Jetzt noch einmal anders auf Französisch

Freude am Literaturexport: Alexander Kluge macht aus der Übersetzung seiner „Chronik der Gefühle“ eine Ausgabe letzter Hand

Von Alfred Prédhumeau

Beim Pariser Verlag P.O.L. ist vor wenigen Tagen die „Chronique des sentiments“ von Alexander Kluge erschienen, die als „Chronik der Gefühle“ auf Deutsch 2000 bei Suhrkamp veröffentlicht wurde und damals breite Resonanz fand, hatte sich doch mit diesem Werk, nach langer Abstinenz, der Filmemacher und Medientheoretiker Kluge als Schriftsteller zurückgemeldet. Die französische Ausgabe ist genauso voluminös wie die deutsche, 1136 Seiten für den nun publizierten ersten Band; der zweite ist für Ende 2017 vorgesehen. P.O.L. wagt sich damit an ein noch weitaus ambitionierteres Projekt heran: Der Verlag macht damit den Auftakt zu einer insgesamt fünfbändigen französischen Ausgabe, die unter dem Obertitel „Chronique des sentiments“ das vollständige schriftstellerische Werk des heute vierundachtzigjährigen Kluge versammeln soll. Bei genauerem Hinsehen wird man rasch feststellen, dass dieses Vorhaben einhergeht mit substantiellen Textveränderungen der bisherigen (deutschen) „Chronik“: Die Gesamtstruktur wurde verändert, Inhalte aus anderen Werken, die sich bisher nicht in der „Chronik“ befanden, wurden eingefügt, andere wiederum auf zukünftige Bände vertagt. Die P.O.L.-„Chronique“ beginnt mit dem ersten Kapitel aus Kluges „Fünftem Buch – Neue Lebensläufe“, das auf Deutsch 2012 erschienen ist. Die ursprünglich ersten beiden Kapitel der „Chronik“ wird man auf Französisch erst in einem der weiteren Bände kennenlernen können. Übernommen wurde dafür zusätzlich in die „Chronique“ der Text „Wer ein Wort des Trostes spricht, ist ein Verräter“ über den hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer. Einzelne Kapitel, wie zum Beispiel die „Schlachtbeschreibung“, wurden inhaltlich revidiert: Hier hat man es inzwischen mit der (wahrscheinlich) vierten Version Kluges über die Kesselschlacht von Stalingrad zu tun, und die nun getroffene Entscheidung zur Textgestalt liest sich wie eine späte Reverenz an Marcel Reich-Ranicki, der 1964 als Kritiker der „Zeit“ die dokumentarischen Teile dieses Werks moniert hatte. Drei der dokumentarischen Kapitel im Gesamtumfang von etwa hundert Seiten wurden nun gestrichen – das schuf den Platz für Fritz Bauer. Auch die „Verwilderte Selbstbehauptung“. „Heidegger auf der Krim“ und die „Basisgeschichten“ wurden von Kluge leicht bearbeitet – Letztere liefern den Untertitel des französischen Bandes.

Wie will man diese Veränderungen be­urteilen, eingedenk der Tatsache, dass französische Leser wahrscheinlich nur die neue Fassung zur Kenntnis werden nehmen können? Die Logik einer rück­wärts erzählten Geschichtsbetrachtung aus der sechzehn Jahre alten deutschen Ausgabe wird aufgelöst, und dadurch fin­det das zurückgewandte Eintauchen in Geschichte nicht mehr statt. Ebenso wird die Botschaft des Titels „Chronik der Ge­fühle“ in Frage gestellt. Er signalisiert ja, dass Geschichte als Summe strukturierter Gefühlsatavismen zu betrachten sei. die tief in unseren überlieferten Denk- und Handlungsschemata eingelagert sind.

Die neue Struktur hat den Vorteil, dass sie fern geschichtsphilosophischer Be­trachtungsweise eine Chronologie der An­näherung an den Autor aufbaut, die über die Kenntnisnahme autobiographischer Texte einen besseren Zugang zum Werk dieses deutschen Erzählers erlaubt, der in Frankreich noch immer und fast ausschließlich als Koryphäe des „jeune cinéma allemand“ wahrgenommen wird. Darüber hinaus stellt der französische Band drei Texte in den Mittelpunkt, die als exemplarisch für Kluges Sich-Befassen und Befasstsein mit deutscher Geschichte gelten können: die zu Heidegger, Stalin­grad und Fritz Bauer. Die neuen Einstiegskapitel bieten, weil sie nicht ausschließlich autobiographisch gefärbt sind, sondern auch starken Aktualitätsbezug aufweisen – sie reichen inhaltlich bis 2011 – dem Leser eine starke Motivation, sich mit den aufgeworfenen Fragen zu befassen, mit dem 11. September 2001 zum Beispiel oder mit Fukushima. Tragendes Motiv der Umgestaltung dürfte die resultierende größere Nähe zum französischen Leser und zu dessen aktuellen Fragestellungen gewesen sein. Bleibt zu hoffen, dass er dieses Vorgehen honorieren wird und die geplante Gesamtausgabe nicht ins Stocken gerät.

Stichproben ergeben, dass die eine oder andere Ungereimtheit in Kluges deutschem Text für den französischen ge­tilgt wurde (nicht alle jedoch: Rosa Lu­xemburg wird noch immer als Reichstags­abgeordnete bezeichnet). Der Anhang gibt zumindest ansatzweise Aufschluss über einige textliche Änderungen. Das Vorwort liefert wichtige Hinweise zu Klu­ges Werk und legt Rechenschaft ab über die editorischen Prinzipien, die den Her­ausgeber Vincent Pauval in Zusammen­arbeit mit dem Autor bei der Auswahl der Texte und deren Anordnung geleitet ha­ben. Mit anderen Worten: Diese im Wer­den begriffene französische Ausgabe ist eine „letzter Hand“ und somit unentbehr­lich für jede Kluge-Rezeption.

Ein Wort zur Übersetzung: Vincent Pauval ist Lob zu zollen für das Leiten eines Teams unterschiedlicher Tempera­mente und Stile. Der Text ist harmonisch und flüssig zu lesen. Der zweisprachige Leser wird möglicherweise bemängeln, dass der französische Text zu „schön“ ge­rät und Kluges manchmal rauher Ton hin­ter der französischen Klangfarbe ver­stummt. Wie dem auch sei: In jeder Über­setzung steckt ein Stück Verrat. Die Edi­tion als solche verrät viel über Alexander Kluge.   

FAZ, 26. April 2016

 

 

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ZULETZT ERSCHIENEN:

Chronique des sentiments, Tome 1 : Histoires de base (Französisch)

"Ce dont les hommes ont besoin au cours de leurs vies, c'est d'orientation. Comme il en faut aux bateaux. Telle est la fonction d'un si gros livre : que l'on compare, se sente repoussé ou attiré. Un livre est comme un miroir. [...]


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Dies ist die Druckversion der Seite: http://www.kluge-alexander.de/nc.html
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