2010 Von: Ursula März

»Der August ist ein gefährlicher Monat«

Zeit Online Kultur

Die Felder sind abgeerntet, die Zeit steht still, das Jahrhundert entgleist: Ein Gespräch mit Alexander Kluge über die Wonnen und die Einsamkeiten im August


Alexander Kluge am 3. August, 10 Uhr, vor Schloss Elmau in Oberbayern Alexander Kluge © Michael Herdlein für DIE ZEIT

DIE ZEIT: Wie fühlt sich für Sie der August an?


Alexander Kluge: Der August ist eine Ebene, eine Fläche, man könnte auch sagen, er ist ein stillstehender Teich, der Monat, in dem jegliche Betriebsamkeit gesenkt, in dem eine Art allgemeine Schulpause eingelegt wird.


ZEIT: Ulrich beschließt in Musils Mann ohne Eigenschaften an einem Augusttag 1913 »Urlaub vom Leben« zu nehmen.

Kluge: Ja, das ist ein gutes Beispiel aus der Literatur, in dem sich die Sehnsucht ausdrückt, die in diesem Monat liegt. Der August ist ja schon in seinem Namen ein Sehnsuchtsmonat. Er geht auf den Kaiser Augustus zurück, eigentlich ein erhabener Kaiser…

Alexander Kluge

Der Autor und Filmemacher ist 1932 geboren. Demnächst erscheint sein Buch »Dezember« (gemeinsam mit Gerhard Richter). Für die ZEIT suchte er nach dem Charakter des August

ZEIT: … er wollte einen Monat nach sich benennen, Julius Cäsar hatte schon den Juli…

Kluge: … und obwohl er sich sonst immer seitlich stellt und sagt, ich bin nur erster Bürger, nur Prinzeps, hat er sich in diesem Monat verewigt, er führte auch den 15. August als Feiertag, als arbeitsfreien Tag ein. Selbst die römischen Sklaven hatten arbeitsfrei.

ZEIT: Dieser Ferragosto ist in Italien bis heute der Urlaubstag schlechthin, an dem das ganze Land ans Meer fährt. Wohin verlagert sich der Deutsche, wenn er Urlaub vom Leben macht?

Kluge: Wenn Sie in Berlin 1936 ein Auto hatten, dann fuhren Sie im August in den Harz, man fuhr in die deutschen Mittelgebirge. Heute verlagert man sich überallhin, in die Karibik, nach Mallorca, nach Rügen oder nach Sylt.

ZEIT: Arbeiten Sie im August?

Kluge: Ich arbeite immer im August. Ich kann in der Sommerfrische in Elmau natürlich sehr viel besser arbeiten als zu Hause, ich bin ungestört von Kontakten, das Telefon klingelt nicht, ich bin entspannter, ich kann früher aufstehen, ich habe nicht das Gefühl, ich müsste länger schlafen, sonst wäre ich den Tag über müde. Der August ist ein absoluter Arbeitsschwerpunkt für mich. Da schreibe ich Geschichten.

ZEIT: Auch ein Lesemonat? Viele Leute nehmen sich ja für den Sommer große Leseprojekte vor, noch einmal oder zum ersten Mal Krieg und Frieden, Prousts Recherche, den Mann ohne Eigenschaften und Ähnliches.

Kluge: Ich habe einen ganz anderen Zugang. Ich lese das ganze Jahr über, ich lese immer, Sie können mich auf die Toilette setzen, und ich lese, wenn ich allein esse, lese ich, aber wahllos, das heißt, nicht als Bildungsprojekt. Nehmen wir mal an, wir reden jetzt über den August und übers Wetter, dann lese ich noch mal nach, den Anfang vom Mann ohne Eigenschaften, die ersten dreißig Zeilen, diesen Augusttag 1913, den Musil mit einem Riesenwetterpanorama beschreibt.

ZEIT: Der August spielte 1989 eine große Rolle, es war der Beginn der Massenflucht aus der DDR…

Kluge: … ja, sie ging im Grunde auch aus einer Ferien-, einer Reisestimmung hervor.

ZEIT: Konkret aus der Friedensdemonstration an der ungarisch-österreichischen Grenze, dem paneuropäischen Picknick am 19. August 1989. für drei Stunden wurde damals der Eiserne Vorhang geöffnet, und ein paar Hundert DDR-Bürger nutzten das.

Kluge: Und der August war eine Art Tarnkappe für die Weltöffentlichkeit.

ZEIT: Es dürfte kein Zufall sein, dass der Beginn des Mauerbaus auf den 13. August 1961 fiel?

Kluge: Es ist ein typisches Augustereignis, alle sind in Urlaub, nichts ist in dieser Phase bereit für eine Gegenaktion. Das macht den August so gefährlich. Die Vereinbarung, dass alle sich zu einem Zeitpunkt ausruhen, sich entschließen, gemeinsam den Stress zu senken, die macht den August gefährlich. Wenn eine politische Aktion geplant ist, dann sollte sie im August stattfinden oder in der Zeit zwischen Weihnachten und Silvester. Der Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan seinerzeit, das ist ein typisches Ereignis zwischen Weihnachten und Silvester, im Schatten der Feiertage wird so etwas gemacht. Der August wiederum ist der Monat, in dem das 20. Jahrhundert entgleiste.

ZEIT: Inwiefern?

Kluge: Insofern, als wir am 1. August 1914 den Ausbruch des Ersten Weltkriegs erleben. Es gibt zwei wichtige Daten: Der 8. August 1918 ist der Tag der entscheidenden Niederlage, nach welcher Ludendorff der Regierung geraten hat, wir sollten um jeden Preis um Waffenstillstand bitten, und der 1. August 1914 ist dieser verhängnisvolle Tag, dessen Kollateralschäden im Grunde genommen 31 Jahre dauerten. Es war ja eigentlich ein dreißigjähriger Krieg, der nur kurz unterbrochen wurde durch eine Art Waffenstillstand bis 1939, und wenn Sie es historisch nehmen, können Sie es bis 1989 zählen. Diese Ohnmacht des Politischen, diese Leichtfertigkeit, die ist für mich sehr stark symbolisiert mit diesem Gefühl von 1914: Alle sind in Ferien, der Kaiser auf Nordlandfahrt, der Generalstabschef in Karlsbad. Norderney und Borkum, das sind die Badeorte, wo alles sitzt. Die sitzen zum Teil demonstrativ dort, um vorzutäuschen: Es gibt keine Krise. Und alle Sekundärtugenden des Politischen, also Planung, List, Wagemut, Vorsicht, sind gründlich demontiert und dementiert. Und es ist überhaupt nicht gesagt, dass unser 21. Jahrhundert davor gefeit wäre. Wenn Sie die Klimakonferenz nehmen in ihrem Verlauf, dann bemerken Sie Unentschiedenheiten und eine Ohnmacht des Politischen, die nicht viel anders ist als 1914, und wir, die Enkel, setzen noch eins drauf. Ich kann es gar nicht Leichtsinn nennen, es ist diese Willkür, ein Umgang mit dem Zufall, der die Welt so gefährlich macht, die Bereitschaft, jetzt auch noch zum Spieler zu werden.

ZEIT: Im August 1945 waren Sie dreizehn Jahre alt, wo waren Sie, was haben Sie gemacht?

Kluge: Ich bin noch in Halberstadt, ich gehe dann 1946 zu meiner Mutter nach Berlin, und August 45, das ist für uns Kinder Landeinsatz, alle Gymnasiasten werden in Lastwagen auf die Äcker gekarrt. Ich überlege, ob das Korn noch stand. Wenn es noch stand, haben wir Rüben verzogen, und wenn es nicht mehr stand, haben wir Ähren gelesen. Aber auf jeden Fall wurden wir landwirtschaftlich eingesetzt aus Disziplinierungsgründen.

ZEIT: Am 6. und am 9. August 1945 wurden Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki abgeworfen.

Kluge: Das hat uns als Kinder nicht erreicht.

ZEIT: Eines der größten Gedichte von Gottfried Benn beginnt mit den Zeilen »Einsamer nie als im August«.

Kluge: Ja, ein wunderbares Gedicht (nimmt einen Gedichtband von Benn und liest laut) . »Einsamer nie als im August: / Erfüllungsstunde – im Gelände / die roten und die goldenen Brände«, das ist wohl das Gestrüpp der geernteten Kartoffeln, das, was nicht zur Ernte gehört und verbrannt wird, das wird Benn wohl meinen. »Doch wo ist deiner Gärten Lust?«, das ist die erste Frage, aber wen spricht er an?

ZEIT: Ich denke sich, im Selbstgespräch, es heißt weiter: »Die Seen hell, die Himmel weich, / die Äcker rein und glänzen leise.«

Kluge: Das ist eine ruhende Welt. Ein kontinentales Europa außerhalb von Städten, das ist extensive Landwirtschaft, nicht die Welt des Ruhrgebiets. Es zeigt sich die Einsamkeit des Eremiten, Hieronymus im Gehäus, er kann in einer Zelle sitzen, aber im August kann er nach draußen gehen, niemand stört ihn. Benn war ein nervöser Großstädter, im August findet der Eremit sein Glück auch außerhalb der Zelle.

ZEIT: Und wie ist es um die Liebe im August bestellt?
Kluge: Ja, darüber muss man nachdenken. Kinder werden ja vor allem im März und April gezeugt. Der August ist vielleicht dafür geeignet, sich langsam und gut kennenzulernen, man ist nicht so eingepackt, die Abende sind noch lang, die Zeit ist gedehnt.

Das Gespräch führte Ursula März