2014 Von: Andreas Kilb

Der letzte Werktag des Dritten Reiches

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Wie reagierte die Börse in New York an dem Tag, als Adolf Hitler sich erschoss? Alexander Kluge hat die faszinierende Chronik des 30. April 1945 verfasst: 24 Stunden, die unvergesslich bleiben.


© ullstein bild
Osterode im Harz am 30. April 1945. Nicht weit davon entfernt erlebte Alexander Kluge den Tag als Dreizehnjähriger.

In letzter Zeit hört man wieder viel von Alexander Kluge. Gerade lief ein neuer Essayfilm von ihm – „Die Eröffnung der Zivilisation aus Paradies und Terror und das Prinzip Stadt“ – zur Eröffnung eines Symposions im Berliner Haus der Kulturen der Welt. Nur ein paar hundert Meter weiter, im Fernsehmuseum am Potsdamer Platz, wird die Ausstellung „70000 Jahre wie ein Tag“ gezeigt, in der Kluge die Menschheitsgeschichte auf seine übliche verspielt-vertrackte Art mit der Geschichte des Fernsehens kurzschließt.

Und jetzt erscheint auch noch ein neues Buch von ihm, nüchtern und vielsagend „30. April 1945“ betitelt – ein Jahr vor der siebzigsten Wiederkehr jenes Tages, an dem sich Hitler erschoss, also eben nicht zum Jubiläum, sondern im rückblickenden Vorgriff darauf, wie es dem Quer- und Seitendenker Kluge entspricht.

Dem Rad der Geschichte in die Speichen greifen

Es geht, wie so oft bei Kluge, um den Krieg und das, was er aus den Menschen macht: Flüchtlinge, Mörder, Selbstmörder, Träumer, Pragmatiker, Hoffende, Verzweifelte. Der 30. April 1945, ein Montag, ist für ihn „der letzte Werktag des Dritten Reiches“, was zwar nur dann stimmt, wenn man den 2. Mai, den Tag der Kapitulation Berlins, als Endpunkt der nationalsozialistischen Herrschaft ansetzt; aber für Kluges Denken und Schreiben ist der Werktagsgedanke zentral. Denn seine Bücher, von der 1964 erschienenen Stalingrad-Epopöe „Schlachtbeschreibung“ bis heute, schildern keine hilflos duldenden, resigniert sich in ihr Schicksal fügenden Opfer. Sie handeln von Menschen, die sich gegen den Lauf der Dinge stemmen, die dem Rad der Geschichte in die Speichen greifen, auch wenn es sie zermalmt.

Noch Ende April 1945 beispielsweise finden sich deutsche Truppenteile zu einem Panzervorstoß gegen die Alliierten im Südharz zusammen: „Die Aktion hätte in einem Manöver der Reichswehr von 1934 Lob geerntet und machte den Beteiligten auch jetzt eine letzte Freude.“ Kurz darauf werden die Angreifer in einem Hinterhalt vernichtet. Aber ihr Tun ist bei Kluge dennoch nicht vergebens, denn es illustriert den menschlichen Charakter.

140 Jahre und ein Tag

Das Manöverdenken, das Planen nach eingeübten Mustern, hört auch im Angesicht der Katastrophe nicht auf. Die Lastwagen voller veralteter Einsatzbefehle, die in diesen Apriltagen auf den Straßen des sterbenden Deutschen Reiches unterwegs sind, fahren neben der Realität her, sie bewegen sich „in einem Raum mit negativer Zeit“. Aber die Gedanken, die sie transportieren, sind dennoch real. An dieser Stelle setzt Kluges erzählerische Neugier ein. Wovon handelten die Planspiele des Generalstabs? Was empfand Thomas Mann, als er in Pacific Palisades in der Zeitung vom Todessturz eines Schweizer Knaben las? Woran dachte der britische Sergeant, im Zivilleben Schlosser, als er den Marschallsstab seines deutschen Gefangenen zerbrach? Was ging dem Kriegsheimkehrer durch den Kopf, der mit einem Bauchschuss im Gebüsch lag?

© F.A.Z.
Alexander Kluges „30. April 1945“: Die Chronik eines einzigen Tages, verwoben mit dem Zeitfaden von 140 Jahren: Fakten, Lebensläufe, Gefühle, Wünsche.

