Hotel im Niemandsland

Das Grandhotel Adlon ist noch am 30. April ein fast friedens­mäßig ausbalancierter Hoteldampfer. Eigene Elektrizitätsversor­gung. Gut bevorratet, auch dadurch, daß die Anlieferungen für die traditionelle Mittwochsgesellschaft des Auswärtigen Amtes, die nicht mehr stattfindet, noch nicht verbraucht sind.

Tausend Meter vor der Tür wird gekämpft. Ein Dachstuhlbrand am Vormittag konnte durch das Personal und einige Gäste ge­löscht werden. Seit gestern stellt das Hotel den Gästen keine Rech­nungen mehr aus. Der Rhythmus der Mahlzeiten über den Tag hin unverändert. Gäste aus Ungarn, Schweden, aus Österreich, das nicht mehr zu Deutschland gehört. Im Foyer und in den unteren zwei Stockwerken liegen Verwundete.

Der Oberkellner ist seit 1925 im Amt. Weisungen und deren Aus­führung vollziehen sich reibungslos. Keine Nervosität.


Abb.: Der Oberkellner des Hotels Adlon, das hundert Meter vom Brandenburger Tor zu diesem Zeitpunkt noch intakt dasteht.

Aus: Alexander Kluge: 30. April 1945. Der Tag, an dem Hitler sich erschoß und die Westbindung der Deutschen begann. Mit einem Gastbeitrag von Reinhard Jirgl. Berlin: Suhrkamp 2014, S. 42-43.

 

 

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