2014 Von: Katharina Eickhoff

Der Tag, an dem sich Hitler erschoss | Kulturgespräch 30.4.2014

SWR2

Alexander Kluge über den "letzten Werktag" des Dritten Reiches


"Zeitgeschichte ist besser als Homer", sagt Alexander Kluge. Aber in gewisser Weise ist Kluge der Homer der deutschen Nachkriegsgeschichte, denn er singt den Zorn und die Zärtlichkeit und auch die Absurdität der Zeit, als Filmemacher und einflussreicher Fernsehmensch, aber eben auch, und eigentlich am liebsten, als Schriftsteller.

Der Autor Alexander Kluge hat jetzt ein neues Buch herausgebracht, das auf über 300 Seiten von einem einzigen Tag erzählt: dem 30. April 1945, dem Tag als Hitler sich erschoss. In einem großen Patchwork verwebt das Buch viele, teils schreckliche, teils banale, teils urkomische Momente in den Leben einzelner Personen oder im gesellschaftlichen Ganzen, manche bedeutend, manche scheinbar weniger, aber alle auf diesen einen Tag, diesen Haltepunkt der Geschichte konzentriert, den, wie es im Buch heißt, "letzten Werktag des Dritten Reiches".

Herr Kluge, wieso war für Sie gerade dieser Tag von Hitlers Selbstmord so signifikant?

Da sprechen Sie etwas ganz Wichtiges an. Wir kennen ja aus dem Film "Der Untergang" diese Bunkerstimmung. Und je näher ich mir diesen Tag angeguckt habe, je weniger wichtig fand ich eigentlich den Tod Hitlers. Denn politisch war der ja schon seit gut drei Monaten tot.

Aber da gab es etwas, was mir neu war und das ist die Westbindung der Deutschen. Jeder will über die Elbe irgendwie in amerikanische Gefangenschaft und der russischen Gefangenschaft entkommen. Und dann gibt es da einen spürbaren Neuanfang im Ende. Die älteren Menschen wollen zurück nach Hause, und die Frauen, die ja die Häuser regiert haben, während die Männer im Krieg waren, fragen sich, wie sie noch Nahrungsmittel für ihre Kinder zusammenraffen können oder wann ihre Männer nach Hause kommen.

Das sind ja alles Themen eines Neuanfangs, der, meines Erachtens, auch noch das Wirtschaftswunder bestimmt hat. Und um diese Stimmung ging es mir.

Und dann kommt noch etwas Weiteres hinzu: Wenn Sie sich den Tag näher angucken und über Deutschland hinausblicken, dann sehen Sie, dass in San Francisco, also sehr weit entfernt von uns, die UNO gegründet wird. Genau an dem Tag kommt das Vetorecht zustande, das noch heute, in der Ukraine-Krise, eine Bedeutung hat.

Wie sind Sie dann an alle diese Geschichten, die Sie da erzählen, rangekommen? Dass Heidegger Hölderlin liest oder dass sich die UNO gegründet hat, kann man ja irgendwo nachlesen, das mit Hölderlin kann man sich vielleicht auch so denken. Aber die Geschichte vom Kriegsheimkehrer, der mit Bauchschuss im Gebüsch liegt, oder vom Leutnant, der gerade die Donau aufwärts radelt, oder dem Kindermädchen in Zürich, das ins Kino geht, waren das alles Zufallsfunde?

Das würde ich so nicht sagen. Ich habe erstens sehr gute Mitarbeiter, Thomas Combrink beispielsweise, der mir viele Geschichten vorgetragen hat. Ich selber habe auch gesucht, manche Geschichten sind auch einfach literarisch, also erfunden, und manche Geschichten wurden mir einfach erzählt.

Etwa die der Frau, die einen 13-jährigen Sohn hat, der in Ballenstedt in einer nationalpolitischen Erziehungsanstalt, also einer Hitlerschule ist, wo sie an der Panzerfaust üben. Und die Frau will diesen Jungen nach Hause holen, aber als sie ihren Sohn und die anderen Jungen da am Waldrand üben sieht, denkt sie sich als Mutter, ich kann den da doch jetzt nicht rausholen, dann steht er ja als Mama-Söhnchen da und ich beschäme ihn. Sie dreht also wieder um und fährt mit dem Fahrrad nach Hause und am nächsten Tag ist der Junge da.

