2010 Von: Uwe Schütte

Kritische Theorie als Literatur

Wiener Zeitung - Printausgabe vom Samstag, 09. Jänner 2010

Kluge, Alexander: Das Labyrinth der zärtlichen Kraft


Alexander Kluge. Foto: apa

In seinen "166 Liebesgeschichten" schärft das mediale Multitalent Alexander Kluge einmal mehr den Möglichkeitssinn.

Zunächst denkt man: Mogelpackung! Denn nicht wenige der 166 Liebesgeschichten, die Alexander Kluge auf über 600 Seiten in "Das Labyrinth der zärtlichen Kraft" versammelt, sind bereits in "Basisgeschichten" (2000) erschienen. Doch kaum hat man ein wenig in das neue Buch hineingeblättert, um sich da und dort festzulesen in Geschichten, die Titel tragen wie "Ein Leninist des Gefühls" oder "Fremdsprachigkeit in der Liebe", packt einen sogleich wieder die Faszination, die Kluges – in vielerlei Hinsicht einmalige – Literatur in ihrem merkwürdigen Schillern zwischen Dokument und Fiktion ausübt.

Ohnehin ist die Wahrheit nicht selten unglaublicher als jede Erfindung. Auch das zeigt Kluges Buch etwa anhand von sechs dem Soziologen und Systemtheoretiker Niklas Luhmann gewidmeten Geschichten, die schon im Vorfeld für einen gewissen Aufruhr gesorgt hatten. Wie der mit Theodor W. Adorno gut bekannte Kluge nämlich recherchiert hat, hielt der damals noch völlig unbekannte Luhmann just während der heißen Hochphase der deutschen Studentenrevolte zu Ende der sechziger Jahre ein Vertretungsseminar für Adorno an der Uni Frankfurt. Das dazugehörige Manuskript wurde erst 2007 entdeckt, trägt den einfachen Titel "Liebe" und erweist sich als Grundlage jenes 1982 erschienenen Buches, mit dem Luhmann weit über die Grenzen von Soziologie und Philosophie bekannt wurde: "Liebe als Passion".

Darin wendet der Soziologe die kalte Systematik der Systemtheorie auf das rätselhafteste aller menschlichen Gefühle an, um zu dem Ergebnis zu kommen, dass Liebe die gesellschaftliche Steuerungs- und Kommunikationsfunktion besitzt, eine "unwahrscheinliche Kommunikation wahrscheinlich" zu machen. Das unwahrscheinlich erscheinende Szenario, dass der spätere Urheber der wichtigsten Gegenströmung zur Kritischen Theorie mit Adorno zusammensitzen und ausgerechnet über dessen Liebeskummer philosophieren sollte, ist eine der mög-lichen Erfindungen, die in dem Buch geschildert werden.

Worum es Kluge in seiner neuen Geschichtensammlung einmal mehr geht, ist den Eigensinn der Literatur gegenüber dem platten Wirklichkeitsbild der Medien zu behaupten. Im Erzählen (und Wiedererzählen) seiner Geschichten, die nicht selten ergänzt werden durch teils authentisches, teils gefälschtes Faktenmaterial (wie Fotografien oder Statistiken) will er die Welt zum Oszillieren bringen und im Leser jene intellektuelle Fähigkeit wecken, die uns im Alltag ausgetrieben wird: den Möglichkeitssinn. Kluge erzählt exemplarische Fallgeschichten, die wir mit unseren eigenen Erfahrungen vergleichen können, um so das Gespür für die verborgene, aber immer präsente Möglichkeit eines anderen Umgangs mit uns selbst und mit anderen Menschen zu schärfen. Kritische Theorie in literarischer Form.

In seinem abschließenden Essay macht sich Kluge mit einem theoretischen Instrumentarium daran, der zärtlichen Kraft des Liebe auf die Schliche zu kommen. Auch dabei hat er wiederverwertet, nämlich aus der großen Studie "Geschichte und Ei-gensinn" (1981), die er zusammen mit dem Soziologen Oskar Negt verfasst hat. Das Schlusskapitel funktioniert als Ergänzung wie Gegengewicht zu den literarischen Texten und demonstriert nochmals eindringlich die Spannbreite und den unorthodoxen Ansatz des Multitalents Kluge.

Dass seinem Buch zudem eine DVD mit einer Spieldauer von zweieinhalb Stunden beiliegt, die 21 Kurzfilme aus der permanent auf Höchsleistung laufenden Filmwerkstatt Kluges enthält, ist ein weiterer Grund, warum sich "Das Labyrinth der zärtlichen Kraft" als ein Pflichtkauf nicht nur für frisch Verliebte erweist.

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