2000 Von: Harald Jhner

Grundbuch der inneren Partisanen

Berliner Zeitung, Feuilleton, 9.10.00

Alexander Kluge stellt seine 2.000 Seiten starke "Chronik der Gefhle" vor


Eine Hauptrolle in Alexander Kluges Film "Die Patriotin" aus ein Jahr 1979 spielt ein Knie. Es ist das Knie des Obergefreiten Wieland, gefallen 1943 in Stalingrad. Einzig das Knie ist brig von im und spricht nun aus dem Off zu montierten Bildern aus dem zweiten Weltkrieg:"Ich mchte einiges richtig stellen und durcheile die Welt und spreche zugleich fr den Obergefreiten Wieland mit, denn niemand ist einfach nur tot, wenn er stirbt. So kann man uns nicht abschreiben, die Wnsche, die Beine, die vielen Glieder, Rippen, die Haut, die friert und eben: wenn nichts Anderes brig ist als das: Ich, das Knie, dann muss ich reden, reden, reden."

Das Knie ist ein immaterielles Objekt, ein, bloes Dazwischen, weder Unter- noch Oberschenkel, weder Kniescheibe noch Kniekehle, und derart krperlos ist es im Film zugleich ein allwissender Erzhler. Es spricht ber das Einknicken und Straffen des Beines auf dem halben Meter, bis die 2000 Kilometer nach Stalingrad geschafft sind, aber auch ber die Gesetzgebung Karls des Groen. Er spricht virtuell ber alles, was nach Stalingrad gefhrt hat, bis zurck ins Heilige Rmische Reich Deutscher Nation.

Wenn es ein Pendant zu diesem Knie gibt, dann ist es Alexander Kluges Stimme. Jene fast irritierend einfhlsame, flsternd leise sind dennoch lebhafte Mrchenonkelstimme, die fast alle Fernsehzuschauer, die viel herumzappen, schon mal auf seinen Sendefenstern bei Sat.1, RTL oder VOX gehrt haben. Diese Stimme, die durch die gesamte Bildungsgeschichte Haken schlagen kann und dennoch nie aufgehrt hat, sich zu wundern - sie kam in dem voll besetzten groen Saal der Berliner Akademie der Knste nicht echt zur Geltung, als Kluge am vergangenen Freitag aus seiner soeben erschienenen "Chronik der Gefhle" ein paar Geschichten vorlas. Seine nur im Weichen so markante Stimme, das Knie zwischen den Fakten, braucht die Intimitt des Studios, um zu wirken im Kontrast zu den gewaltigen Themen und Zeitsprngen, von denen sie spricht. "Ich wundere mich", sagt Kluge in der Akademie, "dass Lebewesen, die 4,2 Milliarden Jahre Input hinter sich haben, also etwas, das zur Schatzbildung neigt, daraufhin den zweiten Weltkrieg beginnen und wenig spter "Big Brother" gucken, also nicht auf der Hhe ihrer Zeit sind." Warum unsere Gefhle nicht so klug sind, wie sie sein knnten, davon handelt deren "Chronik".

Es ist ein Werk von 2.040 Seiten in zwei Bnden, ein gewaltiger Steinbruch kurzer Lebenslufe und Geschichten, die vom beginnenden 21. Jahrhundert bis zum Zweiten Weltkrieg reichen, mit kurzen Ausflgen in jene 4,2 Milliarden Jahre Menschwerdung, beispielsweise in die Herausbildung der inneren Zwerchfellgrenze, "die beim aufrechten Gang entstanden sein muss, als wir die untere Seite in uns zur Verdauung, zur Sexualitt, zum Gehen, zur Realitt spezialisiert haben, und die obere zum Virtuellen, Spirituellen, zum Atem und schlielich zum Geist hin entfaltet haben. Da blieb eine Zwischenzone brig, die ist offen - sichtlich unbeherrschbar."

Da ist es wieder, das Dazwischen, wie beim Knie, der sechste Sinn, den Kluge in seinen "Lebenslufen" und "Basisgeschichten" in der rebellierenden Form von Fehlleistungen, bersprungshandlungen, fixen Ideen und mrderischen Ausfallserscheinungen aufsprt. "Die Macht steckt im Verputz" steht ber einer kurzen Szene aus Gorbatschows Leben im Jahr 1991. Anders als in den Seelen seiner "Helden" will Kluge dem sechsten Sinn in seinen Filmen und Texten mglichst freien Lauf lassen: durch vollstndige Mobilisierung des Eigensinns aller Gefhle.

