich wünschte mir von Herzen, dass das Augsburger Konkordat – also bevor die Reformation kam – zu einem Religionsfrieden geführt hätte. Das ist hinterher jetzt nicht mehr künstlich herzustellen. Aber dass es keine Spaltung gegeben hätte, wenn die Kräfte der Reformation und Gegenreformation sich vereinigt hätten, so wie in der Oper von Palestrina, dass also die Kirchenreform allseitig gelungen wäre, ist etwas was ich sehr schön fände. Ich glaube an die Universalität der Kirche’.

 

Sie haben unter anderem auch Kirchenmusik studiert: Das ist eine interessante Konstellation: Juristerei und Musik. Davon gibt es herausragende Beispiele. Albert Einstein, Dr. Schweitzer, Bundestagspräsident Lammert usw. Warum haben Sie gerade dieses Musikgenre ausgewählt ?

 

‚Mein Vater hat mich an die Musik herangeführt: die Kirchenmusik gehört zu den ernstesten Formen der Musik und auch zu den schönsten, zu den ornamentreichsten, zu den entfaltetsten. Ich muss dazu sagen, dass Kirchen für Musik sehr geeignet sind. Kirchen sind ganz große Musikhäuser. Eine ihrer Funktion ist, dass Töne in ihnen groß klingen. Kirchenmusik ist im Allgemeinen polyphon. Das ist etwas, was ich sehr liebe und schätze’.

 

Der Mensch hat gleichzeitig zwei entgegen gesetzte Eigenschaften: Einfühlung und Sachlichkeit. Empathie und Nüchternheit. Wie könnte das religiöse Pendant dazu lauten? Fides et Ratio? Eine Enzyklika Papst Benedikt XVI.?

 

‚Dies wäre korrekt wiedergegeben, Einfühlung ist natürlich Empathie, würde mit Glauben übersetzbar sein, aber es ist weiter als das…Es ist eigentlich eine Hingabefähigkeit. Für den Glauben brauchen sie sie, sie brauchen sie aber auch zum Verstehen. Zur Poesie, wenn Sie so wollen. Und die Sachlichkeit, das ist auch vom Gefühl her gesteuert, ist die Fähigkeit, eigentlich die Demut im Geiste. Und beides hat der Mensch in sich. Nämlich Einfühlung und Sachlichkeit. Wir können es nicht wählen, wir haben immer beides’.

  

Welche betrachten Sie als die größte Sünde, die ein Mensch begehen kann?

 

‚Wenn Sie mich als Schriftsteller fragen, würde ich sagen: Die Trägheit des Herzens. Die Gleichgültigkeit. Sie ist die größte Sünde, denn sie ermöglicht Auschwitz.’

 

Wie lauten die Tugenden, die Sie an Menschen besonders schätzen?

 

‚Sie würden bei mir im Kern heißen, die Tugenden des Ohres. Das heißt das Gleichgewicht, das Maß. Das Ohr ist ja nicht nur ein Organ für die Musik, sondern ist ein Gleichgewichtsorgan.

 

Eine letzte Frage: Auf Wunsch dieses Papstes gibt es im Vatikan seit zwei Jahren eine neue Einrichtung: Sie nennt sich ‘Vorhof der Völker’ und ist dazu da, den Dialog mit den Nichtglaubenden, den Agnostikern und Atheisten aufzunehmen und zu intensivieren. Denn die Kirche braucht auch die Stimmen jener, die nicht an sie glauben…..Finden Sie diese einmalige Initiative der katholischen Kirche richtungweisend?

 

‚Ich finde sie sehr weise. Denn ich glaube nicht, dass wir nur mit den wenigen Glücklichen, die die Wahrheit besitzen, in der Welt auskommen, sondern, dass der Irrtum auch etwas ist, aus dem wir dauernd lernen. Insofern glaube ich, dass Dialog, der hier angedeutet ist, überhaupt ein Grundprinzip ist, das seit der Antike heilsam war. Der Dialog und nicht das Geschlossene ist etwas Positives.’

 

(rv 06.05.2012 ap)