2003

Facts und Fakes

aus: Die Kunst, Unterschiede zu machen, S. 59

Die Gallier, die Kelten also, haben gelernt zu erzählen, einen Kokon zu spinnen, um die Wirklichkeit zu versüßen, sie so zu verschönern, daß sie kommunikationsfähig ist. Die unangenehmsten Ereignisse werden durch Erzählung schön, mitteilbar, uminterpretiert, gefälscht. Deswegen gibt es nicht nur Facts, sondern Fakes. Das ist eine Notwendigkeit. Behauptet einer, er könne mit Fakten umgehen, ohne sich etwas dazuzudenken, ohne zu fälschen, dem glaube ich nicht. Aber aus einem, der lügt, aus dessen Lügen, kann ich immer noch ein Stück Fakt herausentwickeln.

Es gibt eine Unterscheidung zwischen >vertrauenswürdig< und >nicht vertrauenswürdig<. Ovid beschreibt in seinen >Metamorphosen<, daß Lebewesen, die leiden, sich lieber verwandeln, als weiter zu leiden. Das ist die ganze Geschichte der Metamorphosen. Natürlich sind das alles Fiktionen, Göttergeschichten. Wissenschaftlich, historisch überprüft, stimmt keine dieser Geschichten. Es ist nicht wahr, daß Daphne sich in einen Lorbeerbaum verwandelte, nur weil ein gieriger Apoll hinter ihr her war. Als er sie fassen wollte, wurde sie ein Baum, der die Regionen des Mittelmeers erfreut. Diese Geschichte ist mit Intensität erdacht, mit notwendigem falschen Bewußtsein erzeugt worden.

Ovid ist Montaignes Gott, Heiner Müllers und auch meiner.

Jede dieser Geschichten, dieser Märchen in den >Metamorphosen< von Ovid ist vertrauenswürdiger als eine Nachrichtensendung von heute, in der zumindest alles äußerst verkürzt erzählt wird.