Das ist eine Geschichte, die mich sehr bewegt. Und die wurde mir einfach erzählt.

Sie sagen ja, "etwas Erlebtes wird erst real, wenn ich es erzähle".

Nein, das habe ich so nicht gesagt. Ich habe gesagt, viele Dinge in der Realität werden dadurch zu einer selbstbewussten Erfahrung für Menschen, weil sie erzählt werden. Das bezieht sich nicht auf mich allein. Erzählen ist etwas anderes als Information.

Sie haben ja gerade schon gesagt, dass das Buch auch erfundene Geschichten, Einfärbungen oder Ausschmückungen beinhaltet. Wie fiktiv ist denn Ihr Buch?

50:50. Alle meine Bücher sind so. Sie müssen ja auch Geschichten erfinden, Metaphern erfinden, die das Wesentliche der Zeit erfassen. Sehen Sie, ich bin nicht abergläubisch, und Sie werden nicht denken, dass ich tatsächlich glaube, dass Hexen in der Walpurgisnacht, und der 30.04. ist ja die Walpurgisnacht, sich in Bewegung setzen und einen Propagandasatz: "Nun Volk, steht auf, und Sturm brich los!" missverstehend über Deutschland herziehen, aber zwischen Alliierten und Eigenen nicht unterscheiden können. Das wird es ja nicht gegeben haben.

Aber wie albern ist eine Welt, wenn man so rational ist und so argumentiert. Das kann es nicht gegeben haben. Aber entscheidend ist doch, dass es so etwas in den Herzen gibt. Und ich gehe dann so vor, dass ich einem Freund diese Geschichte andichte, dass er sie so gehört hat von seiner Klavierlehrerin, und wenn fünf Leute so etwas erzählen, dann wird darausaus etwas, was viel wesentlicher ist als alle Fakten, eine Erzählung.

Und zu welchem Ende hin erzählen und sammeln Sie? Ist das reiner Selbstzweck oder soll das alles am Ende mosaikartig zu einer ganz bestimmten Erkenntnis führen?

Sagen wir mal so: zu einer Erfahrung. Es ist ganz wichtig, dass wir die bitteren Erfahrungen unseres Landes immer wieder genau rekapitulieren. Und mich verblüfft, wie aktuell die manchmal sind. Etwa die Erfahrung des Ersten Weltkriegs, und plötzlich sehe ich 100 Jahre später in der Ukraine oder an der Krimkrise ganz ähnliche Drohkulissen wie im Sommer 1914. Und genauso sind die Erfahrungen von 1945 immer noch nicht verarbeitet. Und weil meine Kinder diese Erfahrungen nicht gemacht haben und gar nicht kennen können, erzähle ich ihnen das.

Ist das, was Sie da betreiben, noch Geschichtsschreibung?

Es ist Literatur, wobei ich sagen muss, dass die Geschichtsschreiber, also die Historiker, sehr gute Erzähler sind. Ganz allgemein gesagt, das sind die besten Literaten auch.

Wenn wir noch mal zurück zu diesem 30. April 1945 gehen. Brecht sagt ja über diese Zeit, "Es herrschte das Chaos, es war eine gute Zeit". War es das, eine gute Zeit?

Ich müsste lügen, wenn ich als 13-Jähriger viel Bewusstsein gehabt habe. Wir hielten diese Zeit damals für gut. Wir waren erleichtert, dass wir nicht eingezogen wurden. Wir haben Beute gemacht. Nachdem alles verloren gegangen ist, haben wir Keller geplündert. Das heißt, für uns war diese Zeit aufregend, ohne jede Einsicht. Und 30 Jahre später versteht man es, und dann ist man allerdings auch gegen Kriegsgelüste oder gegen Volksgemeinschaft und andere Drogen schutzgeimpft.

SWR2 Kulturgespräch mit Alexander Kluge führte Katharina Eickhoff am 30.4.2014 um 7.45 Uhr.

Alexander Kluge: 30. April 1945

Autor: Alexander Kluge
30. April 1945. Der Tag, an dem Hitler sich erschoß und die Westbindung der Deutschen begann
Verlag: Suhrkamp Verlag
Produktion: 2014
Länge: 316 Seiten
Preis: 24,95 EUR
Bestellnummer: 978-3-518-42420-9

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