2008

Ein lebendiges Verhältnis zur Arbeit

aus: In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod, IX. Kapitel S. 302 ff.

Der Vorführer Sigris hatte kurz nach Beginn der Diskussion, die ihn aufhielt, da die Spätvorstellung sich dadurch verspätete, seinen Eindruck gewonnen: Die Zuschauer, die sich zu Wort meldeten, redeten nicht um etwas mitzuteilen, sondern um sich vor dem berühmten Gast zu bewähren. Dieser redete oder antwortete, um der Bewährung willen, die er vor diesen Zuschauern bestehen wollte. Das schien dem Vorführer Sigris so überflüssig wie "warten auf das Morgenrot". Er kannte einen Lehrer, der um drei Uhr früh, ohne dazu gezwungen zu sein, aufstand, "um das Morgenrot zu erleben". Das Verhältnis sollte dazu dienen, daß er mit "Kenntnissen" über eine Gedichtzeile sich Schülern mitteilte, die alle nur eine allgemeine Vorstellung von "Morgenrot" mit dieser Zeile verbanden. Nichts in der Welt hatte sie bis dahin dazu zwingen können, um drei Uhr früh sich im Sommer zu erheben, um die Lichtverhältnisse in der Zeit vor Sonnenaufgang zu untersuchen. Sie waren nicht neugierig. So tat es der Lehrer stellvertretend für sie. Es war ihm aber nicht möglich, das gesehene Morgenrot zu den Schülern zu tragen. Gegen die 8-Uhr-Stunde war es aufgelöst. Es blieben die Worte seines Berichts. Den verschlafenen uninteressierten Schülern bedeuteten sie nichts. Die Schüler gaben sich angesichts der Anstrengungen ihres Lehrers Mühe, wollten sich durch Augenaufreißen vor ihm bewähren. So wie er sich durch beispielhaftes Frühaufstehen bewährt hatte.
Der Vorführer Sigris dagegen wußte wie das Morgenrot aussah, und zwar aus einem australischen Film, der in Südafrika spielte. Die Sonne erhob sich dort gegen 4.30 Uhr, stieg aus den asiatischen Regionen des Meeres gewaltig hervor, von Indien her über Felskuppen der Küste. Ihr gegenüber, also mit Rücken zum Westen, saßen auf Cafehaus Stühlen¹ zwei zu Unrecht zum Tode Verurteilte. Das im Osten aufgestellte Peloton schoß die Gefesselten samt ihren Stühlen um. Dieser Film aber hatte Schrammen. Er war dem Kino versehentlich zugeschickt worden. Der Vorführer hätte Zeit gehabt und gewußt, wie die Kopie zu regenerieren wäre. Er wäre bereit gewesen, die Schrammen, die sich auf der Blankseite befanden, zur Schrumpfung zu bringen und so aus einer zerkratzten Kopie einen erstklassigen schrammenfreien Sonnenaufgang um 4.30 Uhr früh herzustellen. Er wollte das aber nicht tun, nur damit ein unbegabter Vorführer einer anderen Spielstelle erneut Schrammen (eventuell an anderen Stellen) produzierte. Er hätte es nur getan, wenn er den einwandfreien Sonnenaufgang auf die Leinwand hätte spielen dürfen. Das hätte die Hackordnung verletzt, da die Kopie in einem Lichtspieltheater der Kategorie A vorabgespielt sein mußte, ehe sie für dieses Haus, das zur Kategorie B gehörte, freigegeben wäre.
Der Vorführer bedauerte die Länge der Diskussion, die den Kinosaal blockierte. Es ging keineswegs um anschauliche Punkte wie "Sonnenaufgang" oder "verschrammt". Er konnte nur arbeitslos warten. Die Diskussion lief auf seine Kosten, da er nun etwa eine dreiviertel Stunde später ins Bett käme. Für die Projektion einer absolut schrammenfreien Kopie eines beliebigen Films hätte er diesen Aufwand anerkannt. Sigris galt als pingelig, was die Qualität von Filmen betraf. Sie sollten keine Klebestellen, keine Verletzungen der Bildoberfläche aufweisen. Da es solche einwandfreien Kopien praktisch nicht gibt, ist ihm der Inhalt der Filme, die einreißende Gewohnheit der Bewährungs- und Strafdiskussionen im Kino ein Greuel. Der Vorführer, der weiß, daß eine Zeitmaschine wie der Film nicht durch Diskussion verlorene Zeit aufholen kann (wie ein Lokomotivführer Verspätungen aufholt), rächte seinen gestauten Unwillen, den er über die verschiedenen Zweckentfremdungen der Abspielstelle empfindet, indem er in der Spätvorstellung die Akte 4 und 5 des Kriminalfilms ausließ. Tatsächlich machte die Handlung einen Sprung, der den Film für Sigris Gefühl deutlich verbesserte. Er hätte gern den Auftrag gehabt, Filme generell in dieser Weise zu verbessern, war sich aber darüber im Klaren, daß er dafür in die Filme hineinschneiden müßte. Es ging nicht immer um das Weglassen ganzer Akte. Dann aber ergaben sich Klebestellen, die auch dann, wenn er mit Tusche den Tonstreifen sorgsam übermalte, häßliche Bumser ergaben. Er war nicht bereit, für schöneren Inhalt Mängel der Kopie in Kauf zu nehmen. Schließlich, findet er, ist der Inhalt beliebig, die Qualität der Kopie aber ist die Straße, auf der sich sämtliche Inhalte, auswechselbar oder nicht, bewegen. Er war weder bereit, in dieser radikalen Frage nachzugeben, noch war er bereit, sich die Nächte für etwas Relatives (=Halbgutes) um die Ohren zu schlagen. Er packte nach Ende der Vorführung seine Tasche, nachdem er die Kopie des Spätfilms zurückgerollt und für den Abtransport bereitgestellt hatte. Es wunderte ihn sehr, daß man Kopien nicht füttert.

¹Die Cafehaus-Stühle waren vom Exekutionskommando ausgeliehen.