Ein Ingenieur seiner Geschichten
11. September 2009 Im Gespräch nennt er sich einen „bekennenden Hilfsarbeiter der Frankfurter Schule“. Das ist bei Alexander Kluge, dem vielleicht produktivsten Zeitgenossen aus dem Umkreis dieses philosophischen Milieus, nicht nur Koketterie. Wenn die Stadt Frankfurt am Main dem Schriftsteller und Filmemacher an diesem Freitag in der Paulskirche ihren Adorno-Preis verleiht, ehrt sie tatsächlich eine ehemalige Arbeitskraft der Region. Nach Frankfurt war Kluge Mitte der fünfziger Jahre gekommen, um dort sein juristisches Referendariat abzuleisten, bei Hellmut Becker, dem Justitiar des „Instituts für Sozialforschung“. Dessen Ideengeber Theodor W. Adorno - Kluge: „Stellen Sie sich einen Mann vor, der die Hände nicht bewegt beim Reden“ - hatte ihn dann zu Fritz Lang, dem Regisseur, geschickt. Nicht, um Kluge dem Film zuzuführen - „Mit dem Film hatte Adorno es nicht, Film wäre ihm ohne Bilder lieber gewesen“ -, sondern um ihn der Literatur zu entfremden, die Adorno für ein abgeschlossenes Gebiet hielt.
Tagsüber Recht, abends Geschichten. Was gab es für den Vierundzwanzigjährigen als Juristen damals zu tun? Kluge beschreibt sich als „reitenden Boten“ zwischen dem Institut, der Staatsanwaltschaft und den Ministerien. Adornos Wiedergutmachungsverfahren war zu betreiben, es gab Anfeindungen gegen die Re-Emigranten, und wenn Kluge sich erinnert, wie ein Schriftsteller, der als Jugendlicher einen Mord begangen hatte, aber später begnadigt worden war, aus der Haft trotzdem nur herauskam, weil man ihm als Fahrer Max Horkheimers, des Institutsdirektors, einen Beschäftigungsnachweis verschaffte, obwohl sich Horkheimer niemals mit ihm in einen Wagen gesetzt hätte, dann ist man schon mitten in der Erzählwelt des Geehrten.
Bitte vorlesen
Es ist eine Welt geschichtsphilosophischer und moralischer Anekdoten, erfundener wie wirklicher Episoden von der Hinterbühne der Haupt- und Staatsaktionen. Nicht „Es könnte alles ganz anders sein“ ist ihr Motto, sondern „Es braucht nur sehr wenig, um sehr viel zu ändern“. Daraus beispielsweise, dass Adorno 1968 ein Freisemester hatte, in dem ihn ausgerechnet der Antipode der Frankfurter Schule, Niklas Luhmann, mit einem Seminar über „Liebe als Passion“ vertrat, macht Kluge in seinem jüngsten Band - „Das Labyrinth der zärtlichen Kraft“ - die Geschichte eines Treffens zwischen beiden.
Adorno war damals gerade unter Schmähungen von einer Geliebten verlassen worden und im Herzen getroffen. Morgens um sieben habe er ihn, Kluge, angerufen, er, der reitende Hilfsarbeiter, solle doch sofort die Untreue aufsuchen und ihr den Aphorismus „Konstanze“ aus den „Minima Moralia“, ein Stück über Treue, vorlesen. Und im Wirtshaus „Rheinpfalz“, unweit der Frankfurter Oper, habe Adorno Gäste bewirtet. Da sei es doch, jetzt beginnt die Möglichkeitserfindung, ganz unwahrscheinlich, dass er nicht mit dem Lehrstuhlvertreter wenigstens einmal dort gegessen habe, oder? Und weiter ganz unwahrscheinlich, dass er dann dabei, wissend um Luhmanns Seminar, mit seinem Liebesleid zurückgehalten hätte. Luhmann schlägt dem unglücklichen Adorno vor, auf die Beleidigungen der Geliebten mit finanzieller Großzügigkeit - sie war Schauspielerin und knapp bei Kasse - zu antworten, um seine Treue zu bezeugen und die Chance festzuhalten auf Wiederanknüpfung von Intimität. In Wirklichkeit, fügt Kluge im Gespräch hinzu, habe Adornos Gattin das Konto verwaltet.
