2013 Von: Tobias Schmidt

Der Wirklichkeit das Fürchten lehren

Literaturkritik.de

Alexander Kluges hoch aktuelle „Theorie der Erzählung“


Im Juni 2012 hielt Alexander Kluge seine Frankfurter Poetikvorlesung unter dem Titel „Theorie der Erzählung“, ein „schwieriges Thema“, wie Kluge gleich anfangs bemerkt. Nun liegen die vier Vorlesungen als Mitschnitt auf DVD in der filmedition suhrkamp vor und erlauben einen hervorragenden Einblick in das Denken eines der großen Schriftsteller unserer Zeit. Ganz anders als die bekannteren Vertreter seiner Generation, wie etwa Martin Walser oder Günter Grass, gilt Alexander Kluge als ein Autor, der radikal auf die Gegenwart bezogen arbeitet und nicht davor zurückschreckt, jüngste Ereignisse und Entwicklungen in seine Texte und Filme zu integrieren.

Der Titel der Vorlesungsreihe stellte sich, so Kluge, im Nachhinein als schwierig heraus, und so muss Kluge zuerst den Begriff der Theorie erläutern, den er von der Kritischen Theorie Theodor W. Adornos und Max Horkheimers her denkt, für die Theorie „der Orientierung in wesentlichen Fragen“ dient, genauer als eine Haltung, eine „Fähigkeit sich zu orientieren“. Die Theorie verfolgt unmittelbar ein politisches und praktisches Interesse, indem sie fragt, um weiter zu kommen ohne zu wissen, ob es etwas nutzt. Kluge verdeutlicht das an dem Beispiel eines französischen Philosophen, der zur Zeit der Französischen Revolution in Paris einen Leuchtturm für Verirrte in der Wüste bauen wollte. Dass dieser nie gebaut wurde, ist für Kluge nicht wichtig. Wichtig ist aber das Potential dahinter, die Möglichkeit der Theorie so etwas überhaupt im Bereich des Denkens zuzulassen. Dieser „einsame Versuch der Theorie“ ist das Grundmovens der Poetikvorlesungen.

Dies wird immer wieder deutlich, wenn Kluge sich sehr stark auf das Verhältnis von Wirklichkeit und Erzählen konzentriert, das zur Scharnierstelle aller vier Vorlesungen avanciert. Dabei stehen sich beide keinesfalls antagonistisch gegenüber, sondern bedingen einander in ganz elementarer Weise, denn die Wirklichkeit selbst ist in sich heterogen strukturiert und neigt mitunter zum Erzählen. Das Erzählen drückt sich für Kluge am besten in dem aus, was er ,Lebensläufe’ nennt, jene von ihm bevorzugte Form, die nicht etwa nur den Lebenslauf einer Person meint, sondern die Gleichzeitigkeit verschiedener Zeiten in einem Leben(slauf): Im „kleinen Gemeinwesen eines Körper sind die Bürgerkriegsparteien der Vorfahren friedlich vereint“. Lebensläufe als Erzählform sind von großer Flexibilität gerade weil sie vielverzweigt sind in den Zeiten. Demgegenüber ist die Realität steif, hart und brüchig, doch in dieser Steifigkeit liegt auch ihr Potential. Denn gerade diese Eigenschaft ist es, die den Menschen die Realität zu einer „groben Erfindung“ macht, das heißt, die Realität zum Material des Erzählens wird. Es ist der „Antirealismus des Gefühls“, der die Realität leugnet und eine „illussionistische Abfälschung der Erfahrungen“ provoziert. Im Aufeinandertreffen von Gefühl und Realität in der Erzählung treten die Brüche des Wirklichen zu Tage. Diese Brüche aber, so die erste Regel des Erzählens, dürfen keinesfalls gekittet werden. Die zweite Regel benennt Kluge mit dem „Respekt vor der subjektiven Gegenwehr der doppelten Erzählung des Realen durch Menschen, die sich mit einer Realität nicht abfinden, sondern verändern“.

Auch der Begriff der Erzählung wird von Kluge präzisiert, indem er sie zunächst von der Information abgrenzt. Im Gegensatz zur bloßen Information, die als eindimensional sowohl zeitlich wie auch räumlich zu verstehen ist, ergänzt die Erzählung die Information um die „übrigen Zeiten“ und die „Grammatik der Erfahrung“, in der sich Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft und die Wünsche bündeln – und die Erzählung allererst begründen. Dadurch setzt sie sich gleich in doppelter Weise von der Information ab: Sie ist nämlich mehr als diese und deshalb „nicht unter allen Umständen praktisch“, sondern geht Umwege und Schleichwege. Indem die Erzählung also mehr als Information und dazu weniger praktisch ausgerichtet ist, kann sie in vielen Realitäten gleichzeitig tätig sein. So wird das Erzählen nie eindeutig, sondern immer vieldeutig sein.

Mit der Bestimmung der Begriffe Theorie und Erzählung schlägt Kluge den Bogen zum eigentlichen Thema seiner Vorlesung: „Das Subjektive ist genauso hart und stark und massiv wie alles Objektive zusammen“. Von dort ausgehend nähert sich Alexander Kluge schließlich dem Poetischen selbst, das im Kampf zwischen dem Subjektiven und dem Objektiven der Realität eine Mittlerrolle spielt, indem es das Reale bestreitet und zugleich den Drang hat, sich mit dem Realen zu vereinen. Dabei ist das Poetische immer einfach und teilt dennoch Komplexes mit.

Das Poetische, wie es Alexander Kluge begreift und beschreibt, fußt dabei auf mehreren Eigenschaften. Die erste und wichtigste ist die Konzentration, die sich bei Kluge immer „in der Spitze des Stiftes“ bündelt. Als zweites muss das Poetische mit mehr als den fünf Sinnen arbeiten, um die ganze Bandbreite des Realen abschöpfen zu können, etwa durch die „Sinnlichkeit des Habens“, die anders erzählt als das Hören oder Sehen. Mündlichkeit ist ein weiteres wesentliches Moment des Poetischen, um Authentizität zu liefern. Schließlich gehört auch das Sammeln und Finden zum Poetischen, ein „archäologischer Blick“ für die Brüche im Realen. Metaphern dann bilden durch ihr Zusammenschnüren oft weit entfernter Dinge eine Eigenschaft des Poetischen, indem sie das Reale und das Subjektive vereinen. Die verschiedenen Modi der Zeit, wie erzählte Zeit, erzählbare Zeit und das für alle Literatur wichtige „Crossmapping verschiedener Zeiten“ gehört ebenso zum Poetischen wie schlussendlich die Montage, die die Autonomie der einzelnen Teile (des Filmes oder des Textes) sichert und zusammenbringt.

Als Stoff des Poetischen nun gilt es, das „Nicht-Erzählte“ zu bestimmen, das alles bisher Erzählte bei weitem übersteigt. Dieser „Erzählraum“ der „Wirklichkeitsmassen“ beherbergt eine Form der Darstellung, die wir bisher noch nicht kennen aber die wir finden müssen, um diesen gigantischen Erzählraum erst erzählbar zu machen. Das Erzählen selbst kann diesen Raum erschließen. Indem Kontraste offen gelassen werden zwischen Erzählungen, werden auch Zwischenräume erkennbar, in denen das Nicht-Erzählte nistet oder zumindest erahnbar ist. Kluge vergleicht diese Methode des Erzählens, also die Offenlegung von Kontrasten, mit der Kadrierung des Filmes, wo die Grenzen der filmischen Einstellung immer auf das Außen, das Nicht-Gezeigte verweisen. Und um diesen Stoffmassen des 21. Jahrhunderts Herr zu werden, sind erzählerische Methoden notwendig, die dem angemessen sind. Lineares Erzählen kann das nicht mehr leisten. Das Erzählen muss konstellativ, muss gravitativ werden.

Es ist ein Vergnügen und eine Inspiration, Kluge fast vollkommen frei vortragen zu hören. Immer wieder werden literarische Texte als Beispiele vorgelesen oder Filme eingespielt. Die gesamte Aufmachung der DVD-Ausgabe ist hervorragend gestaltet und mit einem umfangreichen Booklet versehen, das die Vorlesungen zusammenfasst und weitere literarische Texte und Fotos beifügt. Als Bonus gibt es den fast 90-minütigen Mitschnitt einer Lesung Alexander Kluges im Frankfurter Literaturhaus mit anschließender Diskussion.

Alexander Kluge hat eine hoch aktuelle und den Anforderungen der globalen Informationsflut begegnende „Theorie der Erzählung“ beschrieben, die keine konservativen oder reaktionären Rückzugsgefechte liefert, sondern im Hinblick auf jüngere Schriftsteller geradezu als Aufforderung zu verstehen ist, sich der Welt, der Realität und ihren Brüchen zu stellen und dabei immer das Subjektive im Blick zu behalten, ja zu versuchen, das Subjektive gegenüber dem Realen zu verteidigen. Das ist bei weitem kein Plädoyer für eine Poetik des Autobiografischen. Was Alexander Kluge entwirft, ist das genaue Gegenteil: das weiche Menschliche soll der harten Wirklichkeit das Fürchten lehren.

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