Die Chronik eines einzelnen Tages, heißt es am Ende des Buches, werde man nur verstehen, wenn man den Zeitfaden von 140 Jahren durch ihn hindurchfädele. Dieser Faden aber besteht nicht nur aus Fakten, sondern auch aus Lebensläufen, aus Gefühlen, Wünschen und Phantasien. Zu ihnen gehört das Heimweh des Knaben Alexander Kluge, der im Frühjahr 1945, aus dem zerstörten Halberstadt in den Harz verschickt, auf Rübenäckern Unkraut zupfen muss. Erst Anfang Juni sieht er seine Mutter wieder. „Dieser Tag ist für mich unvergesslich und wichtiger als der 30.April 1945.“ Das Individuum erhebt Einspruch gegen die Geschichte, indem es sie erzählt.

Patchwork-Gebilde aus großen Dichtern und kleinen Anekdoten

Kluge ist nicht der einzige Autor dieses Buches. Wie in seinen theoretischen Arbeiten mit dem Soziologen Oskar Negt hat er sich in diesem literarischen Werk mit dem Dichter Reinhard Jirgl zusammengetan. Jirgls Texte, die als Intermezzi zwischen Kluges Hauptkapiteln stehen, füllen etwa ein Zehntel der gut dreihundert Seiten. Wirklich wichtig für die Gefühlschronik des Kriegsendes sind sie nicht. Aber sie liefern ein paar schöne Aperçus, etwa das von der Zeit, die „wie Salzsäure“ sei, oder dem alliierten Panzer, der sein Kanonenrohr auf eine Porzellandose richtet. Das Werk Kluges, egal ob im Kino, im Fernsehen oder auf Papier, ist keine geschlossene Veranstaltung, es enthält, neben der eigenen, viele fremde Stimmen, die mal mehr, mal weniger in den Vordergrund drängen. Zu ihnen gehört jetzt auch die von Reinhard Jirgl.

© Helmut Fricke
Alexander Kluge, hier bei der Frankfurter Buchmesse 2013, hat das Patchwork-Prinzip perfektioniert.

Im Gebäude des Klugeschen Schreibens, das mittlerweile ein halbes Jahrhundert überspannt, ist dieser „30. April“ ein Seitenkabinett. Aber wer kann bei Kluge schon genau sagen, was Haupt- und was Nebensache ist? Die alten Erzählfäden, der Krieg, die Kindheit, die Menschheits- und Erdgeschichte – ein Absatz handelt von der genetischen „longue durée“ der Taufliege –, ziehen sich auch durch dieses Buch, der alte Sauerteig wird immer neu gewälzt und verbacken. Eine Anekdote wie die über den „letzten Nationalsozialisten in Kabul“, einen Botschaftsangehörigen, der mit seiner Theatertruppe eine Aufführung des Hetzstücks „Schlageter“ vorbereitet und von der Flucht ins Pamirgebirge träumt, hätte auch in der „Chronik der Gefühle“ aus dem Jahr 2000, eine Passage wie die über die Gründungskonferenz der Vereinten Nationen in San Francisco und den gleichzeitig stattfindenden Internationalen Arbeiterkongress im nahen Oakland auch in „Geschichte und Eigensinn“ von 1981 stehen können.

Und wie immer lässt Kluge die Weltgeschichte durch den Mund der großen Dichter und Denker sprechen. Heidegger und Ezra Pound treten auf, Heiner Müller, Einar Schleef, Schiller, Lenau und Heine werden zitiert. Dieses Patchwork-Prinzip, in langen Jahrzehnten ausgereift, ist selbst schon historisch geworden. Und doch trifft es immer wieder den Punkt der Gegenwart. Denn Kluge zitiert eben nicht nur Brechts antikapitalistische Hexameter („Riesige Krisen, in zyklischer Wiederkehr, gleichend enormen tappenden Händen...“), er findet auch die passenden Anekdoten dazu. Noch in den Tagen des Untergangs flossen Geldtransfers, durch keine Panzerkanone gestört, vom einen Ende des Reiches zum andern, über alle Fronten hinweg. Der Blumenschmuck für Stefan Georges Grab in Minusio wurde weiter über ein Clearingkonto in der Schweiz abgerechnet. Und am 30. April tat die New Yorker Börse einen Sprung, weil die amerikanische Regierung angesichts der deutschen Niederlage eine Senkung der Einkommensteuer in Aussicht stellte. Ach, das alles kennen wir allzu gut.

Alexander Kluge: „30. April 1945“. Der Tag, an dem
Hitler sich erschoß und die Westbindung der Deutschen begann.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2014.
316 Seiten, 27 Abbildungen, gebunden
24,95 €.

Quelle: F.A.Z.

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