Nur keine Lehre
Es sind solche Interpolationen, Veränderungen eines vorliegenden Textes, aus denen Kluges Werk besteht. Uns, meint er über die Gegenwart, kommt kein Gründerstatus zu, die kulturellen Leistungen sind alle da, sie müssten jetzt nur wiederholend kommentiert werden. Es gehe darum, Schätze, die schon da sind, in der Vergangenheit liegen, zu heben. Und zu pflegen: Kluge sieht sich als Gärtner, nicht als Dompteur seiner Stoffe, als Arzt, der nicht schafft, sondern repariert, als Ingenieur von Geschichten: „Ich mag zum Beispiel einfach den Tod der Anna Karenina nicht“, das Bild vom Erlöschen einer Kerze - und also denkt er sich eine Version aus, die gleichwahrscheinlich sein könnte und zwar das Eheunglück erhält, aber auch dem Kind, dessen Gesichtspunkt dann seiner ist, die Mutter. Ein Jahr vor dem Bombenangriff auf Halberstadt, Kluges Geburtsort, sagt er, hätten sich seine Eltern scheiden lassen, und er habe das als schlimmer empfunden als den Krieg.
Laufen die moralischen Geschichten auf eine Moral hinaus, will der Kommentar etwas lehren? Eine Lehre jedenfalls nicht. „Es gibt eine Politik der Schulstunde, und es gibt eine Politik der Schulpause. Bei mir geht es um die Schulpause.“ Denn Schulpausen seien Gefäße, indem sie die Schüler, die in der Stadt zerstreut wohnen, zusammenführen und sie einander Geschichten austauschen lassen. Als in Halberstadt die Bomben fielen, am 8. April 1945, einem Sonntag, da ging ihm, in aller Angst, fast froh durch den Kopf: „Jetzt habe ich endlich etwas zu erzählen.“ Und er war enttäuscht, dass tags darauf die Schule selbstverständlich ausfiel.
Nicht käuflich
Kluge hat die ausgefallene Schulpause nachgeholt und ist dabei der Mündlichkeit verpflichtet geblieben. Seine Geschichten folgen dem Prinzip „Da fällt mir ein“. Und sie sind kurz, weil auch im Gespräch niemand mehr zuhört, wenn jemand Romane erzählt. Dafür aber kommen sie nie einzeln. Das gilt auch fürs Gespräch. Die Erwartung, dass Frage und Antwort aufeinander bezogen sein sollten, erfüllt Kluge auf die wunderlichste Weise. Mit ihm zu sprechen heißt erleben, wie in einem Atemzug die Prinzessin von Clèves, Monteverdi, eine Szene aus dem Zweiten Weltkrieg sowie die Kritik, die David Hume an Thomas Hobbes übte, aufeinander folgen. Wie er arbeite, ob er Bücher plane? Nun, der Verlag hätte gerne etwas über die Finanzkrise, der Film über Marx sei doch so schön gewesen. „Aber wie soll ich die Finanzkrise filmen?“ Also denke er erst einmal über Vertrauen nach. Und frage sich, was man für Geld nicht bekommen kann. Es folgt die Geschichte von einem Soldaten, der sich aus russischer Gefangenschaft freikaufen wollte und für den Bestechungsversuch exekutiert wurde.
Rettung kann man sich nicht kaufen. Diese Zwischensumme führt ihn zu Madame du Barry, die sich 1793 vom Schaffott freikaufen wollte und von den Revolutionären mit dem Bescheid betrogen worden, Versprechen gegenüber Konterrevolutionären müsse man nicht halten. Fast habe die darüber bis zum Schreien empörte du Barry sich noch vom Schafott herunterprotestiert. Dazu fällt ihm Marie Antoinette ein, die auf dem Weg zu ihrer Exekution von David gezeichnet worden sei, und schon ist er beim Thema „Verfallserscheinungen der Macht“.
Fast weiß man da nicht mehr, dass genau dies auch der Anfang dieser Abfolge von einander irgendwie verwandten Episoden war. Es führt einen nur das Gehör, wenn Kluge erzählt. Aber was heißt hier „nur“?
Text: F.A.Z.Bildmaterial: ddp





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