Die Rückeroberung des Blitzes von der Elektroindustrie
Alexander Kluge nahm den Theodor-W.-Adorno-Preis der Stadt Frankfurt entgegen
"Alles steuert der Blitz." Seitdem das "Patronat über die Bildkünste", wie Rudolf Arnheim einmal schrieb, vom Heiligen Lukas an die Elektroindustrie übergegangen ist, haben im Denken unserer Philosophen die Vorsokratiker wieder Hochkonjunktur: "Alles steuert der Blitz." Unter dieses Motto des Heraklit stellte Friedrich Kittler seine Laudatio auf den Schriftsteller, Filmemacher, Fernsehproduzent und Drehbuchautor Alexander Kluge, der am vergangenen Freitagabend in der Frankfurter Paulskirche den Theodor-W.-Adorno-Preis dieser Stadt entgegen nahm. Der alle drei Jahre an Adornos Geburtstag vergebene, mit 50 000 Euro dotierte Preis gehört zu den bedeutenderen Kulturpreisen dieses Landes und wird für außergewöhnliche Verdienste um die sparten Philosophie, Musik, Theater und Film vergeben.Die Feierstunde in der Paulskirche gehörte zu den schönsten Festakten, die dieser Ort seit langem gesehen hat, und wer immer die choreographie und insbesondere die musikalische Umrahmung verantwortete - er strafte all diejenigen Lügen, die immer noch behaupten, der kleinen Main-Metropole fehle es an Stilvermögen und Repräsentationswillen.
Darüber, wie Alexander Kluge zum Film kam, gibt es wenigstens zwei blitzhaft verwandte Versionen, die ihr Zentrum aber jedes Mal in der Begegnung des jungen Schriftstellers und praktizierenden Rechtsanwalt mit dem Philosophen Theodor W. Adorno haben, der in dem Jüngeren weniger einen Schüler als - wie er in einem Brief aus dem Jahr 1962 an Siegfried Kracauer bekennt - einen engen Freund gefunden hatte. In der einen Version, die Friedrich Kittler erzählt, schickt ihn adorno zu Fritz Lang in die Filmlehre, damit er endlich aufhöre, Schlachten wie jene von staligrad zu beschreiben. In der zweiten version, die Frankfurts Oberbürgermeisterin Petra Roth in ihrer schönen Begrüßungsansprache zum Besten gab, verfolgt Adorno mit der Vermittlung eines Volotariats bei dem legendären altregisseur die hinterhältige Absicht, Kluge "durch das unmittelbare Erleben der sogenannten Kulturindustrie" für alle Mal von diesem Medium abzuschrecken. Vergebens.
"Alles steuert der Blitz." Und wie der Prger Rabbi Loew seinen Golem, so verlebendigte Kluge in seiner Dankesrede den längst verblichenen und bewunderten Freund, der am Tag der Preisvergabe 106 Jahre alt geworden wäre. Was heute mit dem Datum von Adornos Geburtstag, dem 11. September, verknüpft ist - so Kluge - hätte Adorno allerdings verblüfft, denn er habe sich stets für ein Glückskind gehalten. Aber da ist auch der Mitverfasser des Satzes: "Die vollends aufgeklärte Erde erstrahlt im Zeichen triumphalen Unheils." Auch ohne diesen Satz zu zitieren, war Kluge, der von Adorno auch die Unruhe des Geistes geerbt hat, da schon am Kombinieren und Rekombinieren, am Erzählen neuer möglicher Geschichten mit unterschiedlichen Ausgängen: Der 11. September, Tschernobyl, der Untergang der Lehmann Bank ... Gegen das Verhängnis hätte Adorno - "wenn er neben mir stünde", sagte Kluge - mit wachem Geist stets etwas gefunden. VOLKER BREIDECKER