In seinen zusammen mit Oskar Negt verfassten theoretischen Bchern "ffentlichkeit und Erfahrung" (1972) und "Geschichte und Eigensinn" (1981) hat Kluge die Vorstellung ausgearbeitet, dass unter den Bedingungen der kapitalistischen konomie und brgerlichen Rationalitt einzelne Sinne je nach Verwertbarkeit separiert und treibhausmig gezchtet, andere diffamiert wurden, bis eine Art zu fhlen und zu denken entstand, die dem Glck der Menschen im Wege steht. Geprgt von der Kritischen Theorie insbesondere Theodor W. Adornos versuchte er zu erkunden, wie sich die Herrschaft des Kapitals im Hirn des einzelnen Menschen als Herrschaft der konomie und der Vernunft durchsetzt - auf Kosten der Fhigkeit, "die wirklichen Verhltnisse zu begreifen". Fr das Ideal einer "proletarischen ffentlichkeit" entwickelten Negt und Kluge die Fantasie als unterdrcktes "Dazwischen", als Knie zwischen den Sinnen. Dieses mittlerweile in seiner revolutionren Abstraktheit exotisch klingende Programm hat Kluge nie aufgegeben und in die Bedingungen einer scheinbar alternativlosen Gesellschaft hinbergerettet.

Geholfen hat ihm dabei der bewusste Verzicht auf theoretische Geschlossenheit. Da fr ihn alle Sinne kleine Theoretiker sind, schreibt und denkt er stets gegenstndlich und politisch-diskursiv zugleich - und damit prinzipiell in Bruchstcken. Einen 68er, der in drei Jahren 26 Genossinnen schwngert, beschreibt er auf knapp drei Seiten als "Leninisten des Gefhls", als "Bio-Bolschewiken". Im Gesprch mit der "Berliner Zeitung" sucht er nach Korrelationen zwischen politischen und erotischen Haltungen und findet bei Ibsen einen "Sozialdemokraten der Liebe".

Die Radikalitt der Gefhle entfaltet sich fr Kluge in ihren Mittelwerten, nicht in den dramatischen berspitzungen, die die Oper und der Hollywood-Film als scheinhafte Entladungen vorgeben. "Dieser Steigerung sind die Gefhle in Wirklichkeit ja nicht fhig. Sie mssen ein gewisses Quantum an Lge einbauen, wenn sie heil durchkommen wollen mit dem Menschen, den sie lieben. Dazu gehrt Schauspiel in der Liebe: Lovepolitics." Und schon ist er mit einem typischen Kluge-Satz im Jahr 1989: "Meines Erachtens ist die DDR implodiert wegen ihrer vollkommenen Unkenntnis der Erotik. Im Exodus in den Westen stecken ja solche Motive, die sich Menschen nicht wegnehmen lassen. Darin sind die Gefhle Partisanen, Strenfriede sehr wirksamer Art."

Die "Chronik der Gefhle" ist eine Sammlung lakonischer Kalendergeschichten mit ungewisser Moral. Heidegger, der Denker des Ernstfalls, wird darin 1942 auf die Krim versetzt, Hitler beim Betrachten des Mondes gesehen, der Frankfurter Banker Ingmar B. verstrickt sich in die konomie um eine schwarze Prostituierte. "Menschen hausen in ihren Biografien", sagt Kluge, doch die Gefhle, die sie regieren, berschreiten den Einzellebenslauf mhelos. Sie sind Tausende von Jahren alt; manche arbeiten in den Biografien "unerlst". Von Ernst Bloch, der ebenfalls die Geschichte in den Emotionen suchte, unterscheidet sich Kluge, weil er sich weigert, gute und reaktionre Gefhle zu werten. Von Robert Musil, dem literarischen Gefhlssoziologen, trennt ihn die Abneigung vor dem geschlossenen System. Dafr ist er auf Vollstndigkeit aus. Die "Chronik der Gefhle" liest sich wie ein Kataster der emotionalen Konstellationen, die zndfhig genug sind; dass Geschichte entsteht. Das sind fast alle.

Bei einem literarischen Grundstcksverzeichnis muss der Zauber schon in den berschriften stecken. In den berschriften steckt im Kern die ganze Kunst der Klugeschen Verknappung: Heft 17 des dritten Teils ("Im Hirn der Metropole") des 8. Kapitels ("Unheimlichkeit der Zeit") stellt beispielsweise vor: "Eine, deren Unterschrift unter den Gesellschaftsvertrag geflscht ist." Eine Diebin.