2010 Von: Conny Crumbach

Action-Painting und Tränen der Rührung

WDR.de / Kultur

Grimme Preis: Engagierte Dokus und niveauvolle Unterhaltung   Senta Berger ist entspannt, Alexander Kluge gerührt und der Moderator von "Willi wills wissen" überrascht NRW-Minister Armin Laschet mit einer Action-Painting Performance. Bei der Verleihung des Grimme-Preises in Marl wurde gelacht, geweint und vor allem gratuliert.


Regenschirm aufgeklappt und Beine in die Hand - nur so erreichen Schauspieler und Filmemacher am Freitagnachmittag (26.03.10) trockenen Hauptes das Grimme-Institut in Marl. Es regnet in Strömen und schon der kurze Weg vom Taxi bis zum Eingang würde ohne Schirm eine sehr nasse Angelegenheit. Jedes Jahr treffen sich die Grimme-Preisträger vor der Gala im Marler Theater hier zu einem Empfang und stellen sich dem Blitzlichtgewitter und Fragenmarathon der Presse. So sind vor Ort auch weitaus mehr Fotografen und Journalisten als Prominente.

Senta Berger: "Frau Böhm ist ein Film über Zivilcourage"

Senta Berger; Rechte: WDR/Crumbach

Entspannte Gewinnerin

Gegen 17 Uhr, als der Empfang im Institut schon fast zu Ende geht, erscheint eine sehr entspannte Senta Berger: "Ich habe die letzten drei Tage in meinem Garten auf der Leiter gestanden und Rosen geschnitten", sagt sie lächelnd in die Journalisten-Runde und zeigt zum Beweis ihre zerkratzen Arme. In zwei Stunden wird sie für den WDR-Film "Frau Böhm sagt nein" ausgezeichnet. Es ist bereits der dritte Grimme-Preis für die Schauspielerin, nach "Kir Royal" und "Unter Verdacht". Die Freude schmälert das bei Frau Berger jedoch nicht: "Die Grimme-Preise haben bei mir zu Hause einen Ehrenplatz", sagt sie. "Frau Böhm sagt nein" ist für die Schauspielerin vor allem ein Film über Zivilcourage. "Frau Böhm steht kurz vor der Pensionierung und lernt zum ersten Mal in ihrem Leben, dass ihre Meinung wichtig ist. Dann muss sie eine Entscheidung treffen."

Frauenpower und strenger Zeitplan

Dorothee Schön, Connie Walther, Senta Berger und Lavinia Wilson;  Rechte: dpa

Die Frauenpower von "Frau Böhm"

Am Abend bei der Gala im Theater steht Senta Berger dann gemeinsam mit Regisseurin Connie Walther, Autorin Dorothee Schön und Schauspiel-Kollegin Lavinia Wilson auf der Bühne, denn alle vier erhalten für "Frau Böhm sagt nein" den Grimme-Preis. "Richtige Frauenpower hier", kommentiert Moderatorin Desirée Nosbusch den Auftritt. Nosbusch führt stramm durch die Preisverleihung, denn bei einer Live-Übertragung sitzt der Moderatorin die Zeit im Nacken und keine Ehrung darf zu lange dauern. So kann Senta Berger ihren letzten Kommentar zum Film auch nur noch kurz vor Verlassen der Bühne loswerden: Die Arbeit an dem Film habe ihr sehr viel Spaß bereitet, sagt sie. "Und jetzt werde ich dafür auch noch belohnt. Ist das gerecht?" fragt sie schnell noch ins Publikum.

Klamauk und beklemmende Bilder ganz nah beieinander

Helmar Willi Weitzel mit Sonderpreis des Landes  Nordrhein-Westfalen; Rechte: ddp

Willi macht Kunst

Knapp zwei Stunden dauert die Preisverleihung im Theater, bei der insgesamt 12 "echte" Grimmes und vier Sonderpreise vergeben werden. In dieser kurzen Zeit werden den Zuschauern die Bandbreite und die Möglichkeiten des Leitmediums Fernsehen manchmal in fast schon brutal harten Schnitten vor Augen geführt. Zunächst ist es kurzweilig auf der Bühne. Etwa als Nosbusch die Preise in der Kategorie Unterhaltung überreicht, bei der Ina Müller mit ihrer Talk-Show "Inas Nacht" (ARD/NDR) und die ZDF "heute show" das Rennen machen. Oder als Armin Laschet Moderator Helmar "Willi" Weitzel ("Willi will's wissen"/BR) mit dem Sonderpreis des Landes NRW ehrt. Denn als Dank gibt es von Weitzel eine Action-Painting Performance, bei der er sich im Anzug über eine Leinwand mit noch feuchter Farbe wälzt und sich danach für das Shake-Hands mit dem Minister einen weißen Handschuh überzieht.

Direkt auf diesen originellen und kurzweiligen Dank folgen Bilder einer Dokumentation, in der Augenzeugen über die Massaker auf dem Platz des himmlischen Friedens in Peking berichten. Im Theatersaal verstummt das Lachen.

Vom Filmemacher zum Therapeuten

Ming Shi und Thomas Weidenbach; Rechte: WDR/Crumbach

Filmemacher Weidenbach und Shi

Die Film-Ausschnitte, die für die Stille im Saal sorgen, stammen aus der WDR-Dokumentation "Tiananmen" der beiden Filmemacher Thomas Weidenbach und Ming Shi. Für beide ist es der erste Grimme-Preis. "Wir schweben zwar nicht auf Wolke sieben, aber mindestens auf Wolke 6", scherzt Thomas Weidenbach kurz vor der Preisverleihung in Marl. Für ihren Film haben die Journalisten, die seit über 15 Jahren zusammenarbeiten, eine Fülle von Archivmaterial zusammengetragen, aber auch mit Augenzeugen gesprochen. Keine einfache Aufgabe, denn viele der Interviewten sind von den Massakern heute noch stark traumatisiert: "Mit einer Frau in Schweden habe ich vier Tage gesprochen. Erst am fünften Tag konnte sie mir schildern, was sie erlebt hat", berichtet Shi. "Bei so einem Thema wird man vom Journalisten schnell zum Therapeuten", sagt er weiter. Auf der Bühne bedankt sich Shi darum vor allem bei den Protagonisten des Films.

Ehrenpreis für Alexander Kluge

Alexander Kluge; Rechte: dpa

Kluge küsst Grimme

Als Rita Süßmuth gegen Ende der Gala die Laudatio für Alexander Kluge hält, dem die "Besondere Ehrung des Deutschen Volkshochschul-Verbandes" verliehen wird, sieht es so aus, als wenn dem gestandene Fernsehmacher, Autor und Produzent Tränen der Rührung in den Augen stehen. "Er erhält zwar den Preis für sein Lebenswerk, aber mit seinem Lebenswerk ist er lange noch nicht fertig", so Süßmuth. Kluge selbst appeliert auf der Bühne an alle Kollegen: "Fernsehen ist ein Leitmedium und darum sollte dort das Beste, was wir haben, hinein."