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ber die Dialoge zwischen Heiner Mller und Alexander Kluge

Zum 20. Todestag des Dramatikers am 30. Dezember 2015


Unterschiedliche Methoden, hnliche Haltungen

ber Rainer Werner Fassbinder und Alexander Kluge


BER KLUGE:

Glass Shards: Echoes of a Message in a Bottle (Alexander Kluge-Jahrbuch)

Flaschenpost war Adornos resignative Metapher aus dem Jahr 1940 fr die eingebte Wirkungsmacht...


ZULETZT ERSCHIENEN:

Chronique des sentiments, Tome 1 : Histoires de base (Franzsisch)

"Ce dont les hommes ont besoin au cours de leurs vies, c'est d'orientation. Comme il en faut aux bateaux. Telle est la fonction d'un si gros livre : que l'on compare, se sente repouss ou attir. Un livre est comme un miroir. [...]


BUCHTIPP:

DVD TIPP:

Smtliche Kinofilme

Alexander Kluge. Das Kino ist ein Phnix. Smtliche 57 Kinofilme auf 16 DVDs. Die neue Groedition...


Jetzt noch einmal anders auf Franzsisch

Freude am Literaturexport: Alexander Kluge macht aus der bersetzung seiner Chronik der Gefhle eine Ausgabe letzter Hand

Von Alfred Prdhumeau

Beim Pariser Verlag P.O.L. ist vor wenigen Tagen die Chronique des sentiments von Alexander Kluge erschienen, die als Chronik der Gefhle auf Deutsch 2000 bei Suhrkamp verffentlicht wurde und damals breite Resonanz fand, hatte sich doch mit diesem Werk, nach langer Abstinenz, der Filmemacher und Medientheoretiker Kluge als Schriftsteller zurckgemeldet. Die franzsische Ausgabe ist genauso volumins wie die deutsche, 1136 Seiten fr den nun publizierten ersten Band; der zweite ist fr Ende 2017 vorgesehen. P.O.L. wagt sich damit an ein noch weitaus ambitionierteres Projekt heran: Der Verlag macht damit den Auftakt zu einer insgesamt fnfbndigen franzsischen Ausgabe, die unter dem Obertitel Chronique des sentiments das vollstndige schriftstellerische Werk des heute vierundachtzigjhrigen Kluge versammeln soll. Bei genauerem Hinsehen wird man rasch feststellen, dass dieses Vorhaben einhergeht mit substantiellen Textvernderungen der bisherigen (deutschen) Chronik: Die Gesamtstruktur wurde verndert, Inhalte aus anderen Werken, die sich bisher nicht in der Chronik befanden, wurden eingefgt, andere wiederum auf zuknftige Bnde vertagt. Die P.O.L.-Chronique beginnt mit dem ersten Kapitel aus Kluges Fnftem Buch Neue Lebenslufe, das auf Deutsch 2012 erschienen ist. Die ursprnglich ersten beiden Kapitel der Chronik wird man auf Franzsisch erst in einem der weiteren Bnde kennenlernen knnen. bernommen wurde dafr zustzlich in die Chronique der Text Wer ein Wort des Trostes spricht, ist ein Verrter ber den hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer. Einzelne Kapitel, wie zum Beispiel die Schlachtbeschreibung, wurden inhaltlich revidiert: Hier hat man es inzwischen mit der (wahrscheinlich) vierten Version Kluges ber die Kesselschlacht von Stalingrad zu tun, und die nun getroffene Entscheidung zur Textgestalt liest sich wie eine spte Reverenz an Marcel Reich-Ranicki, der 1964 als Kritiker der Zeit die dokumentarischen Teile dieses Werks moniert hatte. Drei der dokumentarischen Kapitel im Gesamtumfang von etwa hundert Seiten wurden nun gestrichen das schuf den Platz fr Fritz Bauer. Auch die Verwilderte Selbstbehauptung. Heidegger auf der Krim und die Basisgeschichten wurden von Kluge leicht bearbeitet Letztere liefern den Untertitel des franzsischen Bandes.

Wie will man diese Vernderungen beurteilen, eingedenk der Tatsache, dass franzsische Leser wahrscheinlich nur die neue Fassung zur Kenntnis werden nehmen knnen? Die Logik einer rckwrts erzhlten Geschichtsbetrachtung aus der sechzehn Jahre alten deutschen Ausgabe wird aufgelst, und dadurch findet das zurckgewandte Eintauchen in Geschichte nicht mehr statt. Ebenso wird die Botschaft des Titels Chronik der Gefhle in Frage gestellt. Er signalisiert ja, dass Geschichte als Summe strukturierter Gefhlsatavismen zu betrachten sei. die tief in unseren berlieferten Denk- und Handlungsschemata eingelagert sind.

Die neue Struktur hat den Vorteil, dass sie fern geschichtsphilosophischer Betrachtungsweise eine Chronologie der Annherung an den Autor aufbaut, die ber die Kenntnisnahme autobiographischer Texte einen besseren Zugang zum Werk dieses deutschen Erzhlers erlaubt, der in Frankreich noch immer und fast ausschlielich als Koryphe des jeune cinma allemand wahrgenommen wird. Darber hinaus stellt der franzsische Band drei Texte in den Mittelpunkt, die als exemplarisch fr Kluges Sich-Befassen und Befasstsein mit deutscher Geschichte gelten knnen: die zu Heidegger, Stalingrad und Fritz Bauer. Die neuen Einstiegskapitel bieten, weil sie nicht ausschlielich autobiographisch gefrbt sind, sondern auch starken Aktualittsbezug aufweisen sie reichen inhaltlich bis 2011 dem Leser eine starke Motivation, sich mit den aufgeworfenen Fragen zu befassen, mit dem 11. September 2001 zum Beispiel oder mit Fukushima. Tragendes Motiv der Umgestaltung drfte die resultierende grere Nhe zum franzsischen Leser und zu dessen aktuellen Fragestellungen gewesen sein. Bleibt zu hoffen, dass er dieses Vorgehen honorieren wird und die geplante Gesamtausgabe nicht ins Stocken gert.

Stichproben ergeben, dass die eine oder andere Ungereimtheit in Kluges deutschem Text fr den franzsischen getilgt wurde (nicht alle jedoch: Rosa Luxemburg wird noch immer als Reichstagsabgeordnete bezeichnet). Der Anhang gibt zumindest ansatzweise Aufschluss ber einige textliche nderungen. Das Vorwort liefert wichtige Hinweise zu Kluges Werk und legt Rechenschaft ab ber die editorischen Prinzipien, die den Herausgeber Vincent Pauval in Zusammenarbeit mit dem Autor bei der Auswahl der Texte und deren Anordnung geleitet haben. Mit anderen Worten: Diese im Werden begriffene franzsische Ausgabe ist eine letzter Hand und somit unentbehrlich fr jede Kluge-Rezeption.

Ein Wort zur bersetzung: Vincent Pauval ist Lob zu zollen fr das Leiten eines Teams unterschiedlicher Temperamente und Stile. Der Text ist harmonisch und flssig zu lesen. Der zweisprachige Leser wird mglicherweise bemngeln, dass der franzsische Text zu schn gert und Kluges manchmal rauher Ton hinter der franzsischen Klangfarbe verstummt. Wie dem auch sei: In jeder bersetzung steckt ein Stck Verrat. Die Edition als solche verrt viel ber Alexander Kluge.   

FAZ, 26. April